DIE ZEIT: Viele Biologen meiden den Begriff der Lebendigkeit, Sie halten ihn für zentral. Was ist das für Sie: lebendig?

Andreas Weber: So schwer sich die Wissenschaft mit der Definition tun mag, so sehr haben wir doch alle ein intuitives Grundgefühl, was es heißt, lebendig zu sein. Das können wir in der Regel nämlich ziemlich schnell erkennen: Wir gehen hin und fassen es an. Und wenn es dann wegspringt oder uns angreift, dann ist es lebendig.

ZEIT: Wie ist das bei Pflanzen? Oder bei Mikroorganismen? Die rennen ja nicht weg.

Weber: Doch, auch sie reagieren, wenn auch in anderen Zeiträumen. Wenn ich an einer Pflanze ein Blatt abreiße, wächst vielleicht ein neues nach. Selbst bei Bakterien sehen wir, dass sie vor unangenehmen Reizen fliehen. Allgemein gesprochen: Das Lebendige ist das, was ein Interesse an sich selbst hat, das um sich besorgt ist und dementsprechend reagiert. Und das berührt uns: Weil wir nämlich selber lebendig sind und diese Sorge um die eigene Verletzlichkeit teilen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

ZEIT: Aber ein moderner Biologe fühlt sich von seinen Experimenten wohl kaum noch berührt.

Weber: Das ist ja das Problem. Für mich leidet die Biologie darunter, dass sie das zentrale Faszinosum des Lebens ausgeklammert hat. Sie nennt sich zwar "Lebenswissenschaft", aber ausgerechnet mit dem Begriff des Lebendigseins kann sie nichts anfangen. Jedenfalls nicht im Labor. Vom Leben berühren lässt man sich hauptsächlich privat und zu Hause – von den Kindern, dem Partner, dem Haustier, gerne auch im Urlaub. Aber in der Wissenschaft hat das angeblich nichts zu suchen.

ZEIT: Damit ist die Biologie aber sehr erfolgreich.

Weber: Sicher, in den vergangenen hundert Jahren hat die Biologie große Fortschritte gemacht. Und mit ihrer kausal-mechanischen Erklärung des Lebens hat die moderne Biologie ja durchaus recht, die ist ja nicht falsch. Aber es ist eben nur die halbe Wahrheit. Dabei wird etwas Wesentliches ausgeblendet, das wir brauchen, um zu verstehen, was Leben ist und was es heißt, lebendig zu sein.

ZEIT: Üblicherweise wird Leben über seine Eigenschaften – Stoffwechsel, Reproduktion, Wachstum – definiert. Reicht das nicht?

Weber: Das Entscheidende fehlt. Der Biologe und Philosoph Francisco Varela hat den Begriff der Autopoiesis eingeführt. Er sagte: Leben ist ein Prozess der Herstellung einer Identität.

"Unsere Zivilisation produziert Tod"

ZEIT: Inwiefern hat eine Zelle eine Identität?

Weber: Damit ist nicht gemeint, die Zelle hätte ein Bewusstsein oder so etwas. Aber sie hat eine Tendenz, in der Form, in der sie existiert, weiter zu existieren oder diese Form noch zu vergrößern.

ZEIT: Viele Biologen würden sagen: Das ist das Prinzip der Selbstorganisation.

Weber: Nein, das ist eben mehr. Es ist eine Form der Selbstorganisation, bei der etwas auftaucht, was bei chemischen Reaktionen nicht da ist: Nämlich das Interesse eines eigenen Zusammenhaltes. Eine Zelle muss sich immer wieder selbst aufbauen, weil sie sich sonst auflöst.

ZEIT: Warum sollte sie sich auflösen?

Weber: Aus der Physik wissen wir, dass Materie aufgrund des Dranges zur Entropie immer dem niedrigsten Energiezustand zustrebt. Dagegen muss die Zelle ständig anarbeiten. Ein lebender Organismus ist gewissermaßen ständig auf der Kippe und darum besorgt, sich selbst aufrechtzuerhalten. Damit entsteht ein Interesse an der eigenen Identität. Und es kommt die Kategorie der Bedeutung ins Spiel: Der um sich selbst besorgte Organismus bewertet alles, was von außen kommt, entweder als gut oder schlecht. Hätte er kein Interesse an seinem Überleben, wäre ihm das egal.

ZEIT: Interesse, Bedeutung, Identität – sind das nicht einfach nur andere, poetischere Begriffe für altbekannte biologische Prozesse?

Weber: Nein, denn erst diese Betrachtung schafft eine Verbindung zwischen dem Forscher und seinem Gegenstand. Wir verstehen die Verletzlichkeit eines anderen Lebewesens, weil wir selbst in einem verletzlichen Körper stecken und diese Sorge um die eigene Identität kennen. Für mich ist das ein wichtiges Instrument der Erkenntnis – das aber heute überhaupt nicht genutzt wird. Die Biologie steht damit am selben Punkt, an dem die Physik Anfang des 20. Jahrhunderts stand: Es geht darum, festzustellen, dass es zwischen dem Beobachter und dem, was er beobachtet, eine Verbindung gibt, die das Beobachtete zugleich verändert.

ZEIT: Ist das lediglich ein Wechsel der philosophischen Perspektive, oder hat das auch praktische Auswirkungen?

Weber: Im Rahmen des derzeitigen biowissenschaftlichen Paradigmas erklären wir das Leben, indem wir es auf kausal-mechanische Prinzipien zurückführen. Man könnte sagen: Um das Lebendige zu verstehen, übersetzen wir es in tote Mechanismen. Und auf der anderen Seite stellen wir fest: Unsere Zivilisation produziert Tod. Tierarten sterben aus, die natürliche Vielfalt stirbt, die Natur wird weggefressen ... Weil wir das Leben nicht richtig verstehen, verstehen wir auch nicht, was uns mit anderen Lebewesen verbindet. Und wir verstehen uns letztlich selbst nicht richtig.

ZEIT: Das klingt jetzt aber sehr nach Öko-Romantik.

Weber: Überhaupt nicht. Ein tieferes Verständnis des Lebens garantiert keine heile Welt. Es konfrontiert uns eher mit etwas, wovor wir als Individuen immer weglaufen: nämlich mit dem Sterben.

ZEIT: Dem Sterben?

Weber: Ja. Unser System hat sich doch auf die Fahnen geschrieben, den Tod zu beseitigen. Wir versuchen, ihn durch medizinischen Fortschritt zu bannen, durch Ablenkung, Arbeit, Konsum oder Zudröhnen zu verdrängen. Und gerade diese krampfhafte Negierung des Todes beraubt uns unserer Lebendigkeit. Denn zum Leben gehört nun mal der Tod. Leben ist untrennbar damit verbunden, dass es scheitern kann, ja, dass es irgendwann scheitern muss! Sonst ist es kein Leben.

ZEIT: Gerade das Scheitern versuchen wir mit großem Aufwand zu vermeiden ...

Weber: ... und müssen die Erfahrung machen, dass das nicht geht. Leben ist immer auf der Kippe, ist immer vom Zerfall bedroht, ist nie vollkommen. Und gerade dieses ständige Scheitern-Können ist ein Motor von Imagination, von Kreativität, von möglicher Schöpfung.

ZEIT: Leben als Drahtseilakt, der immer schiefgehen kann?

Weber: Ja, und das ist schon auf der grundlegenden biologischen Ebene so. Denn auch unser Körper ist ja keinesfalls stabil. Wir haben zwar das Gefühl einer dauerhaften Identität, dabei verwandeln wir uns auf materieller Ebene permanent. Ich nehme Kohlenstoff aus der Nahrung auf und baue ihn in meine Körperzellen ein. Ich atme Kohlenstoff aus, der zuvor Teil meines Körpers war. Ich setze mich immer wieder neu zusammen. Was stabil bleibt, ist meine Identität und das Interesse, weiter zu existieren. Auf materieller Ebene dagegen bin ich ständig im Durchfluss, ich sterbe dauernd und werde zugleich neu geboren. Das ist doch irre!