Angst? Nein. "Angst darf da keine Rolle spielen", sagt Mark Harris und presst die Lippen zusammen. Das Ziel sei, den Auftrag zu erfüllen und lebend wieder rauszukommen. Dazu müsse man einen kühlen Kopf bewahren.

Harris erzählt das so emotionslos wie nur möglich: kurz, knapp, fast militärisch. Wir sitzen in der Londoner Zentrale des Sicherheitsunternehmens Olive Group, in einem schlichten Konferenzraum. Aber Harris ist in Gedanken in Kambodscha. Damals, 1994, diente er als 33-Jähriger bei der britischen Armee und war als UN-Beobachter in den von den Roten Khmer beherrschten Dschungelgebieten unterwegs. Sein Team sollte die Bewohner der Dschungeldörfer vom Friedensprozess überzeugen. Aber die spielten nicht mit, zumindest nicht die Kämpfer der Roten Khmer. Ein Trupp der Widerständler überfiel sein Team. "Da standen sie plötzlich: gut 20 Mann, alles junge Typen, gut ausgerüstet. Die haben uns dann durch den Dschungel abgeführt und erklärt, wir würden hingerichtet, erschossen, weil wir von den UN seien."

Es war bitterernst. Sieben Stunden, erzählt Harris, habe er mit dem Anführer geredet, ihn überzeugt, sich die Vorschläge der anderen Seite zumindest anzuhören, sie gehen zu lassen. Obwohl er von ganz persönlichen Erfahrungen spricht, wirkt Harris sehr distanziert.

Hinter ihm hängt eine riesige Weltkarte an der Wand. Man kann dort nach den Einsatzgebieten der Olive Group suchen: In Afghanistan kümmert sie sich im Auftrag der Regierung um die Sicherheit der Flughäfen; im Irak sichert sie Ölplattformen und Pipelines ab; in Somalia hilft sie bei der Minenräumung. Umsatz und Gewinn des Unternehmens aber werden diskret verschwiegen.

Harris hat bei der Olive Group eine Sonderrolle. Er leitet das Team des "Crisis Response Service". Dahinter verbirgt sich ein kleiner Trupp von ehemaligen Militärs, Geheimdienstlern und Polizisten, die weltweit in Fällen von Entführungen, Erpressungen und Geiselnahmen eingeschaltet werden. Bei mehr als 130 Entführungsfällen war Harris mit seinem Team im Einsatz. Auch bei 19 Schiffsentführungen. Seine Mitarbeiter vermittelten beim Anschlag auf das Taj Hotel in Mumbai 2008, bei dem schwer bewaffnete Terroristen sich mit Dutzenden von ausländischen Geiseln verschanzt hatten. Auch bei Terrorangriffen 2004 in Saudi-Arabien war die Olive Group vor Ort.

"Es gibt nicht viele Leute, die für diesen Job infrage kommen", sagt Harris. Unabhängig müssten sie sein, dürften sich nicht damit aufhalten, was vielleicht zu Hause los sei. Harris hat seine Leute sorgfältig ausgesucht, kennt sie teilweise seit 20 Jahren. "Sie müssen sehr gut zuhören können, müssen Empathie entwickeln und sehr gut kommunizieren können", sagt er. Zudem dürften sie sich von der Panik und Verzweiflung der Angehörigen nicht anstecken lassen. Es ist diese Distanz, die Harris so verinnerlicht hat.

Bei einem neuen Entführungsfall erhält er den ersten Anruf immer vom Krisenzentrum der Olive Group in Dubai. Dorthin sind die weltweiten Notrufnummern geschaltet. Harris nimmt dann Kontakt mit dem betroffenen Unternehmen oder der Familie des Opfers auf und bespricht, wie es weitergeht. Von da an ist er rund um die Uhr in Bereitschaft – wie jetzt, wenn er mit einem Blick auf sein Mobiltelefon mitten im Gespräch den Raum verlässt. Worum es geht, darf er nicht sagen. Man sieht Harris die Belastung an, jahrelang in Bereitschaft zu stehen, immer mit Extremfällen konfrontiert zu sein. Er wirkt überarbeitet, übermüdet. Seine schnellen, knappen Antworten, der militärische Drill können das nur bedingt überspielen.

"Vor geraumer Zeit ging es um ein vier Monate altes Baby in Mexiko", sagt Harris. Plötzlich schimmern bei ihm doch Emotionen durch. Er beugt sich vor: "Was würden Sie denn machen, wenn einer am Telefon sagt: Ich habe Ihre Tochter – und im Zweifel sehen Sie die nie wieder?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Ich überlege nicht lange. "Ich zahle – ich tue alles, was die wollen", sage ich. "Da haben Sie die Antwort", sagt Harris. Genau das aber sei falsch. Er habe der Familie geraten, nicht sofort auf die Entführer einzugehen. Die wollten sonst nur mehr und würden das Kind nicht rausrücken. "Wenn Sie sofort zahlen, ist das, als ob Sie Öl ins Feuer gießen." Die Mutter habe das im Mexiko-Fall schließlich eingesehen. Also wurde verhandelt, und das Kind kam schließlich frei.

Jedes Jahr gibt es weltweit Zigtausende von Entführungsfällen, die meisten werden nie bekannt. Die blutrünstigen Entführungen und Exekutionen der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) beherrschen zwar die Schlagzeilen. Die meisten Entführungen aber finden in Mexiko, Indien, Nigeria, Pakistan und Venezuela statt. Sicherheitsunternehmen wie die Olive Group und ihre Konkurrenten wie Aegis, Control Risks, SCR Special Contingency Risk, Henderson oder Inkerman führen darüber Statistiken. Die Olive Group gibt an ihre Kunden Monatsberichte heraus. Dort listet sie alle Entführungen auf. Irak: Dauer der Gefangenschaft 37 Tage, Lösegeld 500.000 Dollar; Jemen: Gefangenschaft 180 Tage, Lösegeld 800.000 Dollar; Somalia: Gefangenschaft 180 Tage, Lösegeld 800.000 Dollar.

Meist geben sich die Kidnapper mit zehn bis 20 Prozent ihrer ursprünglichen Forderung zufrieden. In 67 Prozent der Entführungsfälle wird Lösegeld gezahlt, in 15 Prozent der Fälle werden die Opfer ohne Zahlung wieder freigelassen, in sieben Prozent mithilfe von Polizei oder Militär befreit. Nur zwei Prozent der Opfer können fliehen, fast jedes zehnte Opfer kommt ums Leben.