Es ist immer die gleiche Frage, die sich Christoph Störmer stellt, wenn er am Elbufer entlangjoggt und zu den Hafenterminals auf der anderen Seite des Flusses blickt: Was nur steckt in diesen riesigen Stahlkisten dort drüben? Störmer schaut hinüber, beobachtet, wie die Container von den Hubwagen zu den Schiffen gefahren, von den Kränen zu gigantischen Stapeln aufgetürmt werden. In welcher dieser Boxen stecken wohl Waffen oder Munition?

Dass der Hamburger Hafen seit Jahrzehnten eine wichtige Drehscheibe für Waffenausfuhren ist, weiß Störmer. Auch, dass Deutschland 2013 für rund 8,3 Milliarden Euro Rüstungsgüter exportiert hat. Nur wie viel und welches Kriegsgerät von Hamburg aus in die Welt geht, weiß er nicht. Kaum jemand weiß das.

Die Waffenexporte laufen im Geheimen ab. So gut wie niemand hat genaue Informationen über das, was in den Containern steckt. Und diejenigen, die sie haben, wollen oder dürfen sie nicht weitergeben. Weil niemand Panzerfäuste, Sturmgewehre und Handgranaten bemerkt, die in verschlossenen Containern transportiert werden, regten sie lange Zeit kaum einen auf.

Bis vor zwei Jahren im Hamburger Hafen ein Schiff brannte – mit explosiver und tödlicher Fracht an Bord. Die Atlantic Cartier hatte 20 Tonnen radioaktive Stoffe und 4.000 Kilo Munition geladen. Am Tag des Unfalls, dem 1. Mai 2013, hätte es mitten in der Stadt zu einer Katastrophe kommen können. Während die Feuerwehr gegen die Flammen kämpfte, Seemänner rasch einige Container mit gefährlichem Inhalt entluden und vor den Flammen in Sicherheit brachten, feierten ganz in der Nähe Tausende Gäste des Kirchentags einen Gottesdienst.

Störmer ist der Pastor in der Hamburger Gemeinde St. Petri. Die Sache bringt ihn zum Nachdenken. Und zum Handeln.

Gemeinsam mit Peter Krämer, Reeder und Vorsitzender der Hamburger Gesellschaft für Demokratieförderung und Völkerrechte, gründet Störmer im Januar 2014 eine Initiative: Das "Hamburger Bündnis gegen Waffenexporte". Mit ihr will Störmer erreichen, dass der Hafen eines Tages nur noch zivil genutzt wird – nicht mehr als Umschlagsplatz für Kriegsmaterial. Doch dazu braucht Störmer zuerst eines: Informationen.

Er beschließt herauszufinden, was genau es mit der gefährlichen Ladung auf sich hat, und beginnt eine langwierige Spurensuche in der Welt der Waffen.

Ein Gutes hatte der Schiffsbrand: In der Politik spielen Rüstungsexporte plötzlich wieder eine Rolle. Die Opposition stellt in der Bürgerschaft Anfragen an den Senat, welches Kriegsgerät über den Hafen verschifft wird. Auch Störmer will das wissen. "Welche Rüstung wird von hier in die Welt geschickt?", fragt er. Woher kommen die Waffen – und wo gehen sie hin?

Doch im Rathaus bekommt der Pastor keine Auskunft. Hamburg sei für die Ausfuhren von Waffen nicht zuständig, teilt man ihm mit. Das sei Bundesangelegenheit. Weder der Senat noch die Bürgerschaft wissen, welche Rüstungsgüter über den Hafen ausgeführt werden. Eine Weitergabe dieser Informationen an die Behörden des Landes Hamburg sei nicht erforderlich und aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zulässig, heißt es bei der Bundesregierung.

Das über den Hafen transportierte Kriegsgerät wird nämlich nur zu kleinen Teilen in der Stadt hergestellt.

Im vergangenen Jahr sorgten Panzerteile aus Polen für Schlagzeilen, die über Hamburg nach Ägypten gehen sollten. In Kairo hatte das Regime mit Kampfpanzern kurz zuvor Demonstranten überrollen lassen. Für das nordafrikanische Land bestand ein Embargo. Diese Lieferung wurde gestoppt und lag monatelang in Waltershof. Schließlich wurde das Kriegsgerät nach Polen zurückgeschickt. Und in Hamburg blieben die Fragen.