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"Nimm bloß nicht dein Handy mit, wenn du abends allein auf die Straße gehst. Sonst wirst du abgestochen."

"Mach Kampfsport, damit du dich gegen die wehren kannst."

"Wenn dich jemand angreift, wirf ihn zu Boden. Schlag ihm am besten mitten ins Gesicht."

Lesen Sie dazu auch den Artikel von Martin Klingst auf S. 4 in der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Das sagen fünf Jugendliche, wenn man sie nach dem Wissen fragt, das sie in den Straßen von Tröglitz erworben haben. Am Nachmittag des Ostermontags lungern die 18-Jährigen vor der Grundschule herum. An der Bushaltestelle, wo sie normalerweise abhängen, steht die Polizei.

Wenn man sie fragt, ob diese Regeln tatsächlich auf Wissen beruhen, auf Erfahrungswissen, sagen sie "Nein". Sie sprechen in breitem Dialekt. Tröglitz ist ein kleiner Ort in Sachsen-Anhalt, 2.800 Einwohner, jeder kennt hier jeden, die Jugendlichen wollen lieber nicht ihren Namen sagen.

Kein Ausländer habe sie je persönlich angegriffen, aber man höre ja, aus Dresden und so, dass die Fremden mit Drogen dealten, kriminell seien und sich an deutschen Mädchen vergriffen. Das einzige Mädchen unterbricht: "Aber es sind auch nicht alle Ausländer schlimm." Ihre Schwester habe Kinder mit einem Afrikaner, ihre Neffen seien die einzigen Ausländer, die es in Tröglitz gebe. "Aber die wissen sich auch zu benehmen, die sind ordentlich", sagt ihr Bruder, ein dicker Junge mit einem schwarzen Pulli, auf dem in weißer Schrift um das Konterfei eines Wehrmachtssoldaten steht: "Landser – Dem Deutschen Volke".

In Tröglitz hat in der Nacht zum Ostersamstag ein Gebäude gebrannt, in das 40 Flüchtlinge hätten ziehen sollen. Bis Redaktionsschluss der ZEIT war noch nicht geklärt, wer den Brand gelegt hat.

Markus Nierth vermutet nicht als Einziger, dass die Brandstifter aus der rechten Ecke kommen. Der ehemalige ehrenamtliche Bürgermeister von Tröglitz sitzt nach den Ostertagen zu Hause auf dem Sofa, raus traut er sich kaum mehr. Seit seinem Rücktritt hat Nierth Morddrohungen erhalten. In einer der letzten E-Mails steht: "Mir hat Hermann Göring persönlich geschrieben, dass ich Sie erschießen soll." Vor Nierths Haus steht die Polizei. Zu seinem Schutz.

"Ich muss mein Herz dicht machen", sagt der ehemalige Bürgermeister

Markus Nierth kennt die Jungen vor der Grundschule, er weiß, dass manche Väter langzeitarbeitslos und Alkoholiker sind, dass die Eltern Sozialhilfe beziehen und sich nach der DDR zurücksehnen, dass ihre Herzen, so drückt Nierth es aus, bislang wenig Liebe erfahren haben.

Seit er 1999 mit seiner Familie in einen ehemaligen Gutshof nach Tröglitz gezogen ist, arbeitet er mit Neonazis und Arbeitslosen, er hat versucht, ihnen liebevoll zu begegnen. Das innere Gerüst dafür gibt ihm sein Glaube. Beistand erfährt er durch ein befreundetes Paar, der Mann ist Pfarrer.

All die Jahre, sagt er, habe er sich gedacht: "Wenn ich allein gegen die Ideologie gehe, nehme ich denen das Einzige, was sie haben." Damit aber ist jetzt Schluss. Nach dem Brand, das hat er sich vorgenommen, wird er keinem Neonazi mehr die Hand geben. "Ich muss mein Herz dicht machen", sagt er, seine Stimme bricht. "Es ist offensichtlich verschwendete Zeit, sich um diese Leute zu kümmern."

Anfang Januar, als bekannt wurde, dass 40 Flüchtlinge nach Tröglitz ziehen sollten, begannen einige Tröglitzer zu protestieren. Schnell übernahm eine lokale NPD-Größe die Organisation, meldete die Proteste als "Spaziergänge" an, immer sonntagabends. Jeweils etwa 100 Menschen protestierten gegen die Flüchtlinge. Auch einige der Jugendlichen vor der Grundschule sind auf den "Spaziergängen" mitmarschiert. Die Stimmung heizte sich immer weiter auf, während der Spaziergänge und auf Facebook, "es wurde immer rassistischer", sagt Nierth. Er hat Infostände aufgebaut, Rundbriefe geschrieben, Fragen beantwortet. Er hat sich darum bemüht, dass Familien kommen, die als Kriegsflüchtlinge eingestuft sind – die einzigen Flüchtlinge, die rechts gesinnte Tröglitzer gedanklich überhaupt zulassen.