Die Theologie war Dietrich Bonhoeffer nicht in die Wiege gelegt. Er wurde als sechstes von acht Kindern am 4. Februar 1906 in Breslau geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Kirche und Religion tauchten im Alltag der Bonhoeffers zwar auf. Aber – wie Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge schreibt –: Das christliche Wesen war in diesem evangelischen Haus "mehr hinter- und untergründig zu spüren". Das Verhältnis der Familie zum Glauben war freundlich bis distanziert. "Zu schade für Dich", befand der Vater, als sein Sohn vom Entschluss zum Theologiestudium berichtete. Karl Bonhoeffer, renommierter Professor für Psychiatrie und Neurologie, hatte dabei ein "stilles, unbewegtes Pastorendasein" vor Augen. Später korrigierte er sich seinem Sohn gegenüber mit den Worten, er habe sich "gröblich getäuscht". Das war bitter wahr.

Am 9. April 1945 wurde Dietrich Bonhoeffer wegen Hochverrats in Flossenbürg in der Oberpfalz hingerichtet. Vorausgegangen war die Rückkehr aus dem sicheren Exil in New York nach Deutschland, wo er das Ende der Nazidiktatur mit herbeiführen wollte. Die Briefe, die er aus der Gefängniszelle in Tegel an Eberhard Bethge geschrieben hat, sind bewegend, und sie stören in einem bis heute produktiven Sinn: Von der Kirche ist da die Rede, die nur Kirche sei, wenn sie für andere da sei. Vom "Blick von unten", der mit dem christlichen Glauben untrennbar verbunden sei.

Unsere gegenwärtige Kirche, die in der Gefahr steht, sich bürgerlich einzurichten, braucht solche Impulse. Radikalität und Realismus werden heute in der Regel als Widerspruch gesehen. Bei Bonhoeffer finden sie zusammen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Wie kam es dazu? Mit Mitte zwanzig – da ist Bonhoeffer nach Studium in Tübingen, Rom und Berlin bereits promoviert und habilitiert – vollzieht sich ein Wandel im Leben des jungen Akademikers. Eine "Abkehr vom Phraseologischen zum Wirklichen" sei damals erfolgt, schreibt er 1944 im Rückblick auf diese Zeit. Schon 1936 hatte er in einem Brief an eine Freundin notiert: "Dann kam etwas anderes, etwas, was mein Leben bis heute verändert und herumgeworfen hat. Ich kam zum ersten Mal zur Bibel. Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel von der Kirche gesehen – und war noch kein Christ geworden."

Bonhoeffer entdeckt die Bibel und seine persönliche Frömmigkeit neu, während er über den Umgang mit dem nationalsozialistischen Staat nachdenkt. Im Frühjahr 1933 äußert sich der junge Theologe in großer Klarheit über das Verhältnis von Kirche, Staat und Öffentlichkeit, er kritisiert den Antisemitismus in einer Weise, die Geschichte macht. Am 1. April werden jüdische Geschäfte boykottiert, am 7. April folgt das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, das die Entfernung von Juden aus öffentlichen Ämtern vorsieht. Kurz danach hält Bonhoeffer einen Vortrag vor Pfarrern in Berlin, der später unter dem Titel Die Kirche vor der Judenfrage erscheint. In diesem Vortrag nennt er das Unrecht, das den Juden geschieht, bereits beim Namen. Im Herbst 1940 wird seine Kritik in die klare Aussage münden: "Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muß die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude."

Wer fromm ist, muss auch politisch sein. Schon 1933 beschreibt Bonhoeffer drei Formen, in denen die Kirche ihre Verantwortung gegenüber dem Staat ausüben muss: Sie stelle "erstens die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitimen Charakter seines Handelns". Das heiße "Verantwortlichmachung des Staates". Zweitens verrichte sie "den Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören." Die dritte Aufgabe der Kirche bestehe darin, "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen."

Wer fromm ist, muss auch politisch sein: So wie bei Bonhoeffer lassen sich die Aufgaben der Kirche gegenüber Staat und Öffentlichkeit auch heute zusammenfassen. Die erste von Bonhoeffer genannte Aufgabe verstehen wir heute als Kultur der Einmischung. Wenn die Kirchen mit Denkschriften in die demokratische Zivilgesellschaft hineinsprechen, dann geht es genau um das, was Bonhoeffer als "Verantwortlichmachung des Staates" bezeichnete. Die zweite Aufgabe, der diakonische Dienst an den Bedürftigen, bleibt ohnehin. Dass er heute geleistet wird, zeigt sich, wenn etwa Gemeinden mit großer öffentlicher Zustimmung für den Schutz von Flüchtlingen eintreten. Und die dritte Aufgabe? Was heißt dem Rad in die Speichen fallen? Für Bonhoeffer rückte dies zunehmend ins Zentrum seines Denkens und Handelns. Dass der Imperativ keineswegs nur in der Diktatur gilt, sondern auch in demokratischen Gesellschaften eine Option sein kann, zeigte schon in den frühen achtziger Jahren die Diskussion um gewaltfreien zivilen Ungehorsam gegen die Stationierung von Massenvernichtungswaffen.

Dem Rad gewaltfrei in die Speichen zu fallen war für Bonhoeffer Priorität

Und heute? Wollen wir als Christen ein militärisches Eingreifen im Kampf gegen den Terror des "Islamischen Staates"? Und wenn ja – ist das friedensethisch legitim? Die evangelische Kirche antwortet: Wer militärisch handelt, macht sich schuldig. Aber auch, wer nichts Wirksames gegen den Terror tut, lädt Schuld auf sich. Dietrich Bonhoeffer hat uns eingeschärft, solchen schwierigen ethischen Entscheidungssituationen nicht aus dem Weg zu gehen. Mit seiner Bereitschaft, an der Planung des Attentats auf Hitler mitzuwirken, zog er selbst die praktischen Konsequenzen aus seinen theologischen Maximen.

Es wäre freilich eine fatale Fehlinterpretation, Bonhoeffer zum bellizistischen Kronzeugen unserer Tage zu machen. Ja, er unterstützte das Attentat auf Hitler. In seiner Bereitschaft zur Schuldübernahme, als die Tötung eines Menschen geplant wurde, blieb er trotzdem seinem Engagement für die Überwindung aller Gewalt treu. Dem Rad gewaltfrei in die Speichen zu fallen war für ihn Priorität.

Hierauf zielte auch sein friedensethisches Engagement in der internationalen Ökumene. Berühmt geworden sind seine Worte bei der ökumenischen Friedenskonferenz von Fanö 1934: "Wie wird Friede? Wer ruft zum Frieden, dass die Welt es hört, zu hören gezwungen ist, dass alle Völker darüber froh werden müssen? Der einzelne Christ kann das nicht – er kann wohl, wo alle schweigen, die Stimme erheben und Zeugnis ablegen, aber die Mächtigen der Welt können wortlos über ihn hinwegschreiten. Die einzelne Kirche kann auch wohl zeugen und leiden – ach wenn sie es nur täte –, aber auch sie wird erdrückt von der Gewalt des Hasses. Nur das eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Christi aus aller Welt kann es so sagen, dass die Welt zähneknirschend das Wort vom Frieden vernehmen muss und dass die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt und ihnen den Krieg verbietet und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt."

Heute erheben Christen gemeinsam mit Gläubigen anderer Religionen ihre Stimme für den Frieden. Ökumenisches Sprechen über Friedensethik wird zur Pflicht, wo Krieg sich ausbreitet. Finden die Kirchen aber auch in zunehmend säkularen Gesellschaften noch Gehör? Bonhoeffer jedenfalls wird gehört. So waren seine Schriften in Südafrika eine wichtige Kraftquelle im Widerstand gegen das rassistische Apartheidregime. Seine authentische Existenz im Glauben, das christliche Zeugnis gegen den Nationalsozialismus und schließlich die Hingabe seines Lebens inspirieren weltweit all jene, die sich gegen Gewalt und für die Menschenwürde einsetzen.

Doch Bonhoeffer bleibt nicht nur politisch interessant. Wie viel Trost inmitten persönlicher Krisen spendet uns der berühmte Text von den guten Mächten, in denen wir wunderbar geborgen sind! Dietrich Bonhoeffer ist der weltweit wohl meistgelesene deutsche Theologe des 20. Jahrhunderts. Er passt in keine Schublade. Evangelikale sind von seinen Schriften ebenso begeistert wie Menschen, die sich der politischen Theologie verpflichtet fühlen. Und Akademiker beschäftigen sich genauso mit ihm wie Bibelkreise in den Kirchengemeinden.

Bonhoeffers Denken eröffnet uns auch interreligiöse Perspektiven, wenn in Deutschland nun islamische Theologie an öffentlichen Universitäten Platz findet und der Islam sich dort als eine nach Frieden rufende Religion profilieren kann. Alle Religionsgemeinschaften müssen heute auf der Basis eines klaren theologischen Profils in der Lage sein, neben der Sprache des Glaubens auch eine Sprache zu sprechen, die im säkularen Diskurs ihr Anliegen plausibel macht. In der Theologie Bonhoeffers ist dieser Akt der Vermittlung gewollt. Doch wir sollten ihn nicht funktional missverstehen. Der Grund für Bonhoeffers Würdigung des Säkularen ist nicht eine verbesserte Kommunikationsstrategie einer Religion gegenüber religiös unmusikalischen Menschen. Für Dietrich Bonhoeffer liegt die Ursache tiefer: "Es gibt kein Stück Welt, und sei es noch so verloren, noch so gottlos, das nicht in Jesus Christus von Gott angenommen, mit Gott versöhnt wäre."

Beeinflusst von der Theologie Karl Barths, prägt die Christologie Bonhoeffers Wirklichkeitsverständnis. Die Erkenntnis, dass Jesus Christus das eine Wort Gottes ist, an dem wir unser ganzes Leben auszurichten haben, und dass es keine Bereiche gibt, in denen wir anderen Herren zu eigen wären, ist für Bonhoeffer die entscheidende Wegmarke. Im persönlichen Leben gelten keine anderen Gesetze als im politischen. Bonhoeffer lehnt das Denken in zwei Räumen grundsätzlich ab: "Es gibt nicht zwei Wirklichkeiten, sondern nur eine Wirklichkeit, und das ist die in Christus offenbar gewordene Gotteswirklichkeit in der Weltwirklichkeit."

Deshalb kann christliche Existenz auch nie vom Aspekt der Öffentlichkeit absehen: "Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser und jener die Freistatt einer privaten Tugendhaftigkeit. Er stiehlt nicht, er mordet nicht, er bricht nicht die Ehe, er tut nach Kräften Gutes. Aber in seinem freiwilligen Verzicht auf Öffentlichkeit weiß er die erlaubten Grenzen, die ihn vor dem Konflikt bewahren, genau einzuhalten. So muss er seine Augen und Ohren verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetrugs kann er seine private Untadeligkeit vor der Befleckung durch verantwortliches Handeln in der Welt reinerhalten."

Bonhoeffer lehrt: Wir brauchen ein Fundament klarer ethischer Orientierungen. Sie müssen in authentischer, an Christus orientierter Frömmigkeit wurzeln. Sie müssen auf öffentliche Verantwortung zielen. Nur so können wir Christen den Herausforderungen der eigenen Zeit begegnen. Und zwar zuversichtlich. Mit den Worten Bonhoeffers kurz vor seiner Inhaftierung: "Mag sein, dass der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gerne die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht."