Was macht Männchen eigentlich männlich? Es ist eine uralte Frage, und wir wollen sie hier im klassischen Sinne behandeln: "männlich" als Synonym dafür, von den Weibchen immer nur das eine zu wollen. Für Ratten hat die Biologin Bridget Nugent nun eine klare Antwort gefunden – allerdings nicht durch Experimente mit männlichen, sondern mit weiblichen Tieren.

Zunächst einmal muss man wissen: Alle neugeborenen Säugetiere kommen von Natur aus mit einer Ausrichtung für die Entwicklung einer weiblichen Identität im Kopf auf die Welt, eines weiblichen Sexualverhaltens und folglich einer sexuellen Präferenz für Männer. Ein weibliches Gehirn ist also die werksseitige Voreinstellung der Natur. Dafür, dass nicht alle Tierchen gleich sind, sorgt erst ein kräftiger Ausstoß männlicher Sexualhormone aus den Hoden. Sie vermännlichen das neugeborene Hirn in nur wenigen Tagen. Am deutlichsten sieht man das im sogenannten präoptischen Areal (POA), einem Nervengeflecht, das bei Rattenmännchen etwa viermal größer und zudem dichter mit anderen Bereichen des Gehirns vernetzt ist als bei Weibchen. Neurobiologen wussten bereits, dass das POA für die sexuelle Ausrichtung des Hirns entscheidend ist. Wie aber wird es von einer weiblichen auf die männliche Ausrichtung umgepolt?

Um das herauszufinden, hat Bridget Nugents Forschergruppe neugeborene weibliche Nager einer rabiaten Behandlung unterzogen: Sie injizierte ihnen zwei blockierende Wirkstoffe direkt ins Gehirn. Und siehe da: Nachdem diese Rattenmädchen die Geschlechtsreife erreicht hatten, stellten sie hartnäckig ihren Geschlechtsgenossinnen nach. Nugent hatte die sexuelle Orientierung der Rattenmädchen also lesbisch gemacht. Und offenbar hat sie dabei dieselben Faktoren in Aktion treten lassen, die auch bei Männchen das nagertypische Machoverhalten starten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Aufsehen erregt dieses Experiment, weil die Forscher den natürlichen Mechanismus entdeckt haben, der neugeborenen Männchen zu ihrer männlichen Sexualität verhilft. Der Versuch zeigt, dass die voreingestellte weibliche Prägung bei neugeborenen Säugern durch spezielle Enzyme in den Nervenzellen des POA aktiv aufrechterhalten wird.

Diese sogenannten DNA-Methyltransferasen versehen im Erbgut die Bausteine bestimmter Gene mit chemischen Anhängseln (Methylgruppen), Epimarks genannt. Sie sind eine Art Stoppschalter und legen im weiblichen Gehirn all jene Erbanlagen still, die für die Vermännlichung seiner sexuellen Funktion erforderlich wären. Nicht die Erbanlagen selbst bestimmten also den weiteren Weg, sondern ihre epigenetische Steuerung.

Bei männlichen Neugeborenen löst erst der Ausstoß von Sexualhormonen die epigenetische Blockade auf: Sie hindern die Enzyme an ihrer Arbeit, die Zahl der Epimarks nimmt ab. Diesen Mechanismus haben die Forscher einfach imitiert, als sie den Rattenmädchen pharmazeutische Wirkstoffe spritzten. Denn auch die heben die epigenetische Abschaltung der Männlichkeits-Gene im Hirn auf. Und schon begehren Weibchen dann Weibchen.

Inzwischen haben Nugent und ihre Kollegen gemessen, welche Erbanlagen nach der Entfernung der epigenetischen Bremsen in Aktion treten, und so die Gene fürs Maskuline enttarnt. Wenn es stimmt, dass sie sowieso alle gleich sind – dann wissen wir endlich, was Männer zum echten Mann macht.