Es gibt einen sicheren Weg, um mit lateinamerikanischen Politikern und Sozialwissenschaftlern in einen Streit zu geraten. Man muss mit ihnen nur über Lateinamerikas "verlorene Dekade" der achtziger Jahre diskutieren und dann den "Washington Consensus" verteidigen. Diese Kurzformel steht für durch die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds betriebene haushalts- und arbeitsmarktpolitische Reformen für überschuldete lateinamerikanische Staaten. Sie waren die vertraglich vereinbarte Gegenleistung der Schuldnerstaaten für frisches Kapital von den Gläubigerstaaten. Ihre Kritiker verbinden damit vor allem kurzsichtige Sparprogramme, die schlimme konjunkturelle und soziale Folgen hatten. Gegner der Sparpolitik in Europa rechtfertigen damit heute ihre Position.

In der Tat gibt es Ähnlichkeiten zwischen Lateinamerika damals und Europa heute. Damals wie heute haben Staaten ihre Ausgaben reduziert und ihre Einnahmen erhöht, weil sie ihren finanziellen Verpflichtungen sonst nicht mehr hätten nachkommen können. Außerdem haben Lateinamerikas Staaten ihre eigenen Währungen abgewertet, um ihre Produkte im Ausland billiger zu machen und damit mehr zu verkaufen. In Europa wurden vor allem die Löhne gekürzt, um diesen Effekt zu erzielen. Ergänzt wurden die Programme durch Privatisierungen öffentlicher Betriebe.

Erst später erkannte man in Lateinamerika die Grenzen dieser reinen Stabilisierungspolitik:

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Erstens wurden durch die neuen Wechselkurse Importe aus dem Ausland teurer, die Nachfrage danach blieb aber gleich. Gleichzeitig dauerte es, bis die billigeren eigenen Produkte auf dem Weltmarkt mehr Nachfrage fanden. Zweitens kürzten die Schuldnerstaaten undifferenziert Sozialleistungen und verschärften so das Einkommensgefälle in den Ländern. So erhielten die positiven Elemente der Programme nie die breite Akzeptanz der Bevölkerung und ihrer Regierungen, um Aufbruchstimmung zu verbreiten. Drittens konnten die Privatisierungen wegen fehlender institutioneller Voraussetzungen – klare Insolvenzregelungen, effektivere Steuerverwaltung, durchsetzbares Bodenrecht – keine wirtschaftlichen Impulse setzen.

Zwei der wichtigsten Mängel wurden in Lateinamerika später angegangen. Dafür bildete sich die Kurzformel "Post-Washington-Consensus" heraus: Alle folgenden Programme wurden auf ihre Wirkungen für Arme hin geprüft und entsprechend angepasst, um negative Verteilungseffekte zu vermeiden. Zudem erhielten alle Programme eine längere Laufzeit, um institutionellen Reformen mehr Zeit zu geben.

Diese Lehren sind für die Krisenländer im Euro-Raum in dreierlei Hinsicht relevant. Erstens müssen die Programme zur Rettung des Euro die Wirkungen auf die Einkommensverteilung und die absolute Armut von Staaten wie Griechenland viel stärker berücksichtigen als bisher. Zweitens müssen den Ländern mehr Zeit und Mittel bereitgestellt werden, damit neue Regeln und Rechte reifen können. Drittens müssen auch die Geberländer sich reformieren und die Krisenstaaten so unterstützen.

Auch hier lässt sich aus der Lateinamerika-Krise lernen: Ende der achtziger Jahre boten die USA Mexiko die weitere Öffnung des US-Marktes durch die Gründung der Nordamerikanischen Freihandelszone an. Ähnliches könnten in Europa Reformen hin zu einer Vertiefung des Binnenmarktes leisten. In Deutschland sind etwa noch immer weite Bereiche des Dienstleistungssektors hoch reguliert und in den Händen nationaler, oft öffentlicher, Anbieter. Noch immer sind restriktive nationale Produktstandards eine Zugangsbarriere für Anbieter aus anderen EU-Ländern. Das sollte sich ändern. Die oft strapazierte Solidarität erhielte jenseits der finanziellen Hilfen viel mehr Glaubwürdigkeit, würde sie sich am Post-Washington-Consensus orientieren.