Eine kaputte EU-Flagge weht auf dem Syntagmaplatz in Athen © Reuters

Hätte Christoph Paulus Erfolg gehabt, wäre Griechenland längst insolvent. Ein Schiedsgericht hätte dann zwischen der griechischen Regierung und ihren Schuldnern vermittelt, hätte einen Mittelweg zwischen Teilerlass, Einsparungen und Reformen gefunden. Das Land wäre hart mit sich selbst ins Gericht gegangen und darüber wieder in eine solide Spur gekommen. Kein Hin und Her, keine immer neuen Verhandlungsrunden, kein Durchwursteln. Seit fünf Jahren suchen alle nach einem soliden Plan. Paulus hat ihn längst. Das Problem ist: Er hat sich nicht durchgesetzt.

Paulus ist Jurist, lehrt an der Berliner Humboldt-Universität und ist ein international renommierter Experte für Fragen des Insolvenzrechts. Seine Idee: So etwas wie das deutsche Insolvenzrecht für Firmen müsste es auch für Staaten geben. Eigentlich ganz einfach.

Paulus hat den Internationalen Währungsfonds bei der Staatspleite Argentiniens beraten, er unterstützt die Weltbank in Insolvenzfragen und die deutsche Delegation bei der Kommission der Vereinten Nationen für internationales Handelsrecht. Wenn er einen Kongress veranstaltet, finden sich die großen Namen aus Volkswirtschaftslehre und Juristerei selbstverständlich ein, und der Finanzminister steuert ein Grußwort dazu bei. Obwohl Paulus ein zumindest ungewöhnlicher Vorkämpfer in dieser sehr volkswirtschaftlichen Angelegenheit ist.

Das Planlose, das Vage und das Taktische von Markt und Politik sind ihm, dem Juristen, fremd. Dass ein Tatbestand wie eine Staatspleite keinen klaren Regeln folgen soll, erschließt sich Paulus nicht. Aus seiner Sicht, referiert er, handele es sich beim Staatsbankrott um eine jahrtausendealte politische Strategie. Von der Abwertung des römischen Sesterz während der Punischen Kriege im 3. Jahrhundert vor Christus über den dreifachen Staatsbankrott des spanischen Königs Philipp II. im 16. Jahrhundert, der seine Nürnberger Geldgeberdynastie in den Ruin trieb, bis zur griechischen Schuldenkrise der Gegenwart hat es aus Sicht des Rechtshistorikers Paulus Staatspleiten immer gegeben und wird es sie immer wieder geben. Dafür wünscht er sich nun einen Rahmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Konkret schwebt Paulus ein europäisches, im besten Falle internationales Schiedsgericht vor, das mit Elder Statesmen aus Recht und Politik besetzt ist, die Erfahrung mitbringen und auch ihr politisches Leben hinter sich haben, also keine Wahlen mehr gewinnen müssen. Dieses Gremium soll – anders als etwa der Verbund aus EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank gerade in Griechenland – nicht allein den Willen der Gläubiger durchsetzen, sondern eine vermittelnde Funktion einnehmen. Befolgen die Schuldner die mithilfe des Schiedsgerichts gefundene Abmachung zwischen Schuldner und Gläubiger nicht, soll das Gremium in Paulus’ Modell den gefundenen Kompromiss aufkündigen. Sofort wäre das betreffende Land wieder knietief im Dispo.

Seit 15 Jahren verfolgt Christoph Paulus dieses Vorhaben der geregelten Staatsinsolvenz. Einflussreiche Leute wie Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, Angela Merkel, Horst Köhler oder Peer Steinbrück haben seinen Vorschlag ausdrücklich gelobt. Aber wirklich passiert ist allen Bemühungen, Konferenzen und allem Applaus zum Trotz nichts. Warum?

Paulus weiß natürlich, dass das, was er da vorhat, ein sehr kompliziertes Unterfangen ist. Was er fordert, bedeutet im Klartext, dass die Hoheit über zahlungsunfähige Staaten Regierungen und dem Markt entrissen und einem verrechtlichten Prozess mit im Detail vorgeschriebenen Schritten unterworfen werden soll. So sieht Paulus das. Und so ist Paulus, der Insolvenzrechtler, etwas ratlos, warum seine fabelhaft einleuchtende Idee noch immer nicht umgesetzt wurde. Aber vielleicht liegt das eben gerade daran, dass der Mann Wissenschaftler und Jurist ist – und kein Politiker oder Ökonom.