Wer gleiche Chancen für Frauen und Männer will, fordert vor allem bessere Chancen für Frauen: Die kürzlich beschlossene Frauenquote soll mehr Frauen in Führungspositionen bringen. Ein geplantes Gesetz will Unternehmen zwingen, die Gehälter von weiblichen und männlichen Angestellten offenzulegen. Das soll die Bezahlung künftig gerechter machen.

Klar, dass von mehr Gleichberechtigung vor allem die Frauen profitieren, schließlich haben sie einiges aufzuholen. Doch je mehr sie aufsteigt, umso mehr fühlt er sich abgehängt. Junge Männer sehen sich schon als Teil einer verlorenen Generation, die bei der nächsten Beförderungsrunde leer ausgeht. Den Führungsjob kann schließlich nur einer besetzen. Des einen Gewinn ist des anderen Verlust. Gleichberechtigung im 21. Jahrhundert ist ein Nullsummenspiel.

Doch nun kommt’s: Chancengleichheit ist kein Kuchen, der nur einmal verteilt werden kann, sondern etwas, was mit dem Teilen sogar noch wächst. Gleiche Chancen für Frauen bedeuten auch mehr Chancen für Männer. Das gilt in der Arbeitswelt wie in der Partnerschaft. Und auch der Nachwuchs kann sich glücklich schätzen, wenn er mit Eltern aufwächst, die sich Hausarbeit und Kindererziehung teilen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Diese These vertreten die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg und der Organisationspsychologe Adam Grant in einem kürzlich erschienenen Beitrag in der New York Times. Unter dem Titel How men can succeed in the boardroom and the bedroom argumentieren sie, dass Chancengleichheit auch für Männer gut ist – im Sitzungssaal (boardroom) wie im Schlafzimmer (bedroom).

Zum boardroom: Wie Frauen die Wirtschaft verändern, ist einigermaßen gut erforscht. Sie bringen eine andere Perspektive mit, kommunizieren mehr im Team und gehen weniger Risiken ein als Männer. Das macht sie nicht zu den besseren Chefs, sorgt aber für mehr Vielfalt. Gemischte Teams haben bessere Ideen als Gruppen aus lauter Gleichen. Sandberg/Grant zitieren eine Studie, wonach erfolgreiche Start-up-Unternehmen mehr als doppelt so häufig von Frauen geführt werden als solche, die scheitern. Eine Analyse unter den 1.500 größten börsennotierten US-Unternehmen kam zu dem Ergebnis, dass innovationsgetriebene Firmen an der Börse umso mehr wert sind, je mehr Frauen im Top-Management sitzen.

Nun sagt eine Korrelation noch nichts über eine Kausalität aus. Der Erfolg muss nicht allein an einem hohen Frauenanteil liegen, er kann auch Ausdruck einer innovativen und fortschrittlichen Firmenkultur sein, die Frauen einfach bessere Chancen einräumt.

Bedeutet der Aufstieg der Frauen einen Abstieg der Männer? Keineswegs. Wenn gemischte Teams die besseren Ergebnisse liefern, profitieren alle davon. Höhere Gewinne sorgen für höhere Belohnungen und mehr Beförderungen, auch für Männer.

Noch mehr als im Büro profitieren Männer von gleichberechtigten Partnerschaften zu Hause. Eine Studie der Universität von Kalifornien hat ergeben, dass Männer, die sich an der Hausarbeit beteiligen, die glücklicheren Frauen haben. Es kommt seltener zu Streit und in der Folge zu weniger Scheidungen.

Und jetzt zum bedroom: Paare, bei denen beide berufstätig sind und sich den Haushalt teilen, haben mehr Sex als solche mit einem Alleinverdiener. Die Erklärung der US-Forscher: Menschen, die hart arbeiten, kommen auch privat auf ihre Kosten.

Ob das mit Kindern so bleibt, sei dahingestellt. Sicher aber ist, dass Männer, die ihre Vaterrolle aktiv ausfüllen, nicht nur ihrem Sprössling, sondern auch sich selbst etwas Gutes tun. Eine Umfrage unter knapp 1.000 berufstätigen Vätern in den USA, die kürzlich im Fachblatt Academy of Management Perspectives erschienen ist, belegt: Je mehr Zeit Väter mit ihren Kindern verbringen, umso zufriedener sind sie mit ihren Jobs. Und sie leben auch gesünder als ihre kinderlosen Kumpels.

Am stärksten profitiert allerdings der Nachwuchs von anwesenden Vätern. Kinder, die mit einem engagierten Vater aufwachsen, sind glücklicher und seltener verhaltensauffällig. Sie tun sich leichter in der Schule und auch später im Beruf. Die Psychologin Alyssa Croft von der University of British Columbia hat herausgefunden, dass Töchter, deren Väter sich zu Hause einbringen, später häufiger eigene Karrieren verfolgen und seltener ein traditionelles Rollenmodell anstreben. Entscheidend war weniger, was der Vater sagte, sondern was er vorlebte.

Gleichberechtigung nützt beiden Geschlechtern. Das Problem der modernen Frauenbewegung ist, dass sie das nicht ausreichend vermittelt. Sie beruft sich immer nur auf Gerechtigkeit und das Gleichstellungsgebot im Grundgesetz. Natürlich ist das ein hoher Wert, doch es macht die Sache mit den Frauen zu einer Sache der Moral. Daraus leiten sich dann Appelle an Politik und Wirtschaft ab, Frauen durch Quoten und Gesetze stärker zu fördern.

Sandberg und Grant ziehen in ihrem Artikel einen Vergleich mit dem Kampf um das Frauenwahlrecht in den USA Ende des 19. Jahrhunderts: Solange sich die Aktivistinnen auf Gerechtigkeit beriefen, blieb ihr Kampf erfolglos. Sie durften erst an die Urne, nachdem sie den Verantwortlichen klarmachen konnten, dass sie mit dem Recht zu wählen die Gesellschaft verändern könnten – zum Besseren.

Solange Gleichberechtigung als Nullsummenspiel daherkommt, löst sie Abwehrreflexe aus: bei Unternehmen, die sich durch Quotengesetze gegängelt fühlen. Bei Männern, die aus Furcht, abgehängt zu werden, ihre Pfründen verteidigen.

Erst, wenn wir verstehen, dass Gleichberechtigung nicht nur richtig ist, sondern allen nützt, lassen sich diese Konflikte überwinden. Dann ist Chancengleichheit auch nicht mehr etwas, worum sich bloß Politiker und Firmenchefs kümmern sollten, sondern wir alle – in unseren Familien und Partnerschaften.

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