Dass die Menschen nicht freundlich sind zu denen, die anders aussehen oder ein Handicap haben, ist nichts Neues. Dass sie es mitunter aus Hilflosigkeit oder gar Dummheit sind, hilft den Betroffenen wenig. Und dass auch Ignorieren und Wegschauen wehtun können, weiß niemand besser als der elfjährige Held in Vince Vawters Jugendroman Wörter auf Papier.

"Reden kann ich nicht. Ohne zu stottern", erklärt Victor gleich auf der ersten Seite. Dann folgt, weil er "Wörtern auf Papier" viel mehr traue als "Wörtern in der Luft", eine kleine auf Schreibmaschine getippte Einführung in das Wesen seines Stotterns: "Ich bleibe beim ersten Laut eines Wortes hängen und versuche das Wort dann rauszudrücken. Manchmal kommt es auch nach ein bisschen Drücken, aber manchmal werde ich auch knallrot im Gesicht und kriege keine Luft mehr und drehe im Kopf so schwindelige Kreise. Ich kann dann nicht viel tun außer mir ein anderes Wort ausdenken oder weiterdrücken."

Man ahnt, dass hier einer erzählt, der sich gut auskennt. Im Nachwort schreibt Vince Vawter, dass er seit seinem fünften Lebensjahr stottert und es noch heute tut: "manchmal heftiger, manchmal schwächer". Es hat ihn nicht daran gehindert, als Journalist zu arbeiten und seine Geschichte immer wieder einem Publikum zu erzählen. Die Frage, die möglicherweise viele aus Höflichkeit oder Angst nicht stellen würden, beantwortet er gleich selbst: "Bin ich vom Stottern geheilt? Nein. Habe ich es besiegt? Ja."

Auch seinen Romanhelden versieht Vawter mit zahlreichen Sprech-Tricks: bei einem heiklen Wort einen Bleistift hochwerfen, schreien oder flüstern, sich mit Reißzwecken stechen, auf der Schaukel sitzen und sich gleichsam mit dem Wort abstoßen, schwierige Namen im Chor rezitieren, nie wieder an die Stelle treten, wo ihn eine Sprechhemmung erwischt hat. Aber nicht immer hat Victor Bleistifte, Reißzwecken oder Schaukeln zur Hand und schon gar nicht verständnisvolle Erwachsene.

Wir begegnen dem Jungen im Sommer des Jahres 1959, einer Zeit, in der er sein behütetes Umfeld verlässt und sich ihm eine ganz neue Welt öffnet. Victor hat seinem Freund Rat (eigentlich Art, aber das "A" am Anfang eines Wortes ist für Victor ein lästiger Stolperstein) beim Baseball mit einem harten Wurf die Lippe aufgeschlagen und übernimmt zur Versöhnung einen Monat lang dessen Zeitungstour. Er freut und fürchtet sich zugleich: endlich eine Aufgabe, für die er allein verantwortlich ist, eine Aufgabe aber auch, bei der er spätestens beim Kassieren (hartes "K", ganz schlimm) sprechen muss.

Es wird ein heißer Monat für Victor, nicht nur weil Juli ist und er in den Südstaaten der USA, in Memphis lebt, vielmehr begegnet er auf seiner Tour Leuten jeden Alters, deren Verhalten und Gepflogenheiten so extrem gut und böse sind wie die Gesetze des Südens damals gut für Weiße und schlecht für Schwarze.

Er trifft etwa Mrs Worthington, eine schöne rothaarige und gleichzeitig traurige und rätselhafte Frau, immer perfekt geschminkt und mit einem Whiskeyglas in der Hand. Einmal findet Victor sie schnarchend auf der Verandaschaukel, ein andermal hat sie ein blaues Auge, und er fragt sich: "Was fühlen Leute, wenn sie betrunken sind?" Oder Mr Spiro, ein äußerst belesener und weit gereister Mann, der mit Victor über sein Stottern spricht wie niemand sonst und dem der Junge endlich die Frage stellen kann, die ihn schon so lange bewegt: "Warum können die meisten Kinder ohne Probleme reden und ich nicht?" Mr Spiro weiß zwar keine Antwort, aber seine Gegenfrage ist besser als jeder Erklärungsversuch: "Warum kann nicht jeder in der sechsten Klasse den Ball so hart und gerade werfen wie du?"

Victor, ein sensibler Junge, der aus einer wohlhabenden weißen Familie stammt, wird durch die Begegnungen dieses Sommers gefordert und wächst an ihnen. Denn sein bisheriges Universum bestand vor allem aus einer Mutter, die viel mit Freundinnen telefoniert und oft in den Country Club geht, und einem Vater, der zwar gut zu ihm ist, aber selten zu Hause. Und aus Mam, der liebevollen schwarzen Sprachtherapeutin und Haushälterin, die über der Garage wohnt und immer in der Bibel liest. Mam, die für Victor seit Jahren die wichtigste Bezugsperson ist. Mam, die im Bus hinten sitzen muss und nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten in den Zoo gehen darf. Mam, die selbst dann noch an ihrem Glauben an einen gütigen Gott festhält, wenn sie von einer weißen Rotznase mit dem N-Wort beschimpft wird.