Wenn ein Auto gegen eine Wand fährt und dabei zu Bruch geht, wundert sich niemand. Fährt es hingegen durch die Wand hindurch, ohne auch nur einen Kratzer davonzutragen, geraten wir ins Grübeln: Magie? Optische Täuschung? Star Trek? Kurz zuvor passiert in unserem Gehirn aber noch etwas anderes. Noch bevor wir spekulieren, rätseln und nach einer plausiblen Erklärungen suchen, schießt uns ein Gedanke durch den Kopf, der so intuitiv und kurzlebig ist, dass wir noch nicht einmal ein richtiges Wort dafür haben. Was unsere Neuronen in diesen Millisekunden des Nicht-Verstehens treiben, ist uns gerade einmal zwei Buchstaben wert: Hä?

So banal uns diese Geistesregung vorkommen mag, Psychologen hegen großes Interesse am Hä?-Moment, denn er setzt Wissen voraus. Nur wer die Welt kennt, wird stutzig, wenn sich Ungewöhnliches ereignet. Dass Erwachsene dazu fähig sind, ist kein Wunder, schließlich hatten sie genügend Zeit, sich mit ihrer Umgebung vertraut zu machen. Doch Hirnforscher und Psychologen finden immer mehr Hinweise darauf, dass auch Babys und sogar Säuglinge bei ungewöhnlichen Ereignissen Überraschung empfinden. Schon im Alter von vier Monaten schenken sie irrealen Szenarien mehr Aufmerksamkeit als plausiblen Abläufen. Zeigt man ihnen etwa eine Kugel, die scheinbar durch eine Tischplatte fällt, starren sie diese länger an als Objekte, die erwartungsgemäß auf dem Tisch liegen bleiben. Und spielt man ihnen Sätze mit grammatikalischen Fehlern vor, verändern sich ihre Gehirnströme. Woher wissen sie, was möglich ist und was nicht? Wann entwickelt sich der Sinn für die Normalität?

Diese Fragen beschäftigen Psychologen und Philosophen seit Jahrzehnten. Theorien gibt es zur Genüge, Einigkeit herrscht bis heute nicht. Einige Fachleute vermuten, dass Babys sich allein durch die Erfahrungen, die sie nach ihrer Geburt machen, Wissen über die Welt aneignen. Die Mehrheit der Psychologen bezweifelt aber, dass Babys ganz und gar ahnungslos zur Welt kommen. Die empiristische Weltsicht des Philosophen John Locke, der den kindlichen Geist als unbeschriebenes Blatt Papier begriff, gilt jedenfalls als überholt. Die Harvard-Psychologin Elizabeth Spelke erforscht seit Jahrzehnten die Fähigkeiten von Säuglingen und ist überzeugt: Babys sind von Geburt an mit Wissen über Naturgesetze, mit "core knowledge" , ausgestattet – mindestens aber mit kognitiven "Kategorien", in die sie neue Erfahrungen einordnen und die ihnen das Lernen erleichtern.

Neue Belege für diese Theorie fanden nun zwei Psychologinnen von der John Hopkins Universität in Baltimore, Lisa Feigenson und Aimee Stahl. In einer Reihe von Experimenten konnten sie zeigen, dass Babys bereits im Alter von elf Monaten klare Erwartungen an ihre Umwelt haben – und dass gerade diese Erwartungen eine wichtige Voraussetzung für das Lernen sind. "Core knowledge" sei keine Alternative zum Lernen, sondern der Schlüssel dazu, schreiben die Forscherinnen in der Zeitschrift Science.

Sie spielten rund hundert Babys auf einer kleinen Bühne verschiedene Szenarien vor. Einige bekamen einen Ball zu sehen, der eine Rampe hinunter auf eine Wand zurollte und dann hinter einer Abdeckung verschwand. Als die Forscher die Abdeckung wegnahmen, sahen die Kinder, dass der Ball gegen die Wand geprallt und liegen geblieben war. Die übrigen Babys bekamen den gleichen Ablauf gezeigt, allerdings mit einem anderen Ausgang: Als die Abdeckung entfernt wurde, lag der Ball auf der anderen Seite der Wand – als wäre er durch sie hindurchgebeamt worden. Das schien die Babys stutzig zu machen. Sie starrten noch Sekunden nach dem Ende des Experiments auf den vermeintlichen Zauberball – deutlich länger, als ihre Altersgenossen aus der ersten Gruppe das Objekt begutachtet hatten.

Dann untersuchten die Forscherinnen, ob es einen Zusammenhang zwischen Stutzen und Lernen gibt. Sie schwenkten den Ball auf und ab, während im Raum ein quietschender Laut ertönte. Die Psychologinnen wollten wissen, ob die Babys das Geräusch mit dem Ball verbanden, ob sie also etwas Neues über das Objekt lernten. Deshalb nahmen sie anschließend als Ablenkungsmanöver einen Bauklotz hinzu und bewegten nun beide Spielzeuge zugleich auf und ab. Als erneut das Quietschen ertönte, reagierten einige Babys verwirrt: Ihr Blick hüpfte zwischen Ball und Klotz hin und her, als wären sie unentschlossen, welches der Spielzeuge für das Geräusch verantwortlich war. Nicht aus dem Konzept bringen ließen sich hingegen Babys, die im ersten Experiment das überraschende Szenario gesehen hatten. Sie betrachteten weiterhin den Ball – als hegten sie keinen Zweifel daran, dass er die Quelle des Geräusches sei. Als die Forscherinnen ihnen aber zu Ball und Klotz ein Rasseln vorspielten, blickten auch die Babys, die den Hä?-Moment erlebt hatten, ratlos hin und her. Sie hatten tatsächlich das Quietschen mit dem Ball verknüpft, nicht das Rasseln. Feigenson und Stahl interpretieren das Ergebnis so: Die Babys, die sich über die magischen Fähigkeiten des Balls gewundert hatten, verbanden das Quietschen nachhaltiger mit dem Objekt. "Überraschung scheint das Lernen zu fördern", sagt Feigenson. "Babys lernen effektiver, wenn sich die Lektion um ein Objekt dreht, das zuvor ihre Erwartungen verletzt hat." Staunen wäre also ein kognitiver Stupser zum Lernen – das "Hä?" ein Wegbereiter des "Aha!".