Die Geschichte hört sich nach einem dieser modernen Märchen an: Junger Mann verlässt Heim und Herd, um in der Fremde sein Glück zu suchen. Mit seinem letzten Geld kauft er sich ein easyJet-Ticket nach Paris, wo er abgebrannt auf der Straße landet. Er schläft unter Brücken und in billigen Hotels, er singt sich in der Metro und vor Sacré-Cœur die Seele aus dem Leib – bis das Schicksal es will, dass ein Plattenfirmenmensch vorbeikommt, der ihn vom Fleck weg unter Vertrag nimmt. Und siehe, nachdem ein paar Songs im Netz die Runde machten, avanciert der junge Mann prompt zum Klick-König auf Spotify.


Gäbe es Benjamin Clementine nicht, man müsste ihn erfinden, so perfekt passt er ins Zeitalter viraler Aufmerksamkeitsepidemik, die heute Karrieren vorantreibt: Zwischen unbekannt und fast berühmt stehen nichts als eine gute Story und der Like-Button. Sogar Paul McCartney, mit dem Clementine in einer Fernsehshow auftrat, soll von seiner Performance so beeindruckt gewesen sein, dass er ihn mit wärmsten Worten weiterempfahl. Und doch ist Benjamin Clementine mehr als der Hype der Saison. Der 25-jährige Londoner ghanaischer Abstammung gibt dem Bildnis des Künstlers als Stürmer, Dränger und existenzieller Hungerleider neue Glaubwürdigkeit. Man muss ihn erlebt haben, wie er mit nackten Füßen, den Oberkörper in eine härene Decke gehüllt, die Bühne betritt, halb Aschenputtel, halb Edelclochard. Man muss dabei gewesen sein, wie er sich über die Tasten seines Flügels beugt, dem er allerzarteste Arpeggien und harsches Akkordgedonner entlockt. Vor allem aber muss man gehört haben, was er auf seinem Debütalbum At Least For Now mit seiner Stimme macht: Vom Flüstern steigert sie sich zum Shouten und von dort zu einem endlos lang gehaltenen, wahrhaft markerschütternden Tremolo.

Das Ergebnis lässt sich selbst mit viel Mühe in keine Schublade packen. Nina Simone lässt grüßen, aber auch Luciano Pavarotti. Erik Satie ist nachzuweisen, es ist aber auch eine Spur Franz Liszt darin. Man könnte vorsichtig von Kammer-Soul sprechen, doch auch das passt nicht wirklich, denn sozialrevolutionäre Impulse sind Clementine fremd, er singt ausschließlich von den Sehnsüchten und Verzweiflungen, die einen jungen Menschen plagen, wenn die Welt ihn nicht versteht. "He shares his story with a cup of tears streaming from his eyes", singt er in einem seiner schönsten Songs. Geteiltes Leid ist unter Empfindsamen noch immer halbes Leid.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Natürlich hat dieses Update leicht angestaubter Gefühlskulte bereits Gegenreaktionen hervorgerufen: Die YouTube-Junkies, die zu seinen Konzerten strömen, seien einem Hochstapler aufgesessen, bei Benjamin Clementine handle es sich um ein geschickt konstruiertes Image aus der Markenretorte, war zu lesen. Tatsächlich lassen sich Wahrheit und Legende hier noch schwerer auseinanderhalten als gewöhnlich, doch ob jedes Detail der Geschichte stimmt, ist wie bei jedem Märchen nicht so wichtig. Was zählt, ist die Geste: Keiner leidet in diesem Frühjahr so formvollendet wie der junge B.