Bei diesem Buch könnte es einem passieren, dass man mit dem Zeigefinger von unten nach oben über die Seite wischt. Dabei ist es 400 Seiten schwer, fest eingebunden und erzählt nicht vom digitalen Lesen, zumindest nicht viel. Es ist auch weniger das, was Peter Burke in Die Explosion des Wissens schreibt, sondern wie er es schreibt – eine Erzählweise, die besser auf ein Tablet passen würde. Und da sind wir schon mittendrin in der zentralen Frage dieses Buches, nämlich wie sich das Sammeln und Verbreiten von Wissen in den letzten 250 Jahren verändert hat, Von der Encyclopédie bis Wikipedia, so der Untertitel. Burke fragt: "Auf welchen Wegen sind wir zu unserem heutigen kollektiven Wissen gelangt?" Burke, emeritierter Kulturhistoriker aus Cambridge, antwortet sich selbst mit einem fulminanten Rundumschlag – einer Sozialgeschichte des Wissens über Länder-, Epochen- und Disziplingrenzen hinweg. Es geht vor allem um westliches, akademisiertes Wissen. Wie dieses sich von der Erfindung des Buchdrucks bis zur Aufklärung entwickelte, hatte Burke bereits 2001 im Band Papier und Marktgeschrei beschrieben. Sein neues Buch knüpft hier zeitlich an.

Rasante Ausdehnung und Fragmentierung – diese beiden großen Prozesse malt Burke über den Zeitraum von 1750 bis 2001 mit einem gigantischen Strauß an Fakten, Anekdoten, Details und Kuriositäten aus. Im ersten Teil des Buches ordnet er recht klassisch nach Wissenspraktiken: Sammeln, Analysieren, Verbreiten und Anwenden. Unter "Sammeln" reihen sich Alexander von Humboldts Forschungsreisen an die Entstehung von Befragungstechniken oder die Kunst der Beobachtung und den Aufstieg des investigativen Journalismus. "Analysieren" erzählt davon, wie Hieroglyphen und Keilschrift entziffert wurden, die Ossian-Gesänge als Fälschung entlarvt werden konnten und eine wahre Klassifizierungswut so gut wie alles in Ordnungssysteme presste: Sprachen, Wolken, Fingerabdrücke. "Verbreiten" stellt Listen von Fachzeitschriften neben Anekdoten über die Bedeutung der britischen Pubs – wo Forschungsergebnisse oft in feuchtfröhlichen Runden zuerst besprochen wurden. Und schließlich zeigt "Anwenden", dass die kommerzielle Finanzierung der Forschung bereits im 19. Jahrhundert ein Problem war und wie Staaten im 18. Jahrhundert begannen, systematisch Informationen über ihre Bürger zu sammeln.

Burke zählt eine Masse an Ereignissen und Thesen auf, aber er geht weder genauer auf sie ein – kaum ein Beispiel, dem er mehr als vier Sätze widmet –, noch zieht er eigene Schlüsse. So kommt das Buch über das Wissen selbst ein wenig wie ein Lexikon daher, genauer wie eine sehr lange Liste. Weshalb eben auf einem Bildschirm scrollen noch passender wäre als umblättern, wir kommen darauf noch zurück.

Im zweiten, kürzeren Teil des Buches ordnet Burke die Fakten neu zu Geografien, Soziologien und Chronologien des Wissens – Perspektivwechsel, die sehr erhellend sind. Zumal er ganz Pluralist bleibt und auch gegenläufige Tendenzen beschreibt wie die Nationalisierung von Wissen bei gleichzeitiger Globalisierung oder die Professionalisierung neben der Amateurisierung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Lediglich eine Entwicklung schreite ohne nennenswerten Gegentrend voran, schreibt Burke, die Technisierung des Wissens. Sie zersprenge das Wissen endgültig und bringe die "Datenfluten" über uns. Laut einer Schätzung der Washington Post werden dem Internet täglich (!) sieben Millionen neue Seiten hinzugefügt. "Wir mögen 'Informationsriesen' sein, aber wir laufen Gefahr, zu 'Wissenszwergen' zu verkommen", sorgt sich Burke. Leider kommt seine Analyse der Digitalisierung des Wissens nicht über solche Allgemeinplätze hinaus und endet bereits 2001 mit der Gründung der Wikipedia. Genau hier setzen aber die eigentlich spannenden Umwälzungen ein. Was passiert mit Wissen in einer Welt ohne Geheimnisse?

Und so lehrt dieses Buch vor allem zwei Dinge, die sein Autor gar nicht sagt. Allein der Rückblick auf das mühselige Sammeln und Verbreiten von Wissen kontrastiert so stark mit seiner heutigen Verfügbarkeit, dass er nur allzu deutlich macht, dass die seit ewig gültigen Wissenskompetenzen abgelöst werden durch andere wie Filtern, Bewerten und eine Ethik des Nichtwissens.

Und zweitens: Ein Leben im Datenstrom ist entgegen allem kulturpessimistischen Maulen vielleicht gar nicht so schlimm, wenn es Bücher wie dieses gibt. Es wirkt nicht wie ein räumlich abgeschlossenes Buch, sondern wie eine Liste, die digital erschienen sein müsste, damit der Leser einzelne Namen – rund 800! – und Thesen für mehr Information anklicken könnte. In der gedruckten Variante funktioniert es als ein Wegweiser ins virtuelle Wissensnetz. Das Auswählen, Zusammenbringen und Ordnen der Informationen aus unterschiedlichen Feldern macht den Mehrwert dieses Buches aus, der angesichts der Explosion des Wissens immer wertvoller wird, weil er eine Lösung für den Umgang mit fragmentiertem Wissen schafft. Es ist kein Buch über die Wissenskultur im digitalen Zeitalter, sondern für sie.