Die Gespenster, die er rief, beseelten die begeisterte Menge. Gut tausend Anhänger der Freiheitlichen Partei (FPÖ) waren vor zwei Wochen in die Wiener Hofburg gepilgert, um dort Geert Wilders, dem Barrikadenredner der niederländischen Partij voor de Vrijheid, zuzujubeln. Wieder einmal erklärte der mit kalter, schneidender Stimme dem Islam den Krieg – so wie er es demnächst in Dresden vermutlich auch tun wird. Bewundernd und doch ein wenig neiderfüllt zollte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache dem demagogischen Trommelfeuer Applaus: Derart radikale Ressentiments könnte Strache sich bei seinen Auftritten niemals erlauben. Österreichs Rechtspopulisten scheuen neuerdings das Schmuddelkinder-Image. Vielmehr beanspruchen sie, mit ihrer Europa-Skepsis und ihrer Fremdenfeindlichkeit tief in die gesellschaftliche Mitte vorgedrungen zu sein. Die Freiheitlichen bilden die stärkste oppositionelle Kraft im österreichischen Parlament, in allen Meinungsumfragen liegen sie derzeit sogar an erster Stelle.

Österreich ist ein politisches Labor, in dem erstmals in Europa eine rechtspopulistische Partei zu einer so bedeutenden Kraft anwachsen konnte, dass sie insgeheim die innenpolitische Agenda bestimmt. Der Aufstieg erfolgte scheinbar unaufhaltsam, hilflos duckte die etablierte Politik sich zunächst weg und flüchtete sich anschließend in Klientelpolitik. Beides begünstigte den Vormarsch der Freiheitlichen. Beides sind Fehler, die man in Deutschland vermeiden sollte.

Vor dreißig Jahren stand die FPÖ eigentlich unmittelbar vor dem Aus. Sie war damals das Sammelbecken ehemaliger Nazis; versuchte vergeblich, sich einen liberalen Anstrich zu geben, um als regierungstauglich zu gelten. Dann putschte im Jahr 1986 der rechte Flügel und hob den damals 36-jährigen Kärntner Provinzpolitiker Jörg Haider nach oben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das politische Ausnahmetalent stürzte sich sofort mit der wachen Witterung eines opportunistischen Volkstribuns in die Schlacht. Vom ersten Tag an rief er zum Sturmangriff auf das System der "Altparteien". Er war vorlaut, rauflustig und provokant. Flink hatte er den alten Parteimief hinter sich gelassen, verpasste sich ein dynamisches Image und stilisierte sich zum Rächer der kleinen Leute. Die "Altparteien" hatten keine Lösung.

Trotz seiner gelegentlichen Nazi-Ausfälle, die er hauptsächlich seiner Herkunft aus einem einschlägigen Elternhaus verdankte, deideologisierte Haider die braune Honoratiorengruppe FPÖ, er scharte junge Desperados um sich und tanzte mit seiner Rasselbande den Regierungspolitikern auf der Nase herum.

Doch auch er hätte in absehbarer Zeit seinen Bogen überspannt, wenn er nicht auf ein politisches System gestoßen wäre, das bis heute nicht fähig ist, aus eigenen Fehlern zu lernen und auf politische Herausforderungen mit Reformen und alternativen Antworten zu reagieren. Stattdessen ignorierte es zunächst Haiders Kampfansage, grenzte die neue Konkurrenz später aus allen Debatten aus – nur um im nacheilenden Gehorsam viele derer Forderungen zu erfüllen. Besonders deutlich wurde das in der Ausländerpolitik, dem FPÖ-Paradethema: In der trügerischen Hoffnung, freiheitliche Wähler ködern zu können, verschärfte die Regierungskoalition aus Sozialdemokraten und Konservativen nach jedem xenophoben Schub, der durch das Land ging, die Fremdengesetze.

Bis heute ist strittig, wie groß der Anteil der Medien am Aufstieg Haiders ist. Die Boulevardzeitungen kürten ihn bald zu ihrem Liebling, aber auch durchaus kritische Magazine nutzten den Medienstar gerne dazu, ihre Auflage in die Höhe zu treiben. Salon- und damit regierungsfähig wurde Haiders Partei erst, als der konservative Bundeskanzler Wolfgang Schüssel einen Partner für sein eigenes politisches Überleben benötigte. Der Tabubruch – die Koalition mit der FPÖ – entzweite Europa, ließ allerdings auch die Freiheitlichen an ihren inneren Widersprüchen scheitern. Kurzfristig schienen sie sogar zurechtgestutzt.

Obwohl der gegenwärtige FPÖ-Chef Strache über keine der erfolgsfördernden Eigenschaften seines vor über sechs Jahren tödlich verunglückten Vorgängers verfügt, sind die Freiheitlichen derzeit in besserer Verfassung denn je. Die ungebrochene Aufwärtsentwicklung kann nun nicht mehr auf einen singulären Wunderknaben zurückgeführt werden. Sie ist das Resultat des politischen Versagens zweier Regierungsparteien, die seit Jahrzehnten im Wesentlichen nichts anderes tun, als ihre Pfründe zu verteidigen.

Die Lektion, die das Labor Österreich lehrt, besteht in der bitteren Erfahrung, dass ein unflexibles und unverrückbar erscheinendes Machtkartell wie ein anaboles Steroid auf die rechtspopulistischen Muskelprotze wirkt. Es braucht hingegen neu gegründete Parteien mit neuen Ideen, um solchen Bewegungen ihre Grenzen aufzuzeigen – und die gibt es jetzt in Österreich endlich auch.

In der Schweiz diktieren Rechtspopulisten seit Jahren die Agenda. Sie profitieren von den Fehlern ihrer Gegner. Wie das Land damit umgeht, lesen Sie in Matthias Daums Text "Bloß keine Panik!".