Aus dem Flugzeug erkennt man zuallererst Dharavi – nicht Mumbais Tempel, das Hotel Taj Mahal Palace oder die Bollywood-Studios. Mit seinen vielen Hüttendächern ähnelt der Slum im Landeanflug dem geschuppten Panzer einer jahrhundertealten Schildkröte. Auch auf der Fahrt vom Flughafen ins Zentrum ist er nicht zu übersehen; er liegt im Herzen der Stadt, eingequetscht zwischen zwei Bahntrassen. Auf gut zwei Quadratkilometern reihen sich ein- bis dreistöckige Büdchen aus Beton, Blech oder Plastik lückenlos aneinander: Mumbais größter Slum – und einer der größten weltweit.

Wir parken draußen. Bevor wir aussteigen, sagt Siddhi Gunjal: "Bitte rümpft nicht die Nase! Und haltet euch auch nicht die Hand vor den Mund oder schneidet Grimassen!" Siddhi Gunjal, 22 Jahre, braune Locken, hellblaues Hemd und safrangelbe Chinohose, wird mich und meine Freundin drei Stunden lang durch Dharavi führen. Er wohnt hier, der Slum ist sein Zuhause. "Wenn ich euer Zuhause betrete", sagt er, "wollt ihr doch auch nicht, dass ich mir die Nase zuhalte." Stimmt.

Wir tauchen ein in das Gewirr der Gassen, indem wir uns durch einen Spalt zwischen zwei Hütten schieben. Bisher riecht es wie überall in Mumbai, der Megastadt von 18 Millionen Menschen: nach heißer verbrauchter Luft und Eisen. Das permanente Gehupe hört auf, und auch das Brummen der Motoren setzt aus. Im Vergleich zu draußen ist es hier erstaunlich still. Autos haben in den engen Gassen keinen Platz. Man geht zu Fuß.

Unter dem schmalen Weg führt eine Abwasserrinne hindurch, ein paar Betonplatten liegen lose darauf. "Vorsicht, nicht stolpern!", sagt Siddhi, den hier alle Sid nennen. Und dann: "Wir besuchen erst den Wirtschafts- und später den Wohnbereich." Den Wirtschaftsbereich? Ich mag diesen Humor, den viele Inder an den Tag legen, denke ich noch. Aber dann führt Sid uns vorbei an Bäckereien, die für ganz Mumbai backen, und Werkstätten, in denen Leder gegerbt und zu Taschen vernäht wird. In Dharavi haben sich viele kleine Betriebe angesiedelt, "etwa 15.000", sagt Sid. Überall wird gehämmert, gesägt, geschraubt, gewaschen.

Sid deutet auf eine offene Tür, und wir betreten die graue Betonhütte. Darin stehen zwei Männer, umnebelt von Staub und Rauch. Ihre Oberkörper sind rußig und verschwitzt, um die Leibesmitte tragen sie das traditionelle Hüfttuch, den lunghi. In einem Brennofen schmelzen sie Aluminium, recyceln es für Industriebetriebe zu Barren, die sich hinter ihnen stapeln. "Wenn das Gold wäre", sagt Sid zu ihnen und alle lachen. Auch wir. Im gemeinsamen Lachen löst sich das Wohlstandsgefälle auf.

Ich schäme mich für mein Staunen, fühle mich als Erste-Welt-Tourist

Wir haben lange überlegt, ob wir an dieser geführten Slumtour teilnehmen wollen. "Armutsporno" nennen Kritiker solche Führungen. Aus ihrer Sicht wird die Not der Menschen dabei nur begafft. Andererseits: Ist diese Tour nicht ein Weg, um wenigstens zu verstehen, was Armut bedeutet? Außerdem wurde Sids Arbeitgeber Reality Tours & Travel gerade erst mit dem "To do!"-Preis für sozial verantwortlichen Tourismus ausgezeichnet: Die Führungen, bei denen Fotografieren übrigens verboten ist, kommen den Einheimischen zugute. Die Touren werden von Bewohnern geleitet, und 80 Prozent des Umsatzes fließen zurück in ihre Gemeinschaft – für Englisch- oder Computerkurse, das Kricket-Team oder die Mädchen-Fußballmannschaft.

Dharavi ist einer der größten Slums Asiens © Danish Siddiqui/Reuters

Gewiss ist, dass man ein großes Stück von Mumbais Realität verpasst, wenn man den Slum nicht besucht: In Dharavi wohnen rund eine Million Menschen. "Und in den 2.000 Slums der Stadt", sagt Sid, "leben über 60 Prozent der Bevölkerung."

Er führt uns weiter über Wege, an deren Rändern Tonnen und Säcke aufgereiht sind, gefüllt mit Kleiderbügeln oder Aufsätzen von Sprühdosen. Fast der gesamte Mumbaier Plastikmüll wird in Dharavi recycelt, erklärt Sid – gereinigt, geschreddert, eingeschmolzen. 4.000 Tonnen lädt die Industrie hier täglich ab, auch internationale Unternehmen. Wir betreten eine Hütte, in der ein Mann Plastikteile über breiten Becken mit einem Wasserschlauch abspritzt. Er grüßt uns, indem er freundlich mit dem Kopf wackelt, hat aber ansonsten keine Zeit für uns.