Kürzlich traf ich im Park einen Erzieher, den ich aus der ehemaligen Kita meiner Kinder kenne. An Andreas, so will ich ihn mal nennen, gefielen mir besonders seine Tattoos und der Haifischzahn, der als Kettenanhänger an seinem Hals baumelte. Andreas’ Lieblingsgag war es, den Kindern zu sagen: "Gleich steck ich dich in den Backofen." Andreas war nicht so wild, wie er aussah. Er war gut im Streitschlichten und im Trösten, und ihm und seinen Kollegen ist es zu verdanken, dass meine Kinder sich heute weder vor Tätowierten fürchten noch Erzieher für einen Frauenberuf halten.

Ich traf also Andreas im Park, und er war umringt von einem TV-Team. Ich dachte, die Fernsehleute drehen für eine Sendung, die für den Erzieherberuf werben will. Ich war gleich ein bisschen stolz auf unsere alte Kita. Andreas aber lächelte verlegen und sagte: Nein, nein, er mache das öfter. "Ich erzähl da so ’n Kram für ’ne Scripted-Reality-Sendung." Er murmelte noch, dass er das Geld brauche. "Als Erzieher verdienste halt nix." Andreas mit dem Haifischzahn stellt sich also vor die Kamera und beichtet, was das Drehbuch ihm vorgibt: eine Affäre, ein Doppelleben, eine Intrige, eine Lüge.

Anfang dieser Woche rief die Gewerkschaft ver.di die Erzieher zu Warnstreiks auf. Ver.di will mit dem Verband Kommunaler Arbeitgeber darüber verhandeln, Kinderpfleger und Erzieher in eine höhere Entgeltgruppe einzustufen. Ein Erzieher mit vier Jahren Berufserfahrung, zum Beispiel, verdient bisher etwa 2.700 Euro pro Monat. Die Änderung würde ihm 220 Euro pro Monat bringen. Für Andreas hieße das: Vielleicht müsste er nicht mehr in Vorabendserien den Idioten geben oder, wenn doch, dann bloß zum Spaß. Auch Andreas’ Kollegin müsste nicht mehr abends an ihren Arbeitsplatz zurückkehren und die Gruppenräume putzen, in denen sie zuvor mit den Kindern gebastelt hat. Ich traf sie eines Abends, als ich zur Kita zurückgekommen war, weil ich dort meine Handtasche vergessen hatte. Den beschämten Blick der Erzieherin, mit dem Putzlappen in der Hand, werde ich nicht vergessen.

Ich weiß, dass sich viele Eltern über die Streiks in ihren Kitas ärgern werden. Wieder ein Tag, an dem daheim das Chaos ausbricht. Und haben die Erzieher nicht in den letzten Jahren schon satte Lohnsteigerungen bekommen? Können die den Hals nicht vollkriegen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

In den vergangenen Jahren ist die Kinderbetreuung in Deutschland massiv ausgebaut worden. Und je weiter sie ausgebaut wird, umso mehr verlangen wir von denen, die diese Betreuung übernehmen: Sie sollen, wenn die Kinder schon auf uns Eltern verzichten, besser als wir sein. Sie sollen immer gelassen und fröhlich sein, sie sollen Beurteilungsbögen führen, Förderpläne ausarbeiten und Eltern-Kind-Gespräche leiten, als wären sie Angestellte der Personalabteilung. Sie sollen darauf achten, dass jedes Kind nach dem Mittagessen die Zähne putzt, kein Muslim Schweinefleisch isst und kein Vegetarier knochenmehlhaltige Gummibärchen. Erzieher sollen Auseinandersetzungen zwischen Eltern unterschiedlichster sozialer Schichten moderieren können, einer Diskussion über die Verwendung des Wortes "Neger" in Pippi Langstrumpf- Büchern gewachsen sein, und sie sollen, vor allem, ihre Arbeit mit Leidenschaft machen, denn wer mit Kindern arbeitet, macht ja nicht einfach einen Job. Die Kinderbetreuung wurde aber nicht nur ausgebaut und anspruchsvoller, sie ist in vielen Gemeinden auch billiger, an manchen Orten wie in Hamburg sogar kostenlos geworden.

Zu den zahlreichen Dingen, die Kinder von Erziehern lernen sollen, gehört der Sinn für Gerechtigkeit. Gerecht wäre es, wenn Erzieher mehr Geld bekämen, viel mehr Geld. Gerecht wäre es, wenn jene Eltern, die es sich leisten könnten, dieses Geld zahlten.

Andreas, übrigens, lässt keinen Zweifel daran, dass er keineswegs auf die Entdeckung als Schauspieltalent hofft, dass er Scripted-Reality-Sendungen unterirdisch findet. Die Eltern aus der Kita sind in aller Regel bei der Arbeit oder auf dem Spielplatz, wenn seine gespielten Lebensbeichten im Fernsehen laufen. Jedenfalls bekommen sie nichts mit von Andreas’ Nebenjob. Sollten sie aber.