Herwarth Brune © dpa

DIE ZEIT: Herr Brune, Deutschland erwartet dieses Jahr mehr als 300.000 Asylbewerber. Die meisten von ihnen suchen nicht nur Schutz, sondern auch Arbeit. Würden Sie diesen Menschen einen Job geben?

Herwarth Brune: Sofort! Aber ich darf nicht. Asylbewerber bekommen in Deutschland keine normale Arbeitserlaubnis, ich kann als Arbeitgeber nicht auf sie zugehen. Das ist Irrsinn.

ZEIT: Warum?

Brune: Wir haben etwa eine Million offene Stellen. Die Hälfte der deutschen Firmen sagt, dass ihnen Aufträge entgehen, weil sie nicht genug Fachkräfte haben. Wir sollten froh sein um jeden, der zu uns kommt. Stattdessen verbieten wir Hunderttausenden, bei uns zu arbeiten. Wir vergeuden Talente!

ZEIT: Es gibt knapp drei Millionen arbeitslose Deutsche. Haben die nicht auch ein Recht zu arbeiten?

Brune: Es gibt keinen Grund, deutsche Arbeitslose und Asylbewerber gegeneinander auszuspielen. Freie Stellen bleiben vor allem deshalb unbesetzt, weil viele deutsche Arbeitslose nicht zur richtigen Zeit mit den richtigen Qualifikationen am richtigen Ort sind. Einige müssten für einen Job umziehen, können oder wollen das aber oft nicht. Vielen Asylbewerbern dürfte es egal sein, ob sie in Sachsen-Anhalt oder in Bayern arbeiten. Wir könnten doch versuchen, Asylbewerber gezielt dort hinzubringen, wo es Jobs für sie gibt.

ZEIT: Wie gut sind die Asylbewerber denn ausgebildet?

Brune: Wir dürfen ja keine einstellen, deshalb kann ich das aus erster Hand nicht sagen. Aber ich kann von den Erfahrungen mit Kollegen sprechen, die als anerkannte Flüchtlinge in Deutschland leben und für uns arbeiten, Syrer und Afghanen zum Beispiel. Mit denen haben wir exzellente Erfahrungen gemacht.

ZEIT: In Deutschland fehlt es vor allem an hoch qualifizierten Arbeitskräften. Wie viele Asylbewerber haben solche Qualifikationen?

Brune: Laut der Bundesagentur hat jeder fünfte Asylbewerber einen Hochschulabschluss. Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse ist in Deutschland allerdings ziemlich kompliziert, das könnte noch besser geregelt werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

ZEIT: Und die, die nicht studiert haben?

Brune: Die brauchen wir sogar noch dringender. Der größte Mangel besteht nicht bei Diplom-Ingenieuren, sondern bei den Facharbeitern. Wir bilden bei Manpower schon jetzt jedes Jahr Tausende Leute aus dem Ausland aus, um den Bedarf zu decken: Schaltschrankverdrahter, Industriemechaniker und Gabelstaplerfahrer zum Beispiel. Wir schicken sie zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit und den lokalen Jobcentern in Qualifizierungsprogramme, die dauern bis zu zwei Jahre. Die Bundesagentur und die Kommunen zahlen den Sprachkurs und die Fortbildung. Wir als Personaldienstleister zahlen den Lohn. Montag bis Donnerstag arbeiten die Leute beim Kunden, Freitag machen sie im Betrieb oder in der Berufsschule die Ausbildung. Nach rund zwei Jahren bekommen sie ein Zertifikat.

ZEIT: Was sind das für Menschen, die Sie aus dem Ausland rekrutieren und ausbilden?

Brune: Die meisten kommen aus dem EU-Ausland, aus Polen zum Beispiel. Oft sind das junge Leute mit einer riesigen Bereitschaft, sich einzubringen. Die wollen keine Almosen, die wollen was erreichen. Es gibt natürlich immer Ausnahmen, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber die meisten ausländischen Kollegen, die ich erlebt habe, sind nicht weniger engagiert als deutsche Arbeitnehmer. Die Kollegen aus Krisenländern sowieso. Ich habe Freunde aus Syrien, die in Deutschland leben. Deren Verwandte erleben den Krieg hautnah. Alles, was die Flüchtlinge wollen, ist, sich in Frieden wieder eine Existenz aufbauen.