Was besagt die Heisenbergsche Unschärferelation? Jérôme Ferraris Icherzähler versucht anfangs eine knappe Erklärung: Man kann "in der Quantenphysik nicht zugleich die Position und die Geschwindigkeit eines Elementarteilchens bestimmen", und er weiß, dass er damit fast nichts gesagt hat. Es geht in diesem Roman auch nicht um die "fade, positivistische Suppe", die eine exakte Erklärung wohl hervorbrächte – nein, das Interesse gilt dem Weltumstürzenden in Werner Heisenbergs Entdeckung, ebenjenem Prinzip, das weit über die Physik hinausreicht und das Beschreiben, Beobachten, Erzählen, kurz: das Denken selbst erschüttert. Große Worte, aber darunter macht es dieser Autor nicht.

Jérôme Ferrari zählt zu den bedeutendsten Vertretern der französischen Gegenwartsliteratur, 2012 erhielt er den renommierten Prix Goncourt für seinen Roman Predigt auf den Untergang Roms: eine furiose Korsika-Kosmologie, die von derber Komik bis zu weihevoller Deklamation alle Stilregister zieht. Zwei Philosophiestudenten eröffnen eine Kneipe, süffeln fröhlich vor sich hin und werden von der blutigen Realität eingeholt. Und von der Philosophie. Augustinus und Leibniz treffen auf die Gegenwart, ein hoher Ton kontrastiert die Bar-Burleske. Ferrari, 1968 als Sohn korsischer Eltern geboren, hat mehrere Jahre als Philosophielehrer gearbeitet; heute lebt er als Schriftsteller in Paris.

In Ferraris neuem Roman Das Prinzip spricht ein ehemaliger Philosophiestudent den Physiker Heisenberg direkt an und verdichtet dessen Leben zu dramatischen Szenen. "Dreiundzwanzig Jahre waren Sie alt, und hier, auf dieser trostlosen Insel, auf der keine einzige Blume blüht, war es Ihnen zum ersten Mal gegeben, Gott über die Schulter zu schauen." Auf Helgoland errechnet Heisenberg 1925 die Grundlagen der Unschärferelation, den "abstrakten Glanz der ewigen Matrix", wie es bei Ferrari heißt. Der namenlose Icherzähler folgt dem Physiker von den Begegnungen mit Niels Bohr über den Einstieg ins nationalsozialistische Nuklearprogramm bis zur Internierung in England. 1945 hat der US-Geheimdienst die deutschen Wissenschaftler in Farm Hall einquartiert, dort hören sie vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima. Wer den historischen Hintergrund verfolgen will, sollte Richard von Schirachs Buch Die Nacht der Physiker und Heisenbergs Autobiografie Der Teil und das Ganze lesen; auf Letztere stützt sich auch der Roman.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Ferrari kann "all die unfassbare Schönheit", die in Heisenbergs kausalitätssprengendem Denken liegt, tatsächlich in literarische Bilder übertragen. Dass aber die erste Hälfte des Romans immer wieder ins Exaltierte und düster Expressionistische driftet, muss man dem Icherzähler zur Last legen, der die Kluft zum fernen Heisenberg mit Tremolo überbrückt. Die Wahrnehmung ist unscharf geworden, das Ich ist verloren, und auch der vom Philosophiestudium Enttäuschte fühlt sich nicht wohl. Ein Gottfried-Benn-Bass durchzieht die Kriegsjahre, vom "roten Auge der Ratten, die im Schatten offener Brustkörbe nisten", bis zum "Kadaver eines Landes, verzehrend sich in den hohen, roten Flammen eines gigantischen Scheiterhaufens der Totenverbrennung". In den Passanten sieht der Quantentheoretiker "schwankende Ruinen", die "der Lichtschein des Phosphors umspült". Mit syntaktischen Verschiebungen – "so führe ich mir den Schmerz vor Augen Ihrer Enttäuschung" heißt es, wenn vom Physiker erzählt wird – übersetzen Christian Ruzicska und Paul Sourzac das Weltauflösungspathos, das Ferrari seinen ungleichen Protagonisten zuschreibt. Anders als in der Predigt auf den Untergang Roms existiert hier leider kein Wirtshaus zur schwankenden Weltkugel, das der Schicksalsrhetorik ein wenig Gegendrehung bieten könnte.

Dass Physik und Fiktion und Atom eine lange Anziehungs- und Abstoßungsgeschichte miteinander haben, liegt auf der Hand: Schon die Experimente des Physikers Ernst Mach lieferten den Schriftstellern der klassischen Moderne das ersehnte Vokabular der Auflösung. Noch 1943 ließ Benn in seinem Gedicht Verlorenes Ich ein "Gamma-Strahlen-Lamm" auftreten, das "zersprengt" war von "Stratosphären". Andererseits zeigte die Literatur – von Brechts Leben des Galilei über Dürrenmatts Physiker bis zu Kipphardts In der Sache J. Robert Oppenheimer – auch auf die politische Verantwortung der Wissenschaftler. Das Prinzip knüpft an beide Traditionen an, der Roman will die Schönheit des Denkens feiern und ist den Entschuldungsstrategien der deutschen Atomphysiker auf der Spur. Die Frage, warum Heisenberg nicht emigrierte, wird in immer neuen Anläufen umkreist.

Mit der Internierung in Farm Hall, in der zweiten Hälfte des Romans also, ändert sich auch die Tonlage. Hier gelingen Ferrari eindrucksvolle Szenen. Als die Forscher von Hiroshima hören, werden sie abwechselnd von Verblüffung, Neid und Entsetzen erfasst: "Sie reden sich ein, dass sie nicht erfolgreich sein wollten, dass sie es aber, hätten sie es nur gewollt, selbstverständlich gewesen wären." Und: "Ihre Anstrengungen haben etwas Trauriges und Lächerliches." Mehr als in der taumelnden Quantenmetaphorik liegt die Sprengkraft des Prinzips in solchen Sätzen.