DIE ZEIT: Herr Sarstedt, Sie sind Professor der BWL. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Eltern ihr Kind mithilfe von betriebswirtschaftlichen Methoden managen können. Wie kommt man auf so was?

Marko Sarstedt: Familienplanung ist heute in vielen Fällen ein Ein-Kind-Projekt, und da betreiben Eltern einen enormen Aufwand. Alles wird genau durchdacht und geplant. Ich habe mich gefragt, wohin es führt, wenn wir konsequent die Lehren der Betriebswirtschaft anwenden.

ZEIT: Und wohin führt es?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Sarstedt: Die BWL bietet Methoden, mit denen man die Organisation des Kindes bis ins letzte Detail planen kann, mit dem Ziel, Zeit und Kosten zu sparen. Ein Beispiel ist das Windelbestandsmanagement, mit dem man die kostenoptimale Bevorratung von Windeln errechnen kann. Oder der Make-or-buy-Babybrei, der die Material- und Herstellungskosten von selbst gemachtem und gekauftem Brei vergleicht. Beim Kinderwagenkauf hilft die "Choice-based Conjoint-Analyse", die Ausstattungsdetails nach der höchsten sozialen Anerkennung zusammenstellt. Da kommt dann zum Beispiel heraus, dass der optimale Kinderwagen ein blaues Polster, einen Sportsitz und ein Sonnenschirmchen haben sollte.

ZEIT: Und wer, glauben Sie, beschäftigt sich mit solchen Dingen?

Sarstedt: Das sind meist überinvolvierte Eltern, die alles richtig machen wollen und nebenbei ihren Nachwuchs zum betriebswirtschaftlichen Planungsproblem erklären. Das fängt schon beim Namen an. Der sollte unbedingt karrieretauglich sein. In meinem Bekanntenkreis habe ich erlebt, wie Eltern getestet haben, ob sich der Name des Sprösslings später gut mit einem Doktortitel kombinieren lässt.

ZEIT: Nicht Ihr Ernst!

Sarstedt: Es geht weiter mit Eltern, die den Krippenplatz mithilfe einer Excel-Tabelle auswählen, in der sie Betreuungsschlüssel, Ausstattung und Förderungsintensität von verschiedenen Einrichtungen miteinander vergleichen. Am Ende gewinnt dann die Kita, die Geigenunterricht, Chinesischkurs und Kindersauna anbietet.

ZEIT: So etwas lässt sich aber höchstens in Prenzlauer Berg beobachten, nicht in Marzahn.

Sarstedt: Jeder will das Beste für sein Kind, aber die meisten Gedanken machen sich finanziell gut ausgestattete Akademikereltern, die wild entschlossen sind, ihrem Kind den bestmöglichen Startvorteil zu verschaffen. Diese Eltern hat auch die Industrie im Blick. Auf dem Markt für Babybedarf begegnen einem absurde Dinge.

ZEIT: Zum Beispiel?

Sarstedt: Als meine Frau mit unserer Tochter schwanger war, habe ich erstmals gesehen, was dort so alles angeboten wird: vollautomatische Windeleimer, Windeleinlagen aus Suri-Schafwolle, Kinderwagen, die locker so viel kosten wie ein gebrauchter Kleinwagen.

ZEIT: Sie sind Vater zweier Kinder. Wie viel persönliche Erfahrung steckt in Ihrem Buch?

Sarstedt: Erschreckend viel. Auf dem Spielplatz etwa unterhalten sich junge Eltern darüber, wie viele Windeln sie bevorraten sollen. Da gibt es spezielle Windel-Abos. Letztlich sind das Optimierungsprobleme, die wir aus der Logistikplanung kennen.

ZEIT: Und wie gut ist Ihnen die Optimierung bei Ihren eigenen Kindern gelungen?

Sarstedt: Bevor unsere Tochter geboren wurde, habe ich die Dinge sehr analytisch betrachtet: Wann muss die Wickelkommode bestellt werden, um die Lieferfrist einzuhalten? Welches Kinderbett hat gute Testergebnisse? An solche Fragen bin ich, ganz der Betriebswirt, sehr strukturiert herangegangen. Als unsere Tochter dann da war, fiel das von mir ab. Das Tolle an Kindern ist, dass sie unplanbar sind.

ZEIT: Freut es einen Wirtschaftsprofessor, wenn die Ökonomisierung der Gesellschaft nun auch noch die letzte Bastion der Babywiege erobert?

Sarstedt: Immer mehr Bereiche unseres Lebens werden unter Effizienzgesichtspunkten durchstrukturiert. Genau das geht bei Kindern glücklicherweise nicht, auch wenn man es noch so gern möchte. Man kann zum Beispiel die Laufwege beim Einkaufen optimieren – erst Bäcker, dann Reinigung, zum Schluss Spielplatz –, aber wenn das Kind mit dem Laufrad unterwegs ist und Abzweigungen nimmt, die sechsmal so lang sind wie der eigentliche Weg, dann hilft jede Planung nichts.

ZEIT: Rechnet sich das Projekt Kind eigentlich?

Sarstedt: Rein ökonomisch betrachtet, kosten Kinder erst mal eine Menge Geld. Laut Statistischem Bundesamt geben Eltern mit einem Kind jeden Monat im Schnitt knapp 600 Euro für den Nachwuchs aus. Bei mehreren Kindern und im Osten Deutschlands liegt der Wert etwas niedriger. Bis zum 18. Lebensjahr summieren sich die Ausgaben – die Inflation eingerechnet – auf knapp 150.000 Euro.

ZEIT: Wer rational kalkuliert, verzichtet also besser auf ein Kind?

Sarstedt: Nein, die Entscheidung für ein Kind ist aus ökonomischer Sicht durchaus rational, da es ja auf vielfältige und wunderbare Weise Nutzen stiftet. Dieser Nutzen ist sehr individuell und drückt sich natürlich nicht in Geld aus. Es sei denn, das Kind gewinnt später im Lotto oder wird Fußballstar. Aber darauf sollten Eltern besser nicht setzen.