Elektrische Gitarren sind Emanzipationsmaschinen. Wer solch ein magisches Ding in den Händen hält, verwandelt sich in einen Donnergott, der seine Botschaft auf Schallwellen in die Welt hinausschleudert. Selbst Pickligen, Seltsamen oder sonst wie Gehandicapten kann der fachgerechte Gebrauch des Geräts zu jener Form von Gratifikation verhelfen, in der Sigmund Freud die Basis aller Kulturleistung ausgemacht hat: Glück, Glanz, Ruhm, Ehre und die Liebe der Frauen. So oder so ähnlich steht es in den Biografien der großen Jungs geschrieben, welche man Rockstars nennt. Was aber, wenn der Gitarrist ein Mädchen ist?

Als Kim Gordon zum ersten Mal das Verstärkerkabel einstöpselt, ist das ein Gefühl, "als wäre ich ein Kind auf einem Höhenflug, für den ich noch nie vorher eine Karte gehabt hatte". Als sie auf Gleichgesinnte trifft, erlebt sie am eigenen Leib, was es heißt, sich durch Gitarrengewitter zu bewegen. Als sich erste Erfolge einstellen, lässt sie alles andere sausen und überfliegt, von Soundschwingen emporgehoben, unbekanntes Gelände. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere scheint die Verwandlung perfekt: Sie hat sich vom Problemkind zum lautesten Girl der Welt gemausert, bewundert, verehrt und von manchen ein bisschen gefürchtet. Und doch macht es einen Unterschied, wer das Zauberding bedient.

Kim Gordon muss es wissen. Dreißig Jahre lang war sie Bassistin, Songwriterin und geheimes Kraftzentrum von Sonic Youth, der New Yorker Band, die das Geschäft der Lärmerzeugung zur Kunstform erhoben hat: Wo früher einfach nur gerockt wurde, ging es Anfang der Achtziger um das Infragestellen von Genregrenzen und Geschlechterrollen. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren, ohne Sonic Youth kein Grunge, kein Alternative Rock, keine Riot Grrrls. Dass Kim Gordon ihre Erfahrungen jetzt unter dem Titel Girl in a Band gebündelt hat, schließt nicht nur eine Lücke in der Historiografie, es war überfällig: Wenige Frauen sind weiter in die Männerbastion, die das Musikgeschäft immer noch darstellt, vorgedrungen. Trotzdem holt der Gender-Trouble Kim Gordon immer wieder ein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Um den wesentlichen Befund vorwegzunehmen: Ein weibliches Heldenepos ist Girl in a Band nicht. Das Buch lebt von einem nachhaltigen, eruptiv sich entladenden Zorn, der jede Chronologie durcheinanderwirbelt. Gleich am Anfang steht ein Ende: Die Ehe mit Thurston Moore, dem Mitgründer von Sonic Youth, liegt in Trümmern, er hat sie ganz klassisch betrogen, sie findet sich ganz klassisch in der Rolle der Betrogenen wieder, Band und Beziehung werden auf einer Abschiedstournee zu Grabe getragen. Am Ende steht zaghaft ein neuer Anfang jenseits des "Rockstar-Dings" (Gordon). Dazwischen liegen 53 Szenen, die mehr reflektierend als erzählend die Frage umkreisen, warum männliche und weibliche Emanzipationsgeschichten trotz ähnlicher Voraussetzungen unterschiedlich verlaufen, wo geheime Muster am Werk sind und wer auf längere Sicht davon profitiert.

Es ist der Gender-geschulte Blick, der Gordons Lebenserinnerungen vom Gros der rockenden Entwicklungsromane abhebt. Nach Hotelzimmerverwüstungen und anderen Gewürzschoten sucht man vergeblich, mit der Energie der Kränkung unterzieht sie die Stationen ihrer Karriere einer bohrenden Relektüre. Alles wird noch einmal durchgenommen: die Herkunftsfamilie, die musikalische Ersatzfamilie, die vielen Männer, die sich als Mentoren anboten und hinterher damit prahlten, Kim Gordon ins Bett gekriegt zu haben. Man könnte von einer dekonstruktiven Geste sprechen: Noch dort, wo scheinbar Gleichberechtigung herrscht, rücken subtile Formen der Machtausübung in den Vordergrund. Kim Gordon diagnostiziert aber auch an sich selbst eine Tendenz zur Opferrolle: Männer brechen nach gescheiterten Beziehungen zu neuen Abenteuern auf, Frauen lecken ihre Wunden.

Gordon sucht nach Gründen und findet sie in der kalifornischen Akademikerfamilie, in der sie behütet aufwuchs, aber unter einem despotischen älteren Bruder zu leiden hatte. Sie lässt die Jahre an der Highschool Revue passieren, in der sie sich rasch auf die Seite der Nerds und Verlierer schlug. Sie durchlebt noch einmal die frühen Versuche, sich als Künstlerin zu entwerfen, ohne genau zu wissen, was darunter zu verstehen ist. Nebenbei erfährt man viel über das Kalifornien der sechziger Jahre, die Trinksitten, die geduldeten und nicht geduldeten Drogen, den gesellschaftlichen Umgang mit Delinquenz. Prägnant wird die Erzählung aber erst da, wo sie zu ihrem Thema zurückkehrt: Männer beherrschen die Szene, Frauen werden aufgenommen – oder auch nicht. Das vorläufige Rezept im schwierigen Verhältnis der Geschlechter lautet: Tu es einfach, bevor andere es für dich tun.