Wenige Wochen vor Kriegsende, am 9. April 1945, wurde der Schreiner Georg Elser nach mehr als fünfjähriger Isolationshaft von der SS auf Befehl des "Führers" im Konzentrationslager Dachau erschossen. Er hatte am 8. November 1939 einen Anschlag auf Hitler verübt. Doch als die Zeitzünderbombe explodierte, die er in einen Pfeiler des Münchner Bürgerbräukellers genau über dem Rednerpult eingebaut hatte, war Hitler schon aus dem Raum – ein wenig früher als geplant. 13 Minuten später, und Elser hätte "die Welt verändert", wie es im Untertitel des Spielfilms von Oliver Hirschbiegel heißt, der jetzt in allen größeren deutschen Städten angelaufen ist.

Bereits 1989 inszenierte Klaus Maria Brandauer die Geschichte des mutigen Einzelgängers: Georg Elser. Einer aus Deutschland – mit sich selbst in der Hauptrolle, eine überraschend leise, beeindruckende Arbeit. Nun führte Hirschbiegel Regie: Nach dem Untergang (2004), einer Chronik der letzten Tage im Berliner "Führerbunker", hat er bewährt gekonnt und effektvoll Hitlers Münchner Beinahe-Untergang inszeniert; das Drehbuch schrieb Fred Breinersdorfer (Sophie Scholl. Die letzten Tage) zusammen mit seiner Tochter Léonie-Claire.

Der spannende Film richtet sich an ein breites Publikum; Elsers Tat und seine Motive stehen im Mittelpunkt – und man könnte meinen, dass die Geschichte dieses einfachen Mannes, der den Mut aufbringt, es mit einem Tyrannen aufzunehmen, die Deutschen schon immer fasziniert hat. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mehr als 40 Jahre dauerte es, ehe diese nur mit Stauffenbergs Attentat vergleichbare Tat überhaupt ins öffentliche Bewusstsein drang, und weitere 30 Jahre mussten vergehen, bis sie es nun ins Blockbuster-Kino schaffte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Undenkbar wäre dieser Film in der unmittelbaren Nachkriegszeit gewesen, da all jene, die sich der NS-Diktatur widersetzt hatten, im westlichen Deutschland als "Verräter" galten. Überzeugte Nazis diffamierten – vielfach ungestraft – Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer, und erst 1952, nach dem Prozess gegen den ehemaligen Wehrmachtgeneral Otto Ernst Remer, einen rechtsextremen Politiker und späteren Holocaust-Leugner, begann man zaghaft, den Widerstand überhaupt zu "akzeptieren" und zu würdigen.

Ein weiteres wichtiges Datum war der 17. Juni 1953, der Volksaufstand in der DDR. Fortan war es in der Bundesrepublik eher möglich, an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu erinnern. Doch ebenso, wie der Widerstand die Sache einer kleinen, oft verzweifelten Minderheit gewesen war, blieb auch die Erinnerung an seine Helden lange Zeit umstritten und mit zähen Stereotypen behaftet. Erst im Jahr 2004 (!) setzte sich – einer repräsentativen Befragung der deutschen Bevölkerung zufolge – eine überwiegend positive Bewertung des 20. Juli 1944 durch.

Georg Elser traf das Schweigen besonders. Über ihn, den Attentäter vom 8. November 1939, hatten die Nationalsozialisten eine Vielzahl von Lügen, Gerüchten und Missdeutungen in Umlauf gebracht. Diese blieben noch lange nach 1945 wirksam, und sie waren weitaus zäher als die über die Gruppe um Stauffenberg.

So nutzte Propagandachef Joseph Goebbels den Anschlag Ende 1939 sofort, um in der aufgeheizten Phase der ersten Kriegsmonate antibritische Parolen zu verbreiten: Elser sei ein Werkzeug des Geheimdienstes gewesen, so tönte er, das Attentat sei "zweifellos in London erdacht" worden. Die Organisation des Ganzen, fabulierte Goebbels weiter, habe, in englischem Auftrag, der in Ungnade gefallene Otto Strasser übernommen, der Führer einer frühen innernationalsozialistischen Oppositionsgruppe, der sich zum Zeitpunkt des Attentats schon längst nicht mehr in Deutschland aufhielt.

Um ihre Verschwörungstheorie zu untermauern, lenkte die NS-Propaganda die Aufmerksamkeit auf zwei britische Geheimagenten, die am 9. November 1939 im niederländischen Grenzstädtchen Venlo vom deutschen Auslandsgeheimdienst gekidnappt worden waren. Die beiden Entführten wurden kurzerhand zu Hintermännern des Münchner Anschlags erklärt. Die NS-Führung plante gegen Elser und die beiden britischen Offiziere einen Schauprozess, der nach dem siegreich beendeten Krieg geführt werden sollte.