Die erste Begegnung fand im April 1938 in New York statt, im Hause von Paul und Hannah Tillich. Auch Siegfried Kracauer war anwesend. Es war kein gewöhnliches Treffen. Eher schon eine von Walter Benjamin aus Paris diplomatisch vermittelte erste Fühlungnahme hochempfindlicher intellektueller Großmächte. Diese hatten sich bis dahin misstrauisch beobachtet. Theodor Wiesengrund Adorno, der über seine Frau Gretel erst in den zwanziger Jahren die inspirierende Bekanntschaft mit Benjamin gemacht hatte, war nicht frei von Eifersucht auf dessen ältere und engere Freundschaft mit Gerhard Scholem, der großen Autorität in Sachen jüdischer Mystik. Scholem, der seinen Freund Benjamin in finanzieller Abhängigkeit von dem im New Yorker Exil noch vergleichsweise komfortabel überlebenden Institut für Sozialforschung wusste, wollte eigentlich von "diesen Leuten" nichts wissen. Insbesondere Horkheimer mochte er nicht. Seine erste Meldung an Benjamin über die Begegnung mit Adorno und seiner Frau ist nüchtern: "Mit Wiesengrunds war ich einige Male zusammen, sonst habe ich niemand von der Sekte intimer gesprochen."

Bei dieser Ausgangskonstellation ist das Ergebnis des ersten Kontaktes überraschend. Dem direkten Briefwechsel mit Adorno entnimmt man Scholems freundschaftliche Aufgeschlossenheit und ein Interesse an der Fortsetzung des intellektuell anregenden Gesprächs. Vonseiten Adornos gibt es am 4. Mai 1938 eine ausführliche und enthusiastische Schilderung für den auf Nachricht drängenden Benjamin. Mit großem Respekt vor dem gelehrten Inhaber der Schlüsselgewalt zu den hebräischen Quellen beschreibt Adorno die "schnoddrige Grazie" Scholems und erfasst mit geradezu projektivem Spürsinn das Thema, das die Melodie des nun beginnenden Briefwechsels bestimmen wird: "Es scheint mir von der tiefsinnigsten Ironie, daß eben die Konzeption der Mystik, die er (Scholem) urgiert, sich geschichtsphilosophisch als jene Einwanderung in die Profanität darstellt, die er an uns für verderblich hält."

Dass Adorno lange Passagen dieses Berichts über die erste Begegnung fast drei Jahrzehnte später, zum 70. Geburtstag von Scholem, in der Neuen Zürcher Zeitung wiederholt, ist dieses Mal nicht seinem Autorennarzissmus zuzuschreiben. Zu Recht erkennt er in seinem Bericht retrospektiv "den Grundriß der späteren Erfahrung". Er kann nach fast drei Jahrzehnten auf den philosophischen Kern einer aufhaltsamen Annäherung von zwei Intellektuellen zurückblicken, die von Haus aus nicht füreinander bestimmt waren. Adorno hatte damals, in New York, die Frage abstrakt vorweggenommen, die sich als der rote Faden durch ihre Korrespondenz hindurchziehen wird. Wie den gemeinsamen Freund Benjamin interessiert die Briefpartner, aus jeweils verschiedener Perspektive, das Schicksal des Sakralen nach der Aufklärung – ob und wie es "in die Profanität einwandern" kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Das Hellseherische einer solchen Antizipation, die in einem langsamen Prozess der Annäherung erst Schritt für Schritt eingeholt wird, möchte man eher einer körperlosen Intelligenz zuschreiben. Diese Qualität ist für den Menschen Adorno charakteristisch. Entspannt war er nur im engsten Kreise und wirklich frei nur an seinem Schreibtisch. Diese verletzbare Person behielt Zugang zur eigenen Kindheit und war gleichzeitig mehr als bloß erwachsen. Sie lebte überwach und ängstlich, gleichsam mit schützend vorgestreckter Hand, sowohl diesseits wie jenseits einer Normalität, an der wir anderen unseren Halt haben.

Scholem war ein Teil dieser Normalität, auch wenn er – mit seinen großen abstehenden Ohren – aus ihr als Person und Gelehrter herausragte. Zur einzigartigen Kombination aus "Scharfsinn, abgründig spekulativem Hang und Breite der gelehrten Kenntnis", die Adorno an ihm entdeckt, kamen spontane Neugier und eine ebenso quicke wie verschmitzte Ironie hinzu. Seine Vorliebe fürs Heterodoxe breitete Scholem mit trockener Berliner Chuzpe aus. Ihm selbst lag am "Unfeierlichen" seines Habitus – im Gegensatz zu der Prätention, die sich schon in Adornos artikuliertem Sprachduktus auf das Natürlichste ausdrückte. Scholem ist von den beiden die "weltliche" Natur. Er behält auch in Konflikten den Überblick und wird im Februar 1968 Adorno, als dieser auf die unverdienten Vorwürfe, Benjamins Nachlass manipuliert zu haben, hilflos reagiert, die richtigen pragmatischen Ratschläge geben.