Es war am 1. April 1975, aber kein Aprilscherz: Als die Bagger mit dem Aushub loslegen wollten, war das Gelände des geplanten Atomkraftwerks Kaiseraugst bereits besetzt. Ich war damals Schülerin und mit mehreren Gspönli an der Besetzung beteiligt. Bald war die halbe Region vor Ort. Heute steht in der Verfassung von Basel-Stadt, dass sich der Kanton gegen die Nutzung von Atomkraft wendet und keine Beteiligungen an AKW hält. Dafür haben wir eine Lenkungsabgabe auf den Energieverbrauch.

Damals aber ahnten wir nicht, dass bürgerliche Bundesräte hinter verschlossenen Türen verlangten, dass die Armee gegen die eigene Bevölkerung aufmarschiert. Ein Szenario wie aus einer Diktatur: Investorenschutz by Waffengewalt. Ebenso wenig ahnten wir, dass es 20 Jahre dauern würde, bis das Projekt Kaiseraugst begraben würde: nach der Katastrophe von Tschernobyl und nachdem 350 Millionen Bundesgelder eingestrichen wurden. Die Branche wollte die symbolische Altlast weghaben, um den Weg für andere Atomkraftwerke in der Schweiz freizumachen. Kaiseraugst war das Bauernopfer.

Fast wäre der Plan aufgegangen, die Stromkonzerne planten neue AKW. Das Irre daran ist weniger, dass erst die Katastrophe von Fukushima diesen Plänen den Garaus machte. Sondern, dass bis zu diesem Zeitpunkt das alte Spiel der Urananbeter einfach weiterlief.

Zu diesem Spiel gehörte der Versuch, nach dem Unfall im amerikanischen Harrisburg, Atomkraft als harmlos und umweltfreundlich darzustellen. Sprachlich wurde das böse Atom durch die guten Kerne abgelöst. Und AKW waren nun gut für die Luftqualität. Es gab sogar bürgerliche Politiker, die 1985 allen Ernstes die Stadt Basel mit Mini-AKW überziehen wollten. Die Katastrophe von Tschernobyl ließ diese Strategie platzen wie einen defekten Brennstab.

Aber nicht für lange. Sorgte man sich in den Achtzigern um die Luftqualität, bewegte ab den Neunzigern der Klimawandel. Die Lösung war immer dieselbe: mehr Atomkraftwerke. Ein funktionierendes Endlager aber sucht man bis heute vergebens. Und zwar weltweit. Derweil wächst die Menge hoch radioaktiver Abfälle. Und im Schweizer Atomgesetz wird seit 1978 für Atomabfälle ein Entsorgungsnachweis gefordert – aber eben nur auf dem Papier: Es ist eine virtuelle Entsorgung von real unentsorgten Abfällen.

Bis 1982 waren schwach- bis mittelaktive Abfälle für die Schweiz kein Problem. Man kippte sie einfach ins Meer, über 5.000 Tonnen. Andere Länder machten das auch: Heute liegen rund um Europa über 100.000 Tonnen radioaktiver Abfälle am Meeresgrund.

Blicke ich heute, 40 Jahre nach der Besetzung von Kaiseraugst, zurück, bin ich erschüttert, wie viele Chancen zum Atomausstieg die Strombranche erfolgreich bekämpfte. Wie vernarrt sie in die Atomkraft blieb. Wie es Politiker gab, die der Basler Anti-AKW-Verfassung die Gewährleistung durch die Bundesversammlung verweigern wollten. Und wie die Stromkonzerne jahrzehntelang die Zeichen der Zeit wie eine lästige Fliege wegwischten, um so noch mehr Atomstrom importieren zu dürfen. Die entsprechenden Bezugsrechte lasten heute schwer auf den Unternehmensbilanzen.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Schweiz-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Energietechnologisch hat die Schweiz den Anschluss verpasst; darum braucht es Anreizsubventionen für die Energiewende. In Europa zerfallen die Preise des AKW-Bandstroms, weil genügend Sonnen- und Windenergie fließen. Aber in den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds für die Atommeiler fehlen Milliarden. Und so schätzt die Eidgenössische Finanzkontrolle das Risiko für die Eignerkantone der Stromkonzerne als "hoch" ein. Und so lehrt uns auch die Geschichte von Kaiseraugst: Wer zu spät kommt, der muss blechen. Immer.

Nächste Woche in unsere Kolumne "Nord-Süd- Achse": Der Tessiner Financier Tito Tettamanti