DIE ZEIT: Frau Monshausen, haben Sie schon Ihren Sommerurlaub in Tunesien gebucht?

Antje Monshausen: Nein, aber ich kann mir vorstellen, dass einige Leute überlegen, jetzt günstige Angebote zu nutzen.

ZEIT: Nicht alle denken so egoistisch. Auf Twitter posierten Menschen mit Schildern, auf denen "Je suis Bardo" stand: Sie wollen nach dem Anschlag im Nationalmuseum Bardo erst recht Ferien in Tunesien machen. Hat Sie das überrascht?

Monshausen: Es freut mich, dass Menschen darüber nachdenken, wie sie Tourismus als Statement nutzen können. Bislang machten sich vor allem Globalisierungskritiker für politisch bewusstes Reisen stark. Und Tunesien, eher bekannt für strandnahen Bettenburgen-Tourismus, war für diese Gruppe nie interessant.

ZEIT: Funktioniert das denn? Solidarisches Reisen wurde schon nach dem Arabischen Frühling gefordert, nachdem in Tunesien und Ägypten die Tourismuswirtschaft zusammengebrochen war.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

Monshausen: Damals setzte eine schwierige Entwicklung ein. Die Tourismusministerien, die Tourismusbranche, alle riefen zu Reisen auf, um so die Revolution zu unterstützen. Ein Preisdumping setzte ein, um dem Unsicherheitsgefühl vieler Reisender etwas entgegenzusetzen. Doch aus dieser Abwärtsspirale führt kaum ein Weg wieder heraus. Tunesien hat zwar vermehrt kleinteiligere Tourismusstrukturen aufgebaut, aber jetzt suchen viele Reisende wohl wieder das Gegenteil.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Monshausen: Die, die Angst haben, bleiben in ihren Anlagen und verlassen sie nur im klimatisierten Bus für Touren, bei denen bis hin zu Verträgen mit einzelnen Kunsthandwerkern alles zentral organisiert ist. Doch dieser Pauschaltourismus ist nicht gut für das Land. Wer für 199 Euro eine Woche Urlaub bucht, hilft niemandem. Wenn ich solidarisch sein will, dann sollte ich länger bleiben, gut vorbereitet sein, in kleinen Hotels übernachten, mit kleinen Gruppen unterwegs sein: Nur so profitieren mehr Menschen davon.

ZEIT: Mit Reisen zu helfen, das kennt man auch vom Voluntourismus, wo Urlauber bei Hilfsprojekten mit anfassen. Auch diesen Trend sehen Sie kritisch. Wieso?

Monshausen: Es ist toll, wenn Menschen auch im Urlaub hinter die Kulissen schauen wollen. Doch bei den meisten Angeboten geht es nur um die Wünsche des Reisenden; die Interessen der lokalen Bevölkerung werden kaum berücksichtigt. Ohne Vorerfahrung innerhalb von zwei Wochen ein Projekt sinnvoll zu unterstützen ist leider kaum möglich.

ZEIT: Na ja, um Schildkröteneier zu retten, braucht man kaum Berufserfahrung.

Monshausen: Das stimmt, aber gerade weil in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern die Arbeitslosenquote sehr hoch ist, ist es kontraproduktiv, Jobs an zahlende Touristen abzugeben, die auch Menschen vor Ort übernehmen können. Drei Wochen Tunesienurlaub in kleinen Hotels, organisiert über lokale Veranstalter mit vielen Begegnungen, können einen deutlich besseren Effekt haben.