Es ist der 15. Mai 1648. In Münster beschwören die Verhandlungsführer der niederländischen Provinzen feierlich den Frieden mit Spanien. Der Achtzigjährige Krieg ist zu Ende. Es ist die Geburt der Niederlande. Johan van Hogenhouck allerdings, ein Mann, der in diesen Niederlanden lebt, bei Utrecht, hat an diesem Tag ganz andere Sorgen.

Johan van Hogenhouck braucht Geld. Er ist Repräsentant einer Organisation, die für einen acht Kilometer langen Teil des Deichs am Fluss Lek zuständig ist. Dort muss einiges ausgebessert werden. Im Städtchen Honswijk bauen Arbeiter eine Befestigung, sie gilt es auszuzahlen. So leiht sich Hogenhouck an jenem 15. Mai 1.000 Karolusgulden, bei einem Niclaes de Meijer. Er verpflichtet sich, jährlich fünf Prozent Zinsen zu zahlen, an die Person, die das Wertpapier vorlegt. Jede Zahlung wird auf der Rückseite des Pergaments vermerkt.

Jahre, Jahrzehnte vergehen, der Zinssatz wird reduziert, die Währungen wechseln, neue Kriege brechen aus, doch das Geld fließt. 1944 ist kein Platz mehr für Vermerke, jemand ergänzt die Anleihe um ein Stück Papier. Dann, 2003, ersteigert Geert Rouwenhorst, ein Finanzprofessor von der US-Universität Yale, das Dokument. Der Niederländer nimmt den Wisch, fährt zu van Hogenhoucks Rechtsnachfolger – der Stichtse Rijnlanden, die Deiche und Wasserstraßen verwaltet – und sammelt die Zinsen seit 1975 ein. Inzwischen betragen sie 11,34 Euro pro Jahr. Das Treffen ist für alle Beteiligten ein besonderer Moment. "Wir schüttelten uns die Hände, Fotos wurden gemacht", erinnert sich Rouwenhorst. "Sie waren so aufgeregt, mir Zinsen zu zahlen, wie ich aufgeregt war, die Zinsen einzusammeln."

Heute ist die Anleihe in einer Bibliothek zu besichtigen. Sie gilt als eines der ältesten Wertpapiere weltweit, das noch Zinsen abwirft, und ist das vielleicht spektakulärste Beispiel einer "ewigen Anleihe". Bei diesen Anleihen erhalten die Gläubiger regelmäßig Zinsen, doch es gibt kein Datum für eine Tilgung, anders als bei den heute üblichen Anleihen, die nach zwei, zehn oder – maximal – 30 Jahren zurückgezahlt werden. Das klingt nach einem Fall aus dem Kuriositätenkabinett der Finanzwelt, ist historisch aber die Regel gewesen. "Früher war es üblich, dass sich die Leute einfach Geld liehen, ohne Frist", erklärt Rouwenhorst. "Das Fälligkeitsdatum ist ein relativ modernes Konstrukt."

Es war also keine spinnerte Idee, sondern ein Rückgriff auf jahrhundertealte Gepflogenheiten, was Griechenlands schillernder Finanzminister Yanis Varoufakis im Februar vorschlug. Er regte an, einen Teil von Athens Schulden in ewige Anleihen umzuwandeln. Seither geistert die Idee durch die Debatte über Griechenland.

So mühsam gestalten sich derzeit die Verhandlungen mit der Euro-Zone, so groß ist die Angst, Athen könne bald die Zahlungsunfähigkeit drohen, dass manch einer bereits alle griechischen Schulden in solche Papiere umwandeln will, als Notausgang. "Im absoluten Extremfall wäre es die einzige praktikable Lösung", zitierte die Agentur Bloomberg dieser Tage einen Anleihestrategen. Interessant ist auch, dass ein Ökonom der Universität Chicago in einem neuen Papier genau solch einen Schritt propagiert – bezogen auf die Schulden der USA.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Schulden, die nie zurückgezahlt werden: Das klingt kurios, kann aber sinnvoll sein. Der Schuldner muss höhere Zinsen bieten als bei einer 30-jährigen Anleihe, aber dafür verschiebt er die Schuld weit in die Zukunft und weiß, was er jährlich zu zahlen hat. Er muss nicht ständig neue Schulden zu neuen Zinsen aufnehmen. Hat er die Anleihe zu niedrigen Zinssätzen herausgegeben, kann er zudem entspannt bleiben, wenn das allgemeine Zinsniveau ansteigt.

Die Gläubiger erhalten einen Strom von Zahlungen, der endlos und – sofern es sich um einen guten Schuldner handelt – stabil ist. Dies macht die Anleihen für institutionelle Investoren wie Versicherungen und Pensionskassen interessant, die sehr langfristige Verbindlichkeiten haben und eher auf Sicherheit als auf maximale Renditen achten. Ewige Anleihen sind übertragbar, für private Käufer gleichen sie einer Investition, die auch Kindern, Enkeln und Urenkeln etwas bringt. Egal, dass man das verliehene Geld nie wiedersieht. Wer fünf Prozent Zinsen erhält, hat den Gegenwert des Einsatzes nach 20 Jahren raus. Dann braucht es etwas Zeit, um den Wertverlust infolge der Inflation auszugleichen, doch irgendwann ist alles ein Zubrot. Wer will, kann das Papier zudem an Dritte verkaufen.