An einem nasskalten Abend im Februar dieses Jahres, um 22.15 Uhr, vielleicht ein paar Minuten eher, vielleicht ein paar Minuten später, macht Bianca von Döllen eine Entdeckung, die ihr – wie sie später sagen wird – "sehr unheimlich ist". In der niedersächsischen Gemeinde Goldenstedt hat sie gerade an einem Treffen ihrer kleinen Theatergruppe teilgenommen, die in einem Raum des Restaurants Klostermann das Stück Praxis Dr. Freesemann geprobt hat, eine Verwechslungskomödie. Danach hat sie sich in ihr Auto gesetzt, sie will heim. Das Haus, in dem sie mit ihrer Familie wohnt, liegt draußen vor der Stadt, am Sandbirkenweg, umgeben von Feldern und Wiesen. Dort führt sie auch das Tischlereibüro ihres Mannes. Schon oft ist Bianca von Döllen diese Straße gefahren, aber ein Tier wie das, das plötzlich im Lichtkegel ihrer Scheinwerfer auftaucht, ist ihr noch nie begegnet. Was ist das? Ein Schäferhund ist es nicht, ein Schäferhund ist kleiner und nicht so kräftig. Bianca von Döllen kennt sich mit Hunden aus, zu Hause hat sie einen zotteligen Katalanischen Schäferhund.

Das Gesicht des Tieres vor ihrem Auto sieht ganz anders aus, wie das eines Wolfes. Sie schaut genau hin. Es ist ein Wolf, es muss einer sein. Er scheint nicht sehr scheu zu sein, nur wenige Meter vor ihrem Auto bleibt er stehen und rührt sich kaum. Schließlich läuft er in den Wald. Dort liegt der Kindergarten, in den auch ihr Neffe geht. Die Kinder spielen oft draußen, mitten in der Natur. Bianca von Döllen ist aufgeregt und versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Ein Wolf, der Waldkindergarten, ihr Neffe.

Zu Hause schreibt sie auf ihrem Smartphone sofort eine Nachricht an die WhatsApp-Gruppe ihrer Theater-AG. "Hab den Wolf gesehen." Die Sache nimmt Fahrt auf, als der Laienschauspieler Hubert Wilkens die Mitteilung liest, ein Therapeut im Gefängnis von Vechta. "Da kann was dran sein", sagt er sich und leitet die Neuigkeit an seine Nichte Lydia weiter. Er fügt hinzu: "Erzähl es Deinem Vater mal." Der Vater ist Norbert Wilkens, ein Mann, der kein Smartphone hat, sich aber mit drei Dingen bestens auskennt, mit Blumen, Schafzucht und Bestattungen. Davon lebt er. Als Züchter trägt Norbert Wilkens einen grünen Overall, als Bestatter fährt er einen grauen Leichenwagen. Im Dezember hat ein Wolf drei seiner Tiere gerissen, zwei tragende Schafe und einen Zuchtbock. Es muss ein Gemetzel gewesen sein. Wilkens hat Fotos der toten Schafe machen lassen, von "Blutrausch" und "Mordlust" spricht er seither.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Am nächsten Morgen ist die Nachricht vom Wolf nicht mehr zu kontrollieren, weil der Bestatter den Bürgermeister von Goldenstedt anruft. Der Bestatter besitzt ein feines Gespür für das dramatische Potenzial einer ausbaufähigen Geschichte, und so sagt er: "Wie sollen wir die Kinder beschützen? Durch einen Elektrozaun rund um den Kindergarten? Das hatten wir schon einmal in Deutschland, dass Menschen hinter Stromzäunen leben mussten."

Das ist der entscheidende Satz. Endlich wieder ein Thema, das sich hochziehen lässt. Vor mehr als 20 Jahren kämpfte der Bürgermeister für seine Gemeinde gegen die Verträge von Maastricht, jetzt ist eine neue Bedrohung da, und im Gegensatz zu Maastricht versteht jeder Bürger die Gefahr. Rund 300 Wölfe leben inzwischen in Deutschland, Jungtiere eingerechnet, die ersten kamen im Jahr 2000 aus Polen nach Sachsen. Wölfe sind jetzt in den Westen vorgedrungen, und wie bei vielen öffentlichen Angelegenheiten werden sie erst dadurch zum Thema. Bis zum Jahresende werden sie sich voraussichtlich in ganz Niedersachsen verbreitet haben. Aber genau weiß das niemand. Ein Wolf wandert bis zu 70 Kilometer in einer Nacht. Heute kann er in Goldenstedt sein, in einer Woche im Odenwald.

Der Bestatter Wilkens sagt zum Bürgermeister noch: "Erspare mir, dass ich mit meinem Leichenwagen beim Kindergarten vorfahren muss", danach gibt es im Rathaus von Goldenstedt nur noch ein Thema. Der Bürgermeister, Willibald Meyer, legt einen Aktenordner an – Aufschrift: "Wolf". Seine Sekretärin berichtet ihm, dass ihre Freundinnen jetzt nicht mehr durch den Wald walken.

Den Bürgermeister erreicht ein Brief, geschrieben von Elternvertretern des Waldkindergartens. "Sehr besorgt" seien sie um die Sicherheit ihrer Kinder. Soll Willibald Meyer den Kindergarten schließen? Täte er es nicht und der Wolf schnappte sich ein Kind, wäre er politisch erledigt. Aber von einem Angriff auf Menschen ist in ganz Deutschland nichts bekannt. Die Bild-Zeitung meldete Wolfsrudel vor Hamburg. Alles nur Hysterie? Noch sieht es danach aus, aber noch interessiert sich auch niemand in Goldenstedt für die bunten Seiten der New York Daily News, die über eine "aufgefressene Frau" in den USA berichtet haben.