"Wer seine Schranken kennt, der ist der Freie", schrieb einst Franz Grillparzer und "wer sich frei wähnt, ist seines Wahnes Knecht." Der Wiener Hofkonzipist und Burgtheaterdichter kannte seine Schranken genau: Sie wurden von den vier Wänden seines Amtszimmers in der Johannesgasse 6, im Herzen von Wien, verkörpert, wo er viele Jahre lang seinen Pflichten als Archivdirektor der K.-u.-k-Hofkammer nachging.

Doch das Verlies, in dem er sich lebendig begraben fühlte, war auch gleichzeitig der Ort, an dem er sich zum Herrn seines Wahnes machte und zahlreiche Dramen verfasste, denen er den Nachruhm eines österreichischen Nationaldichters verdankt. Das "Grillparzer-Gedenkzimmer" wird auch weiterhin als Nische für den patriotischen Gemütshaushalt bestehen bleiben. Doch darüber, darunter und rundherum wird nächste Woche als Dependance der Österreichischen Nationalbibliothek ein neues Museum für die österreichische Literatur eröffnet. Man benötigt viele Bücher, Manuskripte, Briefe, Zeichnungen und Fotos, um dort die Regale und Vitrinen würdig füllen zu können.

Wie günstig, dass sich das Literaturarchiv seit vielen Jahren um Nachlässe und Vorlässe, um Teil- und Splitternachlässe sowie um Sammlungen und Deposita bemüht hat und jetzt über wertvolle Materialien von Konrad Bayer bis zu Elfriede Gerstl, von Günther Anders bis Josef Haslinger, von Robert Schindel bis Peter Handke verfügt. Vor allem der im Jahr 2008 früh verstorbene Universitätsprofessor Wendelin Schmidt-Dengler, der dem Archiv seit 1996 vorstand, hatte seine guten Kontakte in die Literaturszene spielen lassen und zahlreiche Materialien in Richtung seiner Institution dirigiert – obwohl zum Zeitpunkt seines Wirkens ein Literaturmuseum bestenfalls als Vision am fernen Horizont existierte.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der Fokus auf die Literatur des 20. Jahrhunderts und im Besonderen auf Literatur nach 1945 führte dazu, dass immer mehr lebende Autoren ins Blickfeld gerieten. Die Akquise von sogenannten Vorlässen, also von Nachlässen zu Lebzeiten der jeweiligen Autoren, die noch vor 20 Jahren ein ziemlich entlegenes Geschäftsfeld war, erlebte einen gewaltigen Aufschwung. Am Vorlasshandel ist aber nicht nur das Literaturarchiv der Nationalbibliothek beteiligt, sondern auch alle anderen wesentlichen Literaturinstitutionen Österreichs machen mit, darunter das Brenner-Archiv in Innsbruck, das Archiv der Zeitgenossen in Krems und die Wienbibliothek im Rathaus.

Manchmal fanden die Konvolute, die zum Zwecke der Archivierung und der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Autoren zur Verfügung gestellt worden wären, auf dem Weg der Schenkung den Weg in die Depots. Doch oft flossen dabei auch erhebliche Summen, manchmal mehrere 100.000 Euro. Deshalb war der Handel mit Vorlässen von Beginn an heftig umstritten. Durch die emsige Ankaufspolitik des Literaturarchivs sei eine gewisse Goldgräberstimmung entstanden, meint beispielsweise Sylvia Mattl, die Direktorin der Wienbibliothek: "Das hat vielleicht einen etwas exaltierten Markt erzeugt." Kritiker monierten darüber hinaus, dass hier oft Günstlingswirtschaft betrieben werde oder dass Schriftsteller sich durch den Verkauf ihrer gesammelten Materialien den Lebensabend versüßen wollten.