Joseph Schumpeter, Sohn eines früh verstorbenen Tuchfabrikanten und Stiefsohn eines Feldmarschallleutnants der k. u. k. Armee, hatte drei Lebensziele vor Augen: Er wollte der bedeutendste Ökonom der Welt, der großartigste Reiter Österreichs und der beste Liebhaber in ganz Wien werden. Nur: Das mit dem Reiten dürfte nie so recht geklappt haben.

Tiefstapelei war Schumpeter fremd, das hatte er nicht nötig. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte der Lebemann zu den wichtigsten Vertretern seines Fachs und verhalf der Wiener beziehungsweise Österreichischen Schule der Nationalökonomie zu Weltruhm. Mit ihren Ideen, die dem freien Markt in jeder Hinsicht den Vorzug geben und den Staat zum Rückzug aus der Sphäre des Ökonomischen drängen, erlangte sie, ausgehend vom Wien des Fin de Siècle, Weltruhm.

Den Grundstein dazu hatte bereits 1871 Carl Menger an der Universität Wien mit seiner Habilitationsschrift Grundsätze der Volkswirtschaftslehre gelegt, die neue Maßstäbe in der ökonomischen Theorie setzen wollte.

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In der Ökonomie wurde seit je zwischen Gebrauchswert und Tauschwert unterschieden, der dazu führen kann, dass etwa lebenswichtige Güter billig zu haben sind und entbehrliche wie Diamanten hohe Preise erzielen. Diesem Werteparadoxon stellte Menger den Grenznutzen entgegen: Der Wert werde durch den subjektiven Nutzen bestimmt. Ein Liter Wasser bringt in einem gefüllten Swimmingpool nur einen geringen Nutzen und wird als nicht sehr wertvoll erachtet, für einen Durstigen ist er hingegen ein äußerst kostbares Gut.

Mengers Buch blieb lange unbeachtet. Es war Eugen von Böhm-Bawerk, ein Habilitand Mengers, der in den 1880er-Jahren dessen Wertlehre ausführlich beschrieb und verbreitete. Die Grenznutzenlehre wurde zum Symbol für die Wiener Schule, über die nun auch in englischsprachigen Fachzeitschriften berichtet wurde. Erstmals tauchten dabei die bis heute gültigen Begriffe "Austrian School" und "Austrian Economists" auf.

Im Sommersemester 1905 begannen an der Universität Wien die Volkswirtschaftlichen Übungen, ein Seminar Böhm-Bawerks, das bis heute mythenumwoben ist. Der Ökonom war mittlerweile ein Star geworden, eine Leitfigur der Wiener Schule und mehrmaliger Finanzminister. Er war es, der 1896 die progressive Personaleinkommensteuer durchsetzte.

In seiner Lehrveranstaltung vor genau 110 Jahren nahm eine Reihe brillanter Studenten Platz: Otto Bauer, Ludwig von Mises, Emil Lederer, Rudolf Hilferding und Joseph Schumpeter. Böhm-Bawerk hatte zuvor seine Kritik an der marxistischen Arbeitswerttheorie veröffentlicht. Die Marxisten Hilferding, Lederer und vor allem Otto Bauer attackierten ihn dafür heftig. Die Debatten zwischen Bauer und Böhm-Bawerk hätten das ganze Semester angedauert, schreibt Ludwig von Mises in seinen Erinnerungen. Für Schumpeter war die Teilnahme an dem Seminar ein prägender Einschnitt: Die dort geführten Debatten zählte er zu seinen wichtigsten Erfahrungen für die Entwicklung einer Vision des Kapitalismus.

Die Grundgedanken der Wiener Schule der Nationalökonomie besagen, dass Geld nicht neutral beurteilt werden dürfe und Rettungspakete abzulehnen seien. Politisch gesteuerte Zinspolitik, wie sie derzeit etwa die Europäische Zentralbank betreibt, missbilligten sie ebenfalls. Die damals vorherrschende Wirtschaftslehre, den Historismus, verachteten die Wiener. Der Staat habe keine Ahnung von wirtschaftlichen Prozessen und solle sich daher möglichst weit von der ökonomischen Sphäre fernhalten.