Am nächsten Morgen, als er seine Tiere versorgt hat, erzählt er seine Geschichte. Im Jahr 1995, nach seiner Emeritierung, zog er mit seiner Frau Renate hierher. Ein paar Jahre später entdeckten sie draußen im Schnee zum ersten Mal die Spur eines Wolfes. Seine Fährte unterscheidet sich deutlich von der eines Hundes. Die Fußabdrücke sind größer, und ein Wolf trabt in einer engen Bahn, setzt die Hinterpfoten in die Abdrücke der Vorderpfoten, er schnürt. Geist war aufgeregt, als er die Fährte entdeckte. "Wir haben jetzt Wölfe", sagte er zu seiner Frau. Er freute sich.

Schon einmal hatte er mit Wölfen zu tun gehabt, in den sechziger Jahren, als er noch ein junger Doktorand war und sich am Mount Will im kanadischen Spatsizi-Nationalpark für Wildschafe begeisterte. Er lebte damals in einer Holzhütte, die er gemeinsam mit Pelztierfängern vom Stamm der Tahltan-Indianer errichtet hatte. Der nächste Ort, Telegraph Creek, war sieben Tagesmärsche entfernt. Hin und wieder schlichen Wölfe um die Schafe, die Geist im Freien beobachtete. Manchmal pirschte er sich in einem weißen Overall heran, sodass ihn die Schafe für einen der Ihren hielten, aber die Wölfe verwechselten ihn nie. Sie gingen auf Abstand zu ihm. Ein Tier machte, als es Valerius Geist witterte, vor Schreck einen Luftsprung. Der Forscher fragte die Indianer, welche Erfahrungen sie mit Wölfen gemacht hatten, und ihre Antwort lautete: Nur gute.

Einmal fand Geist im Schnee die Spuren eines Wolfes knapp hinter seinen eigenen Fußabdrücken. Der Wolf musste ihm unbemerkt gefolgt sein. Der Forscher ging der Fährte nach und stellte fest, dass der Wolf dicht neben seiner Hütte gesessen hatte. Waren die Gespräche, die Geist mit seiner Frau geführt hatte, von einem Wolf belauscht worden? Die Vorstellung amüsierte ihn. Er war fasziniert von der Schlauheit des Wolfes, und wann immer Wildbiologen mit Geist über den cleveren, vorsichtigen Jäger sprachen, stimmte er ihnen zu.

Das änderte sich im Jahr 1999, als sich am Beaver Creek zum ersten Mal Wölfe zeigten, ausgemergelte, hungrige Tiere. Der Milchbauer John Oosterom, einer von Geists Nachbarn, merkte es daran, dass einigen Kühen plötzlich die Schwanzspitze fehlte. Bei anderen Kühen waren die Ohren eingerissen. John Oosterom schulterte ein Gewehr, setzte sich auf sein Motorrad und hielt auf ein Rudel Wölfe zu, das sich der Kuhweide näherte. Er trieb die Wölfe vor sich her. Dann aber machten die Wölfe kehrt, verfolgten John und zogen sich erst zurück, als der Gejagte auf seinen Hof geflüchtet war.

An einem Morgen sah Geist, wie seine Nachbarin Anita, John Oosteroms Frau, panisch über eine Wiese gelaufen kam und ihm schon aus großer Entfernung zurief: "Val, get your gun!" Hol deine Waffe! Valerius Geist, noch im Morgenmantel, schnappte sich sein Repetiergewehr mit Zielfernrohr, Kaliber 7,62 Millimeter, das unter seinem Bett lag, und lief los. Fünf Wölfe waren Anita und John am Waldesrand begegnet. Die Wölfe hatten den Hund attackiert, den die beiden mit sich geführt hatten. John Oosterom schnappte sich einen losen Ast und prügelte damit auf die Wölfe ein, während seine Frau über die Wiese zu Valerius Geist rannte. Als Geist mit der Waffe eintraf, hatte sein Nachbar die Angreifer schon vertrieben. Etwa ein Dutzend Mal kam es für John Oosterom zu solchen Begegnungen.

Valerius Geist spürte, wie der Wald sich veränderte. Schwarzwedelhirsche, von denen Geist an manchen Abenden mehr als hundert auf einer Wiese hatte äsen sehen, drängten sich plötzlich in der Dunkelheit dicht neben die Viehställe in der Siedlung. Offenbar suchten sie Schutz. Andere Tiere verstummten. Die Kragenhühner, die im Wald mit ihren Flügeln getrommelt hatten, trommelten nicht mehr. Die Wapiti-Hirsche röhrten in der Brunft nicht mehr, vermutlich, um sich nicht zu verraten. Stattdessen hörte Geist das Heulen der Wölfe.

Zunächst tauchten nur einige der vertriebenen Hirsche in Geists Garten auf und fraßen die Zweige der Obstbäume kahl, dann kam auch ein Wolf. Er knurrte Geists Frau Renate an, als sie mit ihrem Hund auf der Veranda stand. Der Wolf näherte sich, fletschte mit den Zähnen. Bevor er zuschnappen konnte, hatte Geists Frau den Hund ins Haus gezogen. Wenn Valerius Geist davon erzählt, von "dem lieben Renatchen" und dem bösen Wolf, könnte man meinen, es sei bloß eine ängstliche Frau in Panik geraten. Das Bild ändert sich, wenn man weiß, wie das liebe Renatchen reagierte, als ein Bär ihrer kleinen Tochter nahe kam. Sie holte eine Axt, lief auf den Bären zu und wollte ihm den Schädel spalten. Der Bär zog sich zurück.

Renates Begegnung mit dem Wolf war der Punkt, an dem Geist zu zweifeln begann. Irgendetwas stimmte nicht mit den Theorien vom Räuber, der sich vor Menschen fürchtet. Vielleicht galten diese Theorien für die meisten Wölfe, aber nicht für alle. Hinzu kam, dass eines Tages das Telefon bei Valerius Geist klingelte und sich ein Ehepaar namens Carnegie bei ihm meldete. Der Sohn Kenton Joel Carnegie, ein 22-jähriger Geologiestudent, war in der Nähe eines kanadischen Forschungscamps, in dem er sich aufgehalten hatte, tot gefunden worden. Sein Körper war in Stücke gerissen worden, offenbar von wilden Tieren. Das war im November 2005. Die Eltern des Toten baten Geist, ein Gutachten anzufertigen. Wer hatte den Jungen zerfleischt?

Die Royal Canadian Mounted Police hatte die Ermittlungen geleitet, ein Gerichtsverfahren wurde eröffnet, mehrere Bären- und Wolfsexperten, Verhaltensforscher und Forensiker fertigten Gutachten an, die Meinungen widersprachen sich, schließlich legte sich der renommierte Wildbiologe Mark McNay – wie schon Geist – auf Wölfe fest. Der Student Kenton Carnegie hatte das Camp zu einem Spaziergang verlassen, obwohl er wusste, dass sich auf der nahe gelegenen Deponie Wölfe herumtrieben. Dort waren Abfalltüten mit Essensresten abgekippt worden.

Noch vor dem Ende der Gerichtsverhandlung entwickelte Valerius Geist eine eigene Theorie über Wölfe, die er an Wissenschaftler schickte – und die ihn jede Menge Freunde unter seinen Kollegen kostete. Was er da schrieb, ging ihnen zu weit. Von nun an galt Geist als Außenseiter, weil er sich gegen die Mehrheitsmeinung stellte. Geist, der kein Wolfsexperte ist, sondern Verhaltensforscher, verallgemeinerte persönliche Erlebnisse und einen krassen Todesfall, das passte einigen seiner Kollegen nicht. Geist spitzte seine Thesen zu.

Er präsentierte ein Modell der Eskalation, mit mehreren Stufen. Demnach beobachten Wölfe zunächst eine Siedlung, bleiben ihr aber noch fern. Anschließend wagen sie sich dichter heran. Sie reißen zunächst Nutztiere, oft nachts, später auch tagsüber. Danach, so Geist, würden Menschen als Beute getestet, zuerst vorsichtig, durch ein Zerren an der Kleidung beispielsweise. Schließlich folge – wenn die Wölfe nicht vertrieben würden – ein Angriff, der tödlich ausgehen könne.