Manchmal muss ein Mann nach Italien gehen, damit aus ihm ein großer Mann wird. Lothar Matthäus zum Beispiel reifte erst bei Inter Mailand zu jenem Kapitän heran, der die deutsche Fußballnationalmannschaft 1990 zur Weltmeisterschaft führte. Und was wäre Johann Wolfgang von Goethe ohne seine Italienreisen?

Auch Junichi Tani ist im Ausland ein anderer geworden. "Italien hat mir die Augen geöffnet", sagt er. "Wir Japaner denken immer nur mit dem Kopf. Aber die Italiener fühlen. Mit dem Körper, mit den Sinnen." Für drei Jahre habe ihn sein Vorgesetzter nach Mailand entsandt, sagt er. Dort besuchte er Modenschauen, betrachtete die Bilder Michelangelos und bewunderte die Sportwagen von Lamborghini und Ferrari. Bis er wusste: "All die Emotion der italienischen Denkweise wollte ich nach Japan bringen."

"Und hier bin ich jetzt", stellt er fest. Durch die schnurgeraden Gänge eines Bürogebäudes in Tokio schreitet Tani voran, öffnet mit mehreren Sicherheitscodes eine schwere Tür. Dahinter liegt ein Raum, der die Essenz dessen enthält, was er in Italien gelernt hat: acht Toiletten.

Der Tornado genannte Spülvorgang macht Klobürsten entbehrlich

Man kann Kleidung entwerfen. Oder Autos bauen. Tani entwickelt Klos. Seit seiner Rückkehr aus Italien vor fünf Jahren ist er Chefdesigner von Toto, dem wahrscheinlich innovativsten Toilettenhersteller der Welt. Der Name mag in Deutschland kaum bekannt sein, in Japan ist er eine Instanz. Jeder zweite japanische Haushalt hat eine Hightech-Schüssel von Toto installiert. Mit fernsteuerbarem Wasserstrahl wäscht sie alle möglichen Öffnungen des Unterleibs, und um Plätschern, Pupsen und Plumpsen zu übertönen, verbreiten kleine Lautsprecher Meeresrauschen und Möwengekreisch. Eine individuell steuerbare Sitzheizung versteht sich von selbst.

Knapp zehn Millionen Toiletten produziert Toto pro Jahr. Mit 25.000 Mitarbeitern und mehr als vier Milliarden Euro Jahresumsatz ist es eines der größten Unternehmen ganz Japans. Und Tani weiß heute schon, worauf die Kunden morgen sitzen werden. Er macht Toto bereit für das ganz große Geschäft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Seine Hoffnungen ruhen auf dem neuen Spitzenmodell Neorest, das zunächst nur in Japan vertrieben wird. Keime auf der Klobrille haben hier keine Chance, weil UV-Licht ihnen den Garaus macht. Außerdem verfügt der Premiumthron über eine Antigeruchsfunktion, auf die Tani besonders stolz ist. "Im Bad wird es nicht mehr stinken", sagt er, "die Verbreitung von Geruch wird schon in der Toilettenschüssel unterbunden."

Was die Optik angeht, ist der Designer vor allem mit der feinfaserigen Keramik im Innern zufrieden. Sehr gelungen. Sie lässt die Schüssel nicht nur funkeln wie einen frisch polierten Lamborghini, sondern beseitigt auch hartnäckige Fäkalienreste spurlos. Der Tornado genannte Spülvorgang ist weit effektiver als der von herkömmlichen Toiletten. Alles durchdacht. Die Klobürste gehört der Vergangenheit an.