An einem nasskalten Abend im Februar dieses Jahres, um 22.15 Uhr, vielleicht ein paar Minuten eher, vielleicht ein paar Minuten später, macht Bianca von Döllen eine Entdeckung, die ihr – wie sie später sagen wird – "sehr unheimlich ist". In der niedersächsischen Gemeinde Goldenstedt hat sie gerade an einem Treffen ihrer kleinen Theatergruppe teilgenommen, die in einem Raum des Restaurants Klostermann das Stück Praxis Dr. Freesemann geprobt hat, eine Verwechslungskomödie. Danach hat sie sich in ihr Auto gesetzt, sie will heim. Das Haus, in dem sie mit ihrer Familie wohnt, liegt draußen vor der Stadt, am Sandbirkenweg, umgeben von Feldern und Wiesen. Dort führt sie auch das Tischlereibüro ihres Mannes. Schon oft ist Bianca von Döllen diese Straße gefahren, aber ein Tier wie das, das plötzlich im Lichtkegel ihrer Scheinwerfer auftaucht, ist ihr noch nie begegnet. Was ist das? Ein Schäferhund ist es nicht, ein Schäferhund ist kleiner und nicht so kräftig. Bianca von Döllen kennt sich mit Hunden aus, zu Hause hat sie einen zotteligen Katalanischen Schäferhund.

Das Gesicht des Tieres vor ihrem Auto sieht ganz anders aus, wie das eines Wolfes. Sie schaut genau hin. Es ist ein Wolf, es muss einer sein. Er scheint nicht sehr scheu zu sein, nur wenige Meter vor ihrem Auto bleibt er stehen und rührt sich kaum. Schließlich läuft er in den Wald. Dort liegt der Kindergarten, in den auch ihr Neffe geht. Die Kinder spielen oft draußen, mitten in der Natur. Bianca von Döllen ist aufgeregt und versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Ein Wolf, der Waldkindergarten, ihr Neffe.

Zu Hause schreibt sie auf ihrem Smartphone sofort eine Nachricht an die WhatsApp-Gruppe ihrer Theater-AG. "Hab den Wolf gesehen." Die Sache nimmt Fahrt auf, als der Laienschauspieler Hubert Wilkens die Mitteilung liest, ein Therapeut im Gefängnis von Vechta. "Da kann was dran sein", sagt er sich und leitet die Neuigkeit an seine Nichte Lydia weiter. Er fügt hinzu: "Erzähl es Deinem Vater mal." Der Vater ist Norbert Wilkens, ein Mann, der kein Smartphone hat, sich aber mit drei Dingen bestens auskennt, mit Blumen, Schafzucht und Bestattungen. Davon lebt er. Als Züchter trägt Norbert Wilkens einen grünen Overall, als Bestatter fährt er einen grauen Leichenwagen. Im Dezember hat ein Wolf drei seiner Tiere gerissen, zwei tragende Schafe und einen Zuchtbock. Es muss ein Gemetzel gewesen sein. Wilkens hat Fotos der toten Schafe machen lassen, von "Blutrausch" und "Mordlust" spricht er seither.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Am nächsten Morgen ist die Nachricht vom Wolf nicht mehr zu kontrollieren, weil der Bestatter den Bürgermeister von Goldenstedt anruft. Der Bestatter besitzt ein feines Gespür für das dramatische Potenzial einer ausbaufähigen Geschichte, und so sagt er: "Wie sollen wir die Kinder beschützen? Durch einen Elektrozaun rund um den Kindergarten? Das hatten wir schon einmal in Deutschland, dass Menschen hinter Stromzäunen leben mussten."

Das ist der entscheidende Satz. Endlich wieder ein Thema, das sich hochziehen lässt. Vor mehr als 20 Jahren kämpfte der Bürgermeister für seine Gemeinde gegen die Verträge von Maastricht, jetzt ist eine neue Bedrohung da, und im Gegensatz zu Maastricht versteht jeder Bürger die Gefahr. Rund 300 Wölfe leben inzwischen in Deutschland, Jungtiere eingerechnet, die ersten kamen im Jahr 2000 aus Polen nach Sachsen. Wölfe sind jetzt in den Westen vorgedrungen, und wie bei vielen öffentlichen Angelegenheiten werden sie erst dadurch zum Thema. Bis zum Jahresende werden sie sich voraussichtlich in ganz Niedersachsen verbreitet haben. Aber genau weiß das niemand. Ein Wolf wandert bis zu 70 Kilometer in einer Nacht. Heute kann er in Goldenstedt sein, in einer Woche im Odenwald.

Der Bestatter Wilkens sagt zum Bürgermeister noch: "Erspare mir, dass ich mit meinem Leichenwagen beim Kindergarten vorfahren muss", danach gibt es im Rathaus von Goldenstedt nur noch ein Thema. Der Bürgermeister, Willibald Meyer, legt einen Aktenordner an – Aufschrift: "Wolf". Seine Sekretärin berichtet ihm, dass ihre Freundinnen jetzt nicht mehr durch den Wald walken.

Den Bürgermeister erreicht ein Brief, geschrieben von Elternvertretern des Waldkindergartens. "Sehr besorgt" seien sie um die Sicherheit ihrer Kinder. Soll Willibald Meyer den Kindergarten schließen? Täte er es nicht und der Wolf schnappte sich ein Kind, wäre er politisch erledigt. Aber von einem Angriff auf Menschen ist in ganz Deutschland nichts bekannt. Die Bild-Zeitung meldete Wolfsrudel vor Hamburg. Alles nur Hysterie? Noch sieht es danach aus, aber noch interessiert sich auch niemand in Goldenstedt für die bunten Seiten der New York Daily News, die über eine "aufgefressene Frau" in den USA berichtet haben.

"Der Wolf hat Macht über uns"

In Deutschland sind Wölfe streng geschützt, durch nationales Recht und durch europäisches. Niemand darf ihnen etwas tun, bloß weil sie sich zeigen. Wölfe sind faszinierende Wesen, geheimnisvoll und beliebt. Manche Menschen verehren sie, wie die Pianistin Hélène Grimaud, die sich der Rettung der Wölfe verschrieben hat und ihre Autobiografie Wolfssonate nannte. Es gibt feministische Esoterikerinnen, die den Wolf für einen Leidensgenossen halten, ihn einreihen in ihre Chronik der Opfer männlicher Unterdrückung. Es gibt Menschen, die Wölfe mit der Milchflasche aufzogen, sie bei sich zu Hause aufnahmen und sich von ihnen liebkosen lassen wie von kleinen Kindern.

Ein Wolf ist sehr anpassungsfähig. Er braucht nicht unbedingt einen Wald als Rückzugsgebiet, ihm reicht auch ein Getreidefeld. Er frisst am Tag zwei Kilo Fleisch. Er jagt meist im Rudel. Es sind Bücher darüber verfasst worden, wie er das Rudel organisiert. Es ist darüber gestritten worden, ob er ein Vorbild für menschliche Gemeinschaften ist oder ein Tyrann.

Im Jahr 1911 wurde der letzte Wolf im Deutschen Reich geschossen, damit waren die Wölfe ausgerottet, was damals als große Errungenschaft galt. Fast 90 Jahre später kehrten sie in die Lausitz zurück. Sie kamen freiwillig, und man konnte darin – wenn man wollte – ein Angebot zur Versöhnung erkennen. Es muss ein gutes Deutschland sein, gut zu sich und seiner Natur, wenn der Wolf bereit ist, sich hier anzusiedeln. Deutschland und die Wölfe, diesmal soll es eine harmonische Geschichte werden, eine mit Happy End. "Ahuuu, willkommen, Wolf", schreibt der Naturschutzbund Nabu auf seiner Website. Bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen einem Bürger, der einen frei lebenden Wolf umbringt.

Aber nicht alle lieben den Wolf. Die Angst vor dem Wolf ist fast so groß wie die Faszination für ihn.

Bürgermeister Meyer alarmiert die grüne Staatssekretärin im niedersächsischen Umweltministerium. Sie sehe, heißt es in ihrem Antwortbrief, "noch kein auffälliges Verhalten" beim Wolf von Goldenstedt. Wenige Tage später wird sie persönlich anreisen. Wölfe haben in der Region in wenigen Monaten 70 Schafe gerissen. Ein Züchter hat spezielle Esel aus Ostdeutschland angeschafft, die neben den Schafen auf der Weide stehen, besonders rabiat trampeln und extrem laut brüllen, sobald Gefahr droht. Schafe sterben leise, das ist mit einem Mal ihr Problem.

Bürgermeister Meyer schreibt dem Umweltminister: "In unserer Gemeinde geht die Angst vor dem Wolf um." Im Rathaus rufen fast jeden Tag Bürger an, die einen Wolf gesehen haben wollen. Im Pfarrhaus der katholischen Kirche versammeln sich Eltern aus dem Waldkindergarten zu einem Info-Abend über Wölfe, auch der Artenschutzreferent des Umweltministeriums taucht auf. Bürgermeister Meyer lässt rings um den Kindergarten einen Zaun mit farbigen Flatterbändern errichten, einen sogenannten Lappenzaun, der Wölfe abhalten soll. Hin und wieder verfängt sich darin ein spielendes Kind. Der Bürgermeister, ein Christdemokrat, zählt seine Arbeitswochen von nun an in Wolfswochen. Er sagt: "Ich gelte als Grüner unter den Schwarzen. Und ausgerechnet mich erwischt der Wolf."

Der Bürgermeister befindet sich in seiner dritten Wolfswoche, als ein Abgeordneter des Landtags bei ihm vorfährt. Es ist der 39-jährige Gero Hocker, der früher bei einer Versicherung arbeitete und für kurze Zeit Assistent des berüchtigten Unternehmers Carsten Maschmeyer war. Inzwischen ist er Politiker der FDP. Die Nordwest-Zeitung hat ihn "den wolfspolitischen Sprecher" der Partei genannt, aber Hocker ist sich unsicher, ob er das als Kompliment empfinden soll. Hocker fordert, den Schmusekurs zu beenden und den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Mithilfe des Wolfes hat er die Partei ins Gespräch gebracht. "Es gibt sie noch, die FDP", sagt Hocker. Nicht einmal die CDU, der sich viele Bauern verbunden fühlen, hat sich so entschieden positioniert.

Hocker lässt sich vom Bürgermeister zum Kindergarten führen, in dessen Nähe der Wolf nur ein Mal aufgetaucht ist. Ständig rufen Journalisten bei Willibald Meyer an, und die entscheidende Frage, die Schlagzeilen-Frage, lautet: Werden Sie den Kindergarten schließen? Als die Sekretärin den Bürgermeister im Wald aufgestöbert hat, steckt sie ihm einen Zettel mit einer Telefonnummer zu. Einer von der Deutschen Presse-Agentur will was. Meyer sagt: "Der Wolf hat Macht über uns."

Im Niedersächsischen Landtag findet eine Aktuelle Stunde statt: "Keine Wolfsromantik in Niedersachsen". Es wurde eine aufgeregte Debatte, in der Gero Hocker gegen den grünen Umweltminister ausholte und das Szenario entwarf, Wölfe könnten Menschen anfallen. Die politische Lage ist allerdings vertrackt. Es war ein FDP-Minister, der – noch bevor in Niedersachsen eine rot-grüne Regierung antrat – den Wolf willkommen hieß. In Broschüren verbreitete er die Nachricht: "Nach Niedersachsen kommen nur gute Wölfe."

Seitdem ist einiges passiert. Wölfe haben sich bis nach Cuxhaven und Ostfriesland vorgewagt, ein Wolf hat es bis in die Niederlande geschafft. Wölfe sind nach Dänemark gewandert, sie haben vereinzelt auch Randbereiche von Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern erreicht. In der Osterzeit werden viele Lämmer geboren, und kurz danach, Anfang Mai, bringen die Wölfe ihre Welpen zur Welt. Meist sind es vier bis acht pro Wurf. Die nächste Generation Wölfe könnte es bis ins Voralpenland und in den Schwarzwald schaffen.

In der Uckermark wurde im vergangenen November der Hund eines Försters von einem Wolf angefallen. Es war früher Morgen, der Förster war gerade aufgestanden, als er nackt aus dem Fenster sprang, um seinen verletzten Hund vom Angreifer wegzuziehen. In der Stadt Wildeshausen lief vor wenigen Wochen ein Wolf durch eine Siedlung. Menschen beobachteten ihn, aber er trottete unbeeindruckt weiter. Die Polizei suchte von einem Hubschrauber aus nach ihm, vergebens.

Bei Mölln, östlich von Hamburg, fiel ein Wolf über eine Schafherde her, und er ließ sich von den Menschen, die herbeieilten, zunächst nicht vertreiben. Auf dem Truppenübungsplatz Munster in der Lüneburger Heide verfolgten Wölfe einen Soldaten, der auf einen Beobachtungsturm flüchtete. Im Februar dieses Jahres erschreckte ein Rudel Wölfe eine Spaziergängerin im Landkreis Lüneburg, die zwei Hunde ausführte. Die Wölfe näherten sich ihr und beobachteten sie lange. Die Frau war so geschockt, dass sie einen Notarzt rief.

Wie weit darf Naturliebe reichen?

Eine kleine Wolfsbetreuungsindustrie ist in Deutschland entstanden. Es gibt ehrenamtliche Wolfsberater, mehr als hundert allein in Niedersachsen. Das sind Laien, die zu Wolfsexperten geschult wurden und bei Begegnungen mit Wölfen gerufen werden. Es gibt Wolfsmanagementpläne, die regeln, wie man die Tiere in die Kulturlandschaft integriert. Es gibt Förderrichtlinien Wolf, Arbeitskreise Wolf, Runde Tische Wolf, Wolfs-Paten, das Wolfsmonitoring, es gibt den vom Nabu ausgerufenen "Tag des Wolfes", den Wunsch nach einer "Willkommenskultur Wolf" und nach einer Bundeswolfsbehörde sowie Praxiskurse für Manager, die vom Wolf Führungsverhalten lernen wollen. Die Umweltschützer vom Nabu starteten die Werbekampagne "Rotkäppchen lügt!". In Deutschland leben wieder Waschbären, Luchse und Wildkatzen, sogar ein paar ausgesetzte Nandus, aber keines dieser Tiere hat eine auch nur annähernd starke Wirkung auf Menschen wie der Wolf.

In einem Land, das dicht besiedelt ist und Raubtiere dennoch duldet, sie sogar schützt, bricht ein Konflikt darüber auf, wie weit Naturliebe reichen darf. Wo immer sich ein Wolf zeigt, melden sich Menschen, die für ihn schwärmen, und andere, die ihn fürchten. In der Nähe von Cuxhaven wurde im Februar eine Totschlagfalle für Wölfe in einem Naturschutzgebiet entdeckt. Deutschland könnte die Wölfe vertreiben, lässt sich aber auf eine Auseinandersetzung um Schönheit und Schizophrenie ein. Ist es nicht schön, dass sich Wölfe hier wohlfühlen? Ist es nicht schizophren, sich eine Bedrohung zu wünschen?

Der Wolf ist scheu. So steht es in vielen Büchern. Er fürchtet Menschen, geht ihnen aus dem Weg. Dem Journalisten Eckhard Fuhr, der als Jäger viel Zeit in Wäldern verbringt und ein lesenswertes Buch über die Rückkehr der Wölfe schrieb, ist es nur ein einziges Mal gelungen, einen Wolf zu sehen. Der FDP-Mann Gero Hocker hat es nie geschafft, obwohl er lange auf einem Hochsitz wartete. Kontakt hatte er bislang nur mit Tieren hinter hohen Zäunen. Im niedersächsischen Wolfcenter Dörverden wagt er sich zu zahmen Wölfen ins Gehege, lässt sich von ihnen anspringen, stupsen und zwacken. Einer der Wölfe, sagt er, erinnere ihn an einen Parteikollegen.

Man hört Hocker oft scherzen und lachen. Irgendwie scheinen ihm die Wölfe Spaß zu machen, vor allem, weil er mit ihnen andere Politiker vor sich hertreiben kann. Material für eine Kleine Anfrage im Landtag will er sammeln, und jede Zeitungsmeldung über einen Wolf ist ihm willkommen. Noch nie zuvor haben die Schafzüchter im Raum Vechta so oft Besuch von Politikern bekommen. "Die CDU will die Deutungshoheit über die Wölfe zurück", sagt Hocker, und man spürt, dass er sich vor Wahlniederlagen weitaus mehr fürchtet als vor Wölfen.

So spielerisch könnte es weitergehen, man könnte über Versammlungen spotten, auf denen lodengrün gekleidete Reporter der Zeitschrift Wild und Hund protokollieren, dass aufgebrachte Redner "Gefahr im Verzug" melden. Man könnte über traumatisierte Schafe berichten, die keine Lämmer mehr kriegen wollen. Man könnte sich über einen alten Mann aus Bremen lustig machen, der dem Bürgermeister von Goldenstedt ein Schauermärchen schrieb: Er könne sich erinnern, dass ein Wolf in einem Wäldchen ein Kind getötet habe – in den siebziger Jahren, als es doch gar keine frei lebenden Wölfe in Deutschland gab. So sagenhaft könnte man fortfahren, so unernst. Man könnte aber auch etwas ganz anderes tun, einer Spur folgen. Dafür muss man in ein Flugzeug steigen und in einer Stadt landen, die in Deutschland kaum jemand kennt. Nanaimo liegt im äußersten Westen Kanadas, auf Vancouver Island.

"Ich werde meine grüne Försterjacke tragen", hat der Mann in einer E-Mail geschrieben, der an einem Märzabend am Flughafen von Nanaimo wartet. "Sie werden mich erkennen." Er heißt Valerius Geist. Er wurde in der Ukraine geboren, floh mit seiner deutschstämmigen Mutter am Ende des Zweiten Weltkrieges vor den Russen, lebte einige Jahre bei Marburg, zog nach Kanada, wurde Verhaltensforscher und Professor für Umweltwissenschaften an der Universität von Calgary. Er hat sein Leben mit Wildschafen, Bergziegen und Elchen verbracht, inzwischen ist er 77. Geist verlässt den Terminal des Flughafens und schließt sein Auto auf, einen Geländewagen. "Wenn wir angekommen sind", sagt er, "erzähle ich Ihnen meine Geschichte von den Wölfen."

Dann fährt er eine Stunde lang durch den Nebel, der sich auf die bewaldeten Berge gesenkt hat. Nur einmal durchquert er eine kleine Stadt, Port Alberni. "Gleich sind wir bei mir", sagt er und fährt weitere 13 Kilometer, vorbei am Beaver Creek, bis nur wenige Häuser übrig geblieben sind. Eines davon gehört ihm. In seiner Nachbarschaft liegt ein Heim für alkoholkranke Indianer, gegenüber wohnt ein Cannabis-Züchter, dessen Gewächshaus in der Dunkelheit hell leuchtet. Geist teilt sich sein Haus mit drei Hunden, draußen hält er Gänse und Hühner. Valerius Geist hat ein Kaminzimmer voller Bücher über wilde Tiere, viele davon schrieb er selbst. Er hat sechs Paar Gummistiefel und 17 Gewehre.

Fürchtet sich der Wolf wirklich vor Menschen?

Am nächsten Morgen, als er seine Tiere versorgt hat, erzählt er seine Geschichte. Im Jahr 1995, nach seiner Emeritierung, zog er mit seiner Frau Renate hierher. Ein paar Jahre später entdeckten sie draußen im Schnee zum ersten Mal die Spur eines Wolfes. Seine Fährte unterscheidet sich deutlich von der eines Hundes. Die Fußabdrücke sind größer, und ein Wolf trabt in einer engen Bahn, setzt die Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten, er schnürt. Geist war aufgeregt, als er die Fährte entdeckte. "Wir haben jetzt Wölfe", sagte er zu seiner Frau. Er freute sich.

Schon einmal hatte er mit Wölfen zu tun gehabt, in den sechziger Jahren, als er noch ein junger Doktorand war und sich am Mount Will im kanadischen Spatsizi-Nationalpark für Wildschafe begeisterte. Er lebte damals in einer Holzhütte, die er gemeinsam mit Pelztierfängern vom Stamm der Tahltan-Indianer errichtet hatte. Der nächste Ort, Telegraph Creek, war sieben Tagesmärsche entfernt. Hin und wieder schlichen Wölfe um die Schafe, die Geist im Freien beobachtete. Manchmal pirschte er sich in einem weißen Overall heran, sodass ihn die Schafe für einen der Ihren hielten, aber die Wölfe verwechselten ihn nie. Sie gingen auf Abstand zu ihm. Ein Tier machte, als es Valerius Geist witterte, vor Schreck einen Luftsprung. Der Forscher fragte die Indianer, welche Erfahrungen sie mit Wölfen gemacht hatten, und ihre Antwort lautete: Nur gute.

Einmal fand Geist im Schnee die Spuren eines Wolfes knapp hinter seinen eigenen Fußabdrücken. Der Wolf musste ihm unbemerkt gefolgt sein. Der Forscher ging der Fährte nach und stellte fest, dass der Wolf dicht neben seiner Hütte gesessen hatte. Waren die Gespräche, die Geist mit seiner Frau geführt hatte, von einem Wolf belauscht worden? Die Vorstellung amüsierte ihn. Er war fasziniert von der Schlauheit des Wolfes, und wann immer Wildbiologen mit Geist über den cleveren, vorsichtigen Jäger sprachen, stimmte er ihnen zu.

Das änderte sich im Jahr 1999, als sich am Beaver Creek zum ersten Mal Wölfe zeigten, ausgemergelte, hungrige Tiere. Der Milchbauer John Oosterom, einer von Geists Nachbarn, merkte es daran, dass einigen Kühen plötzlich die Schwanzspitze fehlte. Bei anderen Kühen waren die Ohren eingerissen. John Oosterom schulterte ein Gewehr, setzte sich auf sein Motorrad und hielt auf ein Rudel Wölfe zu, das sich der Kuhweide näherte. Er trieb die Wölfe vor sich her. Dann aber machten die Wölfe kehrt, verfolgten John und zogen sich erst zurück, als der Gejagte auf seinen Hof geflüchtet war.

An einem Morgen sah Geist, wie seine Nachbarin Anita, John Oosteroms Frau, panisch über eine Wiese gelaufen kam und ihm schon aus großer Entfernung zurief: "Val, get your gun!" Hol deine Waffe! Valerius Geist, noch im Morgenmantel, schnappte sich sein Repetiergewehr mit Zielfernrohr, Kaliber 7,62 Millimeter, das unter seinem Bett lag, und lief los. Fünf Wölfe waren Anita und John am Waldesrand begegnet. Die Wölfe hatten den Hund attackiert, den die beiden mit sich geführt hatten. John Oosterom schnappte sich einen losen Ast und prügelte damit auf die Wölfe ein, während seine Frau über die Wiese zu Valerius Geist rannte. Als Geist mit der Waffe eintraf, hatte sein Nachbar die Angreifer schon vertrieben. Etwa ein Dutzend Mal kam es für John Oosterom zu solchen Begegnungen.

Valerius Geist spürte, wie der Wald sich veränderte. Schwarzwedelhirsche, von denen Geist an manchen Abenden mehr als hundert auf einer Wiese hatte äsen sehen, drängten sich plötzlich in der Dunkelheit dicht neben die Viehställe in der Siedlung. Offenbar suchten sie Schutz. Andere Tiere verstummten. Die Kragenhühner, die im Wald mit ihren Flügeln getrommelt hatten, trommelten nicht mehr. Die Wapiti-Hirsche röhrten in der Brunft nicht mehr, vermutlich, um sich nicht zu verraten. Stattdessen hörte Geist das Heulen der Wölfe.

Zunächst tauchten nur einige der vertriebenen Hirsche in Geists Garten auf und fraßen die Zweige der Obstbäume kahl, dann kam auch ein Wolf. Er knurrte Geists Frau Renate an, als sie mit ihrem Hund auf der Veranda stand. Der Wolf näherte sich, fletschte mit den Zähnen. Bevor er zuschnappen konnte, hatte Geists Frau den Hund ins Haus gezogen. Wenn Valerius Geist davon erzählt, von "dem lieben Renatchen" und dem bösen Wolf, könnte man meinen, es sei bloß eine ängstliche Frau in Panik geraten. Das Bild ändert sich, wenn man weiß, wie das liebe Renatchen reagierte, als ein Bär ihrer kleinen Tochter nahe kam. Sie holte eine Axt, lief auf den Bären zu und wollte ihm den Schädel spalten. Der Bär zog sich zurück.

Renates Begegnung mit dem Wolf war der Punkt, an dem Geist zu zweifeln begann. Irgendetwas stimmte nicht mit den Theorien vom Räuber, der sich vor Menschen fürchtet. Vielleicht galten diese Theorien für die meisten Wölfe, aber nicht für alle. Hinzu kam, dass eines Tages das Telefon bei Valerius Geist klingelte und sich ein Ehepaar namens Carnegie bei ihm meldete. Der Sohn Kenton Joel Carnegie, ein 22-jähriger Geologiestudent, war in der Nähe eines kanadischen Forschungscamps, in dem er sich aufgehalten hatte, tot gefunden worden. Sein Körper war in Stücke gerissen worden, offenbar von wilden Tieren. Das war im November 2005. Die Eltern des Toten baten Geist, ein Gutachten anzufertigen. Wer hatte den Jungen zerfleischt?

Die Royal Canadian Mounted Police hatte die Ermittlungen geleitet, ein Gerichtsverfahren wurde eröffnet, mehrere Bären- und Wolfsexperten, Verhaltensforscher und Forensiker fertigten Gutachten an, die Meinungen widersprachen sich, schließlich legte sich der renommierte Wildbiologe Mark McNay – wie schon Geist – auf Wölfe fest. Der Student Kenton Carnegie hatte das Camp zu einem Spaziergang verlassen, obwohl er wusste, dass sich auf der nahe gelegenen Deponie Wölfe herumtrieben. Dort waren Abfalltüten mit Essensresten abgekippt worden.

Noch vor dem Ende der Gerichtsverhandlung entwickelte Valerius Geist eine eigene Theorie über Wölfe, die er an Wissenschaftler schickte – und die ihn jede Menge Freunde unter seinen Kollegen kostete. Was er da schrieb, ging ihnen zu weit. Von nun an galt Geist als Außenseiter, weil er sich gegen die Mehrheitsmeinung stellte. Geist, der kein Wolfsexperte ist, sondern Verhaltensforscher, verallgemeinerte persönliche Erlebnisse und einen krassen Todesfall, das passte einigen seiner Kollegen nicht. Geist spitzte seine Thesen zu.

Er präsentierte ein Modell der Eskalation, mit mehreren Stufen. Demnach beobachten Wölfe zunächst eine Siedlung, bleiben ihr aber noch fern. Anschließend wagen sie sich dichter heran. Sie reißen zunächst Nutztiere, oft nachts, später auch tagsüber. Danach, so Geist, würden Menschen als Beute getestet, zuerst vorsichtig, durch ein Zerren an der Kleidung beispielsweise. Schließlich folge – wenn die Wölfe nicht vertrieben würden – ein Angriff, der tödlich ausgehen könne.

Angriffe durch gesunde, nicht hungrige Wölfe

Der harmlose Wolf, meint Geist, sei eine Legende, die er sich durch "politische Korrektheit beim Blick auf Tiere" erklärt. Wölfe hätten sich nicht in der Wirklichkeit verändert, aber in den Vorstellungen vieler Menschen. Aus der Bestie, die der Wolf nie war, sei das Schmusekätzchen geworden, das er nicht ist. Wölfe, einst erbarmungslos gejagt, in Teilen Europas ausgerottet, böten sich Menschen, die auf das Leben notorisch aus der Sicht von Opfern blicken, als Projektionsfiguren an. Auch dem Wolf sei früher Unrecht geschehen, ihm stehe deshalb Wiedergutmachung zu, aber er bleibe ein Raubtier.

Es gab Vorfälle, die Geists Theorie bestätigen. Auf Vargas Island an der kanadischen Pazifikküste landete eine Wildbiologin in einem Kajak. Dort, wo sie im Juni des Jahres 2000 ihr Zelt aufschlug, hatten Spaziergänger Wölfe gefüttert. Einige der Tiere näherten sich der Biologin, beschnupperten sie und bissen ihr zaghaft in die Hand. Sie zupften an der Kleidung, umkreisten sie. Dann verließ die Forscherin die Insel wieder, und kurze Zeit später kamen Touristen, von denen sich einige in Schlafsäcken ins Freie legten. Einem von ihnen wurde von einem Wolf nachts in den Kopf gebissen. Die Wunde wurde mit 50 Stichen genäht.

Im selben Jahr spielte der sechs Jahre alte John Stenglein im Beisein eines Freundes und eines Hundes in einem Holzfällercamp an der Icy Bay in Alaska, als ein Wolf auftauchte. Er biss John in den Rücken, packte ihn und wollte ihn wegschleppen, aber herbeigelaufene Erwachsene hinderten ihn daran. Das Tier wurde erschossen. Eine Untersuchung ergab: keine Tollwut, ein gesunder Wolf.

Diese Fälle und viele weitere wurden einzeln dokumentiert, etwa von einem Biologen der Fisch- und Wildbehörde Alaskas, von der Chefin des deutschen Wolf Magazins, außerdem von 18 Wissenschaftlern, die für das Norwegische Institut für Naturforschung eine internationale Studie schrieben.

Oft sind es Hunde, die attackiert werden, manchmal Kinder, seltener Frauen, noch seltener Männer. In Indien werden seit Langem Kinder von hungrigen Wölfen angefallen. Ein amerikanischer Forscher untersuchte diese Fälle – 273 getötete Kinder in drei indischen Bundesstaaten in den Jahren 1980 bis 2000. Einige Wölfe waren in die Hütten von Dorfbewohnern eingedrungen.

In New Mexico wurden an einigen Bushaltestellen zeitweise vergitterte Verschläge errichtet, die Kinder vor Wölfen schützen sollten. In Russland bilden sich Wolfsrudel, die mehr als 100 Tiere umfassen können und sich gelegentlich in Randbezirken abgelegener Städte herumtreiben. Wollte man alle Angriffe einzeln aufführen, hätte man lange zu tun.

Im spanischen Galicien, in der Nähe des Dorfes Vilar, wurde 1957 ein fünfjähriger Junge von einem Wolf getötet, tagsüber, auf einer Straße. Ein Jahr später griff ein Wolf in einem Nachbardorf Kinder an. Einer der spielenden Jungen wurde von dem Tier weggeschleift, bevor Erwachsene es verjagten. Der Junge überlebte.

Im Jahr 1974 schleppte ein Wolf in derselben Gegend einen Säugling weg, den eine Arbeiterin am Rand eines Feldes abgelegt hatte, und zog ihn in ein Gebüsch, wo das Baby starb. Wenige Tage später schnappte sich ein Wolf ein dreijähriges Kind und tötete es. In der Region gab es damals viele Bauernhöfe mit Hühnern. Vermutlich waren die Wölfe dadurch angezogen worden. Das wäre eine Erklärung.

Seitdem es dokumentierte Wolfsangriffe gibt, haben Forscher viele Begründungen für das Verhalten der Tiere gefunden. Die Attacken gelten in erster Linie den Hunden, die ihre Besitzer beim Waldspaziergang begleiten. Denn die Hunde dringen in Wolfsreviere ein. Oder aber: Wölfe wurden gefüttert und an Menschen gewöhnt. Oder aber: Wölfe wurden von Tierfarmen angezogen. Oder, oder, oder.

Keine schlüssige Erklärung gibt es für den Tod der 32-jährigen Lehrerin Candice Berner, die im März 2010 in der Nähe des Dorfes Chignik Lake in Alaska joggen ging. Sie trug Kopfhörer, ließ sich von Musik berieseln und rannte los. Später wurde ihre Leiche gefunden, an der die Polizei mithilfe einer DNA-Analyse Wolfsspuren feststellte. Anschließend wurden acht Wölfe getötet, die sich in der Nähe des Opfers aufgehalten hatten, keiner von ihnen hatte Tollwut. Die Tiere waren in guter körperlicher Verfassung, konnten nicht unter Hunger gelitten haben. Sie waren auch nicht im Dorf gefüttert worden, waren ihm aber immer näher gerückt. Und die Lehrerin war allein unterwegs, ohne Hund. Denkbar, dass sie – weil ein kräftiger Wind wehte und die Musik sie ablenkte – überraschend auf die Wölfe stieß, die sich dadurch erschreckten.

Denkbar ist aber auch etwas ganz anderes: Wölfe sind nicht harmlos. Sie sind weder gut noch böse, sie sind wild und damit nicht berechenbar. Wer sie in der Nähe von Menschen duldet, geht ein Risiko ein. Es ist eine große Dummheit, sich über einen Wolf zu freuen, der am Rand eines Ortes herumschleicht. In Rumänien, wo etwa 4.000 Wölfe leben, kommt es deshalb so selten zu heftigen Begegnungen, weil Menschen die Tiere verjagen, sobald die sich nähern. Nicht in allen Fällen bleibt das Gewehr im Schrank. Man muss Wölfen, die ihre Scheu aufgeben, einen Grund liefern, sich wieder scheu zu verhalten. Der beste Grund ist ein Mensch, der seine eigenen Reviergrenzen ernster nimmt als die der Wölfe – und notfalls auf sie schießt.

Aufschlussreich ist, wie sich die Rhetorik deutscher Naturschützer verändert hat. Ein Wolf tut Menschen nichts. Das war lange Zeit eine unumstößliche Gewissheit. Dann hieß es: Ein Wolf ist in der Regel harmlos – vorausgesetzt, er ist gesund. Dann: Der gesunde Wolf ist in der Regel harmlos, solange er nicht hungrig ist. Dann: Der gesunde und nicht hungrige Wolf, der sich von Siedlungen fernhält, ist in der Regel harmlos. Schließlich: In absoluten Ausnahmefällen, wenn ein Wolf sich auffällig gegenüber Menschen verhält, obwohl er gesund und nicht hungrig ist, darf er vertrieben werden.

Kein Anlass zur Sorge

Am vergangenen Samstag steigt der FDP-Politiker Gero Hocker ins Auto und fährt ins Münsterland, zu einem Wolfssymposium. Hocker ist guter Dinge, die anderen Parteien laufen ihm hinterher. Die Grünen im niedersächsischen Umweltministerium wollen verhaltensauffällige Wölfe einfangen und mit Gummischrot beschießen lassen, damit die Tiere wieder lernen, was Angst ist. "Wahnsinn", dachte Hocker, "das ist ja Waterboarding für Wölfe." Später hat er diesen Gedanken aber für sich behalten.

Hocker kommt in einem Landgasthof bei Rheine an, wo sich rund 200 Besucher zum Symposium versammelt haben. Menschen in Jacken mit Hirschhornknöpfen, wohin Hocker auch schaut. In der Pause begegnet er einem Mann in einem erdbraunen Anzug, der am Abend referieren soll – Valerius Geist. Er ist aus Kanada angereist. "Ihr in Deutschland werdet euch über die Wölfe noch wundern", sagt Geist, und Hocker schaut ihn besorgt an. Dann geht es los mit den Vorträgen. Fotos blutiger Eingeweide werden auf einer Leinwand gezeigt, getötete Rehe, skelettierte Hunde, es will kein Ende nehmen. Valerius Geist sitzt vorn im Saal und hört mit strenger Miene zu, Gero Hocker sitzt hinten und wundert sich. Ist er hier unter Extremisten geraten? Wäre wahr, was diese Redner behaupten, dann liefen da draußen blutrünstige Ungeheuer herum.

Manchmal werden aber auch Wolfslegenden wahr.

Der alte Mann aus Bremen, der dem Bürgermeister von Goldenstedt weismachen wollte, ein Kind sei mitten in Deutschland von einem Wolf umgebracht worden, ist nicht verwirrt. Er hat recht. Archivunterlagen aus dem August des Jahres 1977 beweisen es. Ein pensionierter Polizist, heute 79 Jahre alt, erinnert sich daran. Dieser Mann war damals stellvertretender Leiter des 6. Polizeireviers in Bremen. Mit seinem Diensthund Falk stieß er auf einen Fremden, der einen Silberwolf an einer Leine über den Ansgariikirchhof in der Bremer Fußgängerzone führte. Der Polizist forderte ihn auf, den Wolf wegzubringen. Das tat er.

Wenige Tage später wurde der Silberwolf gemeinsam mit einem Pyrenäenwolf in Sperrholzkisten auf einen Transporter geladen. Die Tiere sollten zu einem Privatzoo gebracht werden. Auf der Fahrt nach Osterholz-Scharmbeck konnte sich der Pyrenäenwolf aus seinem Käfig befreien, sprang vom Wagen und fiel einen siebenjährigen Jungen an, der mit einem Freund im Wald spielte. Sieben Bisse, dann war das Kind tot.

Trotzdem muss niemand Angst vor einem Wolf haben. Man kann die brutalsten Wolfsangriffe aus Sibirien zusammentragen, nach den problematischsten Problemwölfen in Deutschland fahnden, man kann die Todesfälle addieren und findet noch immer keinen Anlass zur Sorge. Außerhalb Russlands, Weißrusslands und der Ukraine kam es in Europa zu 59 Angriffen wild lebender Wölfe auf Menschen, seit 1950. Neun Menschen kamen ums Leben. Neun. Es ist viel wahrscheinlicher, in Deutschland von einem Blitz erschlagen als von einem Wolf angefallen zu werden. Es ist sogar wahrscheinlicher, von einem Wildschwein umgebracht zu werden (so endete im Jahr 2008 das Leben eines Jägers in Brandenburg).

Im Tal des Beaver Creek, wo Valerius Geist lebt, ist ihm zuletzt vor acht Jahren ein Wolf begegnet, vor zwei Jahren hat er zum letzten Mal Spuren gesehen. 17 Wölfe wurden erschossen, die anderen zogen aus der Gegenwehr der Menschen die einzig logische Konsequenz, sie verschwanden. Seither sind die Tage des pensionierten Professors stiller geworden, seltener geht er vor die Tür. Irgendwie waren sie sich nähergekommen, Geist und die Wölfe, auch habituell. Ihre Tage verbrachten die Wölfe am Waldesrand und studierten ihre Umgebung. Sie saßen nur da und beobachteten. Ihr Blick glich dem des Verhaltensforschers Geist, unbewegt und hoch konzentriert. So standen sie einander gegenüber wie Spione verfeindeter Mächte, der eine mit Fernglas, die anderen ohne. Im Winter suchte Geist mit einer starken Leuchte nach ihnen im Schnee. "Wir waren in engster Verbindung", sagt er. Mit den Wölfen war viel fremdes Leben in sein eigenes Leben eingedrungen.

Der nächste Besucher, ein Bärenjäger aus Schweden, wird erst im Mai anreisen. Vor wenigen Monaten starb Geists Frau Renate an Krebs. Jetzt lebt er allein. Er hat seinen Gesangsverein, manchmal fährt er zum Postamt in der Stadt, um Briefe aus seinem Schließfach zu ziehen. Für jeden Wochentag liegen Tabletten geordnet in einer Schachtel, er hat seinen Rhythmus. Aber was ist sein Rhythmus noch wert, wenn ihm keine Rhythmusstörungen mehr geschenkt werden?

Einer der Wölfe, erzählt Geist, freundete sich damals mit Hütehunden an, die eine Schafherde bewachten. Der Wolf nutzte seine neuen Kontakte, und die Hunde sahen von nun an unbekümmert zu, wie ihr Freund Schafe riss. Woche für Woche rief Geist einen seiner Bekannten an, um ihm unglaubliche Wolfsgeschichten zu erzählen. Jede dieser Geschichten wird allein durch den Wolf in einen Thriller verzaubert, den die Zivilisation nicht bieten kann. Valerius Geist würde es so nicht ausdrücken, aber er vermisst die Wölfe.

In manchen Nächten trat er auf die Veranda seines Hauses und begann, laut zu heulen. Er hatte das ein paarmal geübt. Er beherrschte den tiefen Ton der alten Rüden und den helleren Gesang der Wölfinnen. Sie antworteten ihm, und er hätte viel dafür gegeben, zu verstehen, was sie ihm erzählten. Aber plötzlich erwiderten sie sein Heulen nicht mehr, sie ignorierten ihn einfach. Als er schon glaubte, er könne ihnen etwas vormachen, hatten sie ihn durchschaut.