Vergangene Woche schrieb Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, einen offenen Brief an den Berliner Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller. Darin übt er heftige Kritik an dessen Kulturpolitik, die er "tief provinziell" nennt. Vor allem aber greift er Müllers Kulturstaatssekretär Tim Renner an, den er als "völlig überfordert" und als "größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts" bezeichnet. Warum dieser Wutausbruch?

DIE ZEIT: Herr Peymann, kürzlich sprachen wir an dieser Stelle mit Frank Castorf von der Volksbühne, einem Ihrer Berliner Intendantenkollegen. Castorf ist Ihnen in vielem diametral entgegengesetzt, er hat eine ganz andere Theaterauffassung, aber als es um seine Bewertung der aktuellen Berliner Theaterpolitik ging, hat er ähnliche Begriffe verwendet, wie Sie es in Ihrem offenen Brief tun. Er sagte nämlich, es fehle der Berliner Kultur- und Theaterpolitik vollständig an Visionen. Woher kommt diese Nähe? Diese identische Wortwahl klingt ja beinahe wie ein Schulterschluss.

Claus Peymann: Ich bin ja das große geheime Vorbild von Castorf, er versucht seit Langem, mich zu kopieren – er schafft es nur nicht, er arbeitet einfach zu viel. Und er hat sein Haus in den letzten Jahren heruntergewirtschaftet, er war einfach zu viel weg. Aber natürlich ist er eine Eins in dieser Stadt. Wir beide sind in Berlin die Platzhirsche, die sich bekämpfen. Aber auf einer tieferen Ebene besteht zwischen uns eine große Einigkeit.

ZEIT: Wie zeigt sich die konkret?

Peymann: Wir sind uns näher, als wir manchmal zugeben. Wir gehören beide zu einer aussterbenden Gattung; wir gehören zu diesen Leuten, die irgendwie provozieren und sich querstellen, aber letztlich sind wir alle abgewirtschaftet.

ZEIT: Wer wirtschaftet Sie denn ab?

Peymann: Die Deppen, die die Literatur zerstört haben, zerstören jetzt das Theater. Die Literatur ist im Theater in den letzten Jahren systematisch vernichtet worden, sie spielt ja keine Rolle mehr. Selbst eine berühmte Nobelpreisträgerin beteiligt sich an dieser Zerstörung. Nach der Zerstörung der Literatur besteht nun höchste Gefahr für die Institute, die Theater.

ZEIT: Einen Moment: Die Nobelpreisträgerin, welche die Literatur zerstört: Sie meinen Elfriede Jelinek?

Peymann: Ja. Ich war mal sehr mit ihr befreundet, aber inzwischen produziert sie ja nur noch Textflächen. Sie hat die Fantasie, die Fiktion, das große Geheimnis des Theaters völlig aufgegeben, sie schüttet nur noch den Sprachmüll der Zeit auf der Bühne aus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

ZEIT: Sie sagen, die Theater seien in Gefahr. Was meinen Sie konkret?

Peymann: Nach der Abschaffung der Dichtung, dem Boden des abendländischen Theaters, macht man sich jetzt an die Zerschlagung der Strukturen. Vollständiger Dilettantismus bestimmt, was in den nächsten 20 Jahren an den Theatern geschieht. Gerade hat man in Rostock den Intendanten gefeuert, der dort das Theater erst reanimiert hatte. Man hat ihn wie einen Gemüsedieb verjagt. Und hier in Berlin will man die Volksbühne abwickeln.

ZEIT: Aber die Volksbühne soll ja weiterbestehen.

Peymann: Aber auf eine völlig andere Weise. Der Kulturstaatssekretär Renner, so hört man, steht in Verhandlungen mit dem Leiter der Londoner Tate Modern; es geht darum, ob Chris Dercon vielleicht Intendant der Volksbühne wird. Was qualifiziert den netten Leiter der Tate Modern für die Leitung eines Theaters? Gar nichts qualifiziert den! Niemand käme in England auf die Idee, dem Direktor der New Tate ein Theater anzutragen. Wir erleben gerade das Waterloo des europäischen Theaters, und das Hauptschlachtfeld des Kampfes ist leider Deutschland.