Der harmlose Wolf, meint Geist, sei eine Legende, die er sich durch "politische Korrektheit beim Blick auf Tiere" erklärt. Wölfe hätten sich nicht in der Wirklichkeit verändert, aber in den Vorstellungen vieler Menschen. Aus der Bestie, die der Wolf nie war, sei das Schmusekätzchen geworden, das er nicht ist. Wölfe, einst erbarmungslos gejagt, in Teilen Europas ausgerottet, böten sich Menschen, die auf das Leben notorisch aus der Sicht von Opfern blicken, als Projektionsfiguren an. Auch dem Wolf sei früher Unrecht geschehen, ihm stehe deshalb Wiedergutmachung zu, aber er bleibe ein Raubtier.

Es gab Vorfälle, die Geists Theorie bestätigen. Auf Vargas Island an der kanadischen Pazifikküste landete eine Wildbiologin in einem Kajak. Dort, wo sie im Juni des Jahres 2000 ihr Zelt aufschlug, hatten Spaziergänger Wölfe gefüttert. Einige der Tiere näherten sich der Biologin, beschnupperten sie und bissen ihr zaghaft in die Hand. Sie zupften an der Kleidung, umkreisten sie. Dann verließ die Forscherin die Insel wieder, und kurze Zeit später kamen Touristen, von denen sich einige in Schlafsäcken ins Freie legten. Einem von ihnen wurde von einem Wolf nachts in den Kopf gebissen. Die Wunde wurde mit 50 Stichen genäht.

Im selben Jahr spielte der sechs Jahre alte John Stenglein im Beisein eines Freundes und eines Hundes in einem Holzfällercamp an der Icy Bay in Alaska, als ein Wolf auftauchte. Er biss John in den Rücken, packte ihn und wollte ihn wegschleppen, aber herbeigelaufene Erwachsene hinderten ihn daran. Das Tier wurde erschossen. Eine Untersuchung ergab: keine Tollwut, ein gesunder Wolf.

Diese Fälle und viele weitere wurden einzeln dokumentiert, etwa von einem Biologen der Fisch- und Wildbehörde Alaskas, von der Chefin des deutschen Wolf Magazins, außerdem von 18 Wissenschaftlern, die für das Norwegische Institut für Naturforschung eine internationale Studie schrieben.

Oft sind es Hunde, die attackiert werden, manchmal Kinder, seltener Frauen, noch seltener Männer. In Indien werden seit Langem Kinder von hungrigen Wölfen angefallen. Ein amerikanischer Forscher untersuchte diese Fälle – 273 getötete Kinder in drei indischen Bundesstaaten in den Jahren 1980 bis 2000. Einige Wölfe waren in die Hütten von Dorfbewohnern eingedrungen.

In New Mexico wurden an einigen Bushaltestellen zeitweise vergitterte Verschläge errichtet, die Kinder vor Wölfen schützen sollten. In Russland bilden sich Wolfsrudel, die mehr als 100 Tiere umfassen können und sich gelegentlich in Randbezirken abgelegener Städte herumtreiben. Wollte man alle Angriffe einzeln aufführen, hätte man lange zu tun.

Im spanischen Galicien, in der Nähe des Dorfes Vilar, wurde 1957 ein fünfjähriger Junge von einem Wolf getötet, tagsüber, auf einer Straße. Ein Jahr später griff ein Wolf in einem Nachbardorf Kinder an. Einer der spielenden Jungen wurde von dem Tier weggeschleift, bevor Erwachsene es verjagten. Der Junge überlebte.

Im Jahr 1974 schleppte ein Wolf in derselben Gegend einen Säugling weg, den eine Arbeiterin am Rand eines Feldes abgelegt hatte, und zog ihn in ein Gebüsch, wo das Baby starb. Wenige Tage später schnappte sich ein Wolf ein dreijähriges Kind und tötete es. In der Region gab es damals viele Bauernhöfe mit Hühnern. Vermutlich waren die Wölfe dadurch angezogen worden. Das wäre eine Erklärung.

Seitdem es dokumentierte Wolfsangriffe gibt, haben Forscher viele Begründungen für das Verhalten der Tiere gefunden. Die Attacken gelten in erster Linie den Hunden, die ihre Besitzer beim Waldspaziergang begleiten. Denn die Hunde dringen in Wolfsreviere ein. Oder aber: Wölfe wurden gefüttert und an Menschen gewöhnt. Oder aber: Wölfe wurden von Tierfarmen angezogen. Oder, oder, oder.

Keine schlüssige Erklärung gibt es für den Tod der 32-jährigen Lehrerin Candice Berner, die im März 2010 in der Nähe des Dorfes Chignik Lake in Alaska joggen ging. Sie trug Kopfhörer, ließ sich von Musik berieseln und rannte los. Später wurde ihre Leiche gefunden, an der die Polizei mithilfe einer DNA-Analyse Wolfsspuren feststellte. Anschließend wurden acht Wölfe getötet, die sich in der Nähe des Opfers aufgehalten hatten, keiner von ihnen hatte Tollwut. Die Tiere waren in guter körperlicher Verfassung, konnten nicht unter Hunger gelitten haben. Sie waren auch nicht im Dorf gefüttert worden, waren ihm aber immer näher gerückt. Und die Lehrerin war allein unterwegs, ohne Hund. Denkbar, dass sie – weil ein kräftiger Wind wehte und die Musik sie ablenkte – überraschend auf die Wölfe stieß, die sich dadurch erschreckten.

Denkbar ist aber auch etwas ganz anderes: Wölfe sind nicht harmlos. Sie sind weder gut noch böse, sie sind wild und damit nicht berechenbar. Wer sie in der Nähe von Menschen duldet, geht ein Risiko ein. Es ist eine große Dummheit, sich über einen Wolf zu freuen, der am Rand eines Ortes herumschleicht. In Rumänien, wo etwa 4.000 Wölfe leben, kommt es deshalb so selten zu heftigen Begegnungen, weil Menschen die Tiere verjagen, sobald die sich nähern. Nicht in allen Fällen bleibt das Gewehr im Schrank. Man muss Wölfen, die ihre Scheu aufgeben, einen Grund liefern, sich wieder scheu zu verhalten. Der beste Grund ist ein Mensch, der seine eigenen Reviergrenzen ernster nimmt als die der Wölfe – und notfalls auf sie schießt.

Aufschlussreich ist, wie sich die Rhetorik deutscher Naturschützer verändert hat. Ein Wolf tut Menschen nichts. Das war lange Zeit eine unumstößliche Gewissheit. Dann hieß es: Ein Wolf ist in der Regel harmlos – vorausgesetzt, er ist gesund. Dann: Der gesunde Wolf ist in der Regel harmlos, solange er nicht hungrig ist. Dann: Der gesunde und nicht hungrige Wolf, der sich von Siedlungen fernhält, ist in der Regel harmlos. Schließlich: In absoluten Ausnahmefällen, wenn ein Wolf sich auffällig gegenüber Menschen verhält, obwohl er gesund und nicht hungrig ist, darf er vertrieben werden.