An einem Wintermorgen dieses Jahres steigt Tanja Krüger* die Stufen zu einem bayerischen Oberlandesgericht hinauf. An ihre Brust hat sie einen Aktenordner gedrückt, wie einen Schild. Als könnte Papier sie schützen vor dem, was auf sie zukommt. Vor den Fragen des Richters. Den verbalen Angriffen der Anwälte. Vor der Gegenseite. In ein paar Minuten wird die Verhandlung beginnen. Es ist nicht ihre erste, Tanja Krüger kämpft schon lange. Obwohl sie weiß, dass sie am Ende verlieren wird – so oder so.

Tanja Krüger kämpft um das Kind, das sie vor acht Jahren geboren hat und von dem sie heute nicht einmal genau weiß, wie es aussieht. Monate ist es her, dass sie zuletzt ein Foto ihres Sohnes zu Gesicht bekam, drei Jahre, dass sie ihn das letzte Mal bei sich zu Hause hatte. Sie hat das Sorgerecht verloren. Ein deutsches Gericht wollte es so.

Der Fall von Tanja Krüger ist einer von Zigtausenden Sorgerechtsfällen, die jedes Jahr verhandelt werden. In ihm offenbart sich, was an vielen deutschen Familiengerichten immer noch grundsätzlich falsch läuft. Tanja Krügers Geschichte zeigt, dass vermeintliche Fachleute nicht immer Fachwissen haben. Dass Anwälte mitunter als Kriegstreiber agieren. Sie zeigt, wie ein ganzes System vorgibt, zum Wohle des Kindes zu handeln, und dem Kind dabei den größtmöglichen Schaden zufügt. Sie zeigt auch, wie schnell es passieren kann, dass einer Mutter oder einem Vater das eigene Kind Monate, sogar Jahre vorenthalten wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Tanja Krüger ist weder drogensüchtig noch geisteskrank. Sie hat, so sagt es das Jugendamt, ihren Sohn weder physisch noch psychisch missbraucht. Welchen Grund gibt es dann, sie aus dem Leben ihres Kindes auszuschließen? Kann und darf das sein? Tanja Krüger schüttelt den Kopf. "Hätte mir das jemand vor fünf Jahren erzählt, nein, ich hätte ihm nicht geglaubt." Manchmal glaubt sie es heute noch nicht.

Tanja Krüger, eine Frau Mitte vierzig, wohnt in einem Einfamilienhaus ohne eine Familie. Sie sitzt neben dem Kamin, vor dem sie früher oft mit ihrem Sohn saß und Kakao trank. Im ersten Stock das Kinderzimmer, immer noch mit den Holzbauklötzen auf dem Fußboden. Der Plüschteddy auf einem Kinderstuhl. Es sieht aus, als lebe hier ein kleiner Junge. Es sieht aus, als sei der Sohn nur kurz zum Spielen draußen.

Alles begann am 8. März 2012, einem Donnerstag. Wie jeden Wochentag holt Tanja Krüger ihren damals fünfjährigen Sohn Tim* vom Kindergarten ab, kocht ihm Mittagessen. Später malen sie zusammen Mandalas, irgendwann geht Tim raus, um im Garten auf seinem grünen Plastiktraktor herumzufahren. Es dämmert bereits, als Tims Vater kommt, um ihn abzuholen. Der Junge nimmt seine Tasche, drückt seine Mutter kurz. Am Tor winkt er. "Bis Montag, Mama." Übers Wochenende wird Tim beim Vater bleiben. Es ist ein Tag wie viele andere in den vergangenen Monaten, seit Tanja Krüger und ihr Lebensgefährte sich getrennt haben. Und doch ist es ein besonderer Tag, nur weiß Tanja Krüger das noch nicht: der letzte gemeinsame Tag mit ihrem Kind.

Zehn Jahre lang waren Tanja Krüger und Tims Vater ein Paar. Er ein sehr wohlhabender Geschäftsmann, sie eine Akademikerin. Sie verliebte sich in dem Moment, als sie ihn sah, sagt sie. Ganz schnell sei es gegangen. Schnell zog das Paar zusammen, schnell gab Tanja Krüger ihren Job auf und fing an, in seinem Unternehmen zu arbeiten. Tag und Nacht waren sie zusammen. Alles schien perfekt. Die ganz große Liebe. Nur gehalten hat sie nicht.

Gekriselt hatte es zwischen den beiden schon, bevor Tanja Krüger mit Tim schwanger wurde. Mit der Geburt des Kindes schien alles wieder gut zu sein. Der Vater kümmerte sich rührend um Tim, und Tanja Krüger war so stolz. Er war ein guter Vater, sagt sie noch heute.

Trotz aller Freude über das gemeinsame Kind, die Diskrepanz zwischen Mutter und Vater wuchs wieder. Sie stritten, über Kleinigkeiten und Grundsätzliches und mit jedem Mal lauter. Das Kind immer dazwischen. Schließlich zog sie aus, kehrte wieder zu ihm zurück. Ein ewiges Hin und Her. Ende 2009 trennten sie sich endgültig.

Es war nicht das erste Mal, dass Tanja Krügers Traum von einer heilen Familie platzte. Als sie Tims Vater traf, hatte sie bereits einen Sohn im Grundschulalter – und eine gescheiterte Ehe hinter sich. Sie wusste aus Erfahrung, dass ein Kind beide Elternteile braucht. Bei ihrem Erstgeborenen teilten sie und ihr Exmann die Zeit mit dem Jungen genau auf. Als er aufs Gymnasium kam, blieb er unter der Woche beim Vater, weil der näher an der Schule und am Sportverein wohnte. Nie stritten sich die Eltern vor Gericht. "Wir haben uns vernünftig geeinigt", sagt Krügers Exmann heute. Nie habe sie ihm den Sohn vorenthalten.