DIE ZEIT: Regelmäßig sorgen handfeste Polizeiaktionen für Aufregung. Erst vergangene Woche fixierten mehrere Beamte auf recht ruppige Art einen Mann auf der Wiener Mariahilferstraße. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass eine Frau in der Silvesternacht nach einer sogenannten Beamtshandlung schwere Verletzungen davongetragen hatte. Trügt der Eindruck, dass es zu immer mehr Fällen von polizeilichen Übergriffen kommt?

Reinhard Kreissl: Wahrscheinlich trügt der Eindruck, ja. Die Übergriffe, über die berichtet wird, sind deshalb spektakulär, weil sie dokumentiert worden sind. Das ist die Ironie der Überwachungstechnik. Heute hat jeder ein Handy mit Videokamera dabei. Solche Fälle sind aber die gängige Praxis des robusten Eingreifens.

ZEIT: Gängige Praxis klingt nicht sehr beruhigend.

Kreissl: Der Großteil der polizeilichen Arbeit ist frei von körperlicher Gewalt. Aber in den Situationen, in denen sie eingreift, muss sie zulangen, und das kann sie gut oder schlecht machen. In den Fällen, über die wir jetzt sprechen, hat sie es nicht gut gemacht. Dort zeigt sich eine Lücke im Ausbildungsprogramm, wo man nachschärfen könnte.

ZEIT: Zum Beispiel?

Kreissl: Beim Deeskalationstraining, beim Einsatz von physischer Kraft oder bei der psychologischen Schulung. Oft sind es junge Polizisten, die durch die Stadt patrouillieren. Wenn man die Körpersprache dieser Beamten beobachtet, dann wirken die ja völlig aufgeregt und nervös.

ZEIT: Wegen ihrer ungewohnten Machtposition?

Kreissl: Die Polizei leidet unter einem männerbündlerischen Selbstmissverständnis, nach dem Motto: Wir sind die Sheriffs. Das Gefühl der Macht kann zur handlungsleitenden Maxime werden. Wir sprechen zwar über unschöne Vorfälle, die bearbeitet werden müssen. Aber insgesamt macht die Polizei einen ganz guten Job.

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ZEIT: Viele gingen, als sie das Video von vergangener Woche gesehen hatten, sofort von Polizeigewalt aus. Hat die Exekutive ein derart großes Imageproblem, dass man schon automatisch vom Schlimmsten ausgeht?

Kreissl: Es geht mir ähnlich. Ich muss gestehen, wenn ich Polizisten auf der Straße sehe, fallen mir mittlerweile als Erstes solche Szenen ein. Was fehlt, ist eine kritische, zivilgesellschaftliche Gegenöffentlichkeit. In Deutschland wurden ähnliche Fälle breit diskutiert, und die Polizei wurde unter Begründungs- und Handlungsdruck gesetzt. Dazu ist hier der Korpsgeist viel stärker ausgeprägt als anderswo. Und die Kommunikationsarbeit ist alles andere als professionell. Dadurch entsteht dieser Imageschaden.

ZEIT: Zum Ruf beigetragen haben die Vorgehensweisen bei den Demonstrationen gegen den Akademikerball oder die Räumung der Pizzeria Anarchia im vergangenen Jahr.

Kreissl: Die Pizzeria Anarchia ist ein Beispiel dafür, wie die Polizei das Gefühl für die Stadt verloren hat. Mehr als 1.000 Polizisten rücken an, um 15 Besetzer rauszuholen. Das ist doch grotesk. Die Einsätze bei den Akademikerballdemos waren hingegen einfach handwerklich schlecht gemacht. Wobei ich heuer das Gefühl hatte, dass es besser war.

ZEIT: Im Vorfeld wurde eine Demo einfach verboten.

Kreissl: Stimmt schon. Aber das martialische Auftreten war weniger offensiv. Das Problem ist: Die Polizei kommt, wenn die Politik versagt. Der Akademikerball ist ein hoch umstrittenes Ereignis, das nach einer politischen Lösung ruft. Die lautet: Der Ball darf nicht in der Hofburg stattfinden, weil von einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit auszugehen ist. Das würden aber Politiker mit Mut fordern, die das entscheiden und durchziehen. Das passiert nicht, es kommt zu Gegendemos, und die Exekutive muss ausrücken. Die Polizei hat immer die Arschkarte gezogen.

ZEIT: Zugespitzt sagen Sie: Fehlende politische Leadership führt zur Aufrüstung der Polizei?

Kreissl: Genau. Diese Aufrüstung haben wir in den vergangenen Jahrzehnten auch gesehen. Schauen Sie sich doch an, wie die rumlaufen, diese Robocops in Kampfausrüstung.