Willkommen zur Nacht der großen Therapiesitzung, auf Neudeutsch: FuckUpNight. So heißt die Show, in der Unternehmer vom Scheitern erzählen. Mehrere Hundert Zuhörer wollen dabei sein, an einem kalten Märztag in Berlin. Ausgerechnet in einem Gebäude am Kurfürstendamm, dessen Geschichte vor gut 100 Jahren mit einer Pleite begann: Noch vor der Eröffnung als Hotel ging der Eigentümer in Konkurs. Heute sitzt dort Partake, eine Firma, in deren Büros tagsüber Start-ups in Serie entstehen. Ihr offizielles Credo: "Fail often and early" – "Scheitere oft und früh".

An diesem Abend drängen sich die Zuschauer in einem großen Saal im fünften Stock, es gibt viel Bier und wenig Platz. Sie erleben: Thomas, der eine unnütze Fahrschul-App für Smartphones entwickelt und viele Tausend Euro versenkt hat. Applaus! Und Darius, der gleich zweimal eine Internetplattform startete, die Menschen helfen sollte, sich in ihrer Stadt zu orientieren. "Beschissen war das", sagt er, "ich habe alles falsch gemacht, war arrogant und wurde am Ende von meinen Mitgründern gefeuert." Großer Applaus. Und Ruth, die auf der Bühne ihre Lebensgeschichte erzählt. Wie sie ihren Job quittierte, ihre große Liebe betrog, sich mit ihrer Mutter zerstritt und nun mit einer Bäckerei den Neuanfang wagt. Lang anhaltender Applaus. Später wird Ruth sagen, von ihren Fehlschlägen zu erzählen habe ihr geholfen, sie zu verarbeiten. "Das Leben", sagt die junge Frau, "ist doch dazu da, um zu lernen."

Fehler verarbeiten und aus ihnen lernen: Darum soll es gehen bei der FuckUpNight. Scheitern, so die Idee, ist etwas Wertvolles. Von Mexiko aus hat sich das Konzept rund um den Globus innerhalb von drei Jahren in rund 100 Städte ausgebreitet – bis nach Berlin, Hamburg und Köln.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Scheitern wird populär: Diskussionsrunden darüber gehören inzwischen zum Standardprogramm auf Kongressen für Jungunternehmer. Institutionen wie die Daimler und Benz Stiftung und Acatech, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften, debattieren mit Managern übers Scheitern. Und Politiker preisen eine "Kultur der zweiten Chance"; als der FDP-Vorsitzende Christian Lindner im Januar vor dem Düsseldorfer Landtag einen SPD-Abgeordneten abwatschte, der über sein Scheitern als Unternehmer gespottet hatte, da verbreitete sich das Video seiner Wutrede millionenfach im Netz – Lindner hatte einen Nerv getroffen.

Hinter der Therapie auf offener Bühne der Republik steht ein Kulturkampf der besonderen Art: Deutschland, das Land der Planer und Perfektionisten, versucht, sich mit dem Scheitern anzufreunden. Wenn das gelingt, könnte es für die deutsche Volkswirtschaft von großem Nutzen sein.

Noch ist es anders. Noch gilt Scheitern als massiver Makel, wenn jemand Konzernchef werden soll oder sich im zweiten Versuch um einen Kredit bemüht. Noch besuchen viele Schüler Berufsmessen und Job-Coachings, um nur ja den richtigen Karriereweg einzuschlagen, möglichst sicher und geradeaus.

Die Furcht vor dem Stigma des Scheiterns spiegelt sich in Zahlen wider. Als der Bundesverband Deutsche Startups, eine Art Lobbyorganisation der Gründerszene, kürzlich rund 900 Unternehmer befragte, erklärten fast zwei Drittel, dass sie die Toleranz der Gesellschaft gegenüber dem Scheitern als gering einschätzen. Deshalb zucken viele zurück – so sagt es jahrein, jahraus der Global Entrepreneurship Monitor. Ihm zufolge lassen sich in Deutschland besonders viele 18- bis 64-Jährige von Bedenken ausbremsen, auch wenn sie sich eigentlich gute Chancen auf Erfolg mit einem eigenen Unternehmen ausrechnen. "Unternehmerisches Scheitern wird hierzulande oft als persönliches Scheitern verstanden", sagt der Gründungsforscher Rolf Sternberg, der dieser Tage die neuen Ergebnisse des Monitors für Deutschland vorstellt, "wir würden viel gewinnen, wenn wir Scheitern als Chance erkennen würden."

So wie in den USA. Dort, das belegt der Monitor, ist die Furcht vor Pleiten weit weniger verbreitet. Wäre Marc Zuckerberg nicht in New York, sondern in Stuttgart aufgewachsen, hätte er sein Studium vermutlich nicht für Facebook abgebrochen. Hätten Steve Wozniak und Steve Jobs den Apple-1 in einer Garage in Hannover entwickelt, sie hätten sich damit vielleicht nie auf die Straße getraut. Kein Wunder, dass Deutschland in der digitalen Revolution mit SAP nur einen Weltkonzern hervorgebracht hat, während amerikanische Gründungen das Billionengeschäft mit dem Internet beherrschen. Die deutsche Wirtschaft ist wohl die beste der Welt, wenn es darum geht, Produkte wie Autos weiter zu verfeinern oder mit neuen Patenten die Zuliefermärkte der Weltwirtschaft zu dominieren. Aber die Kehrseite des Perfektionsdrangs in etablierten Firmen ist, dass zu wenig neue Unternehmen entstehen, die neue Märkte definieren und so schnell wachsen, dass sie vorn bleiben.