Mehr von dem, was Schulen auszeichnet, würde den Studierenden wie den Lehrenden guttun.

Verschulung – was für ein hässliches Wort. Es hört sich an wie Verschandelung, Verhunzung. Und genauso ist es auch gemeint. Aber warum wird "Verschulung" vor allem an Universitäten als Schimpfwort, ja als Kampfbegriff verwendet – sogar in der Lehrerausbildung? Die Benutzer dieser Vokabel – vornehmlich Kritiker der Bologna-Reform – schreiben damit nahezu unterschiedslos alles, was das Studium ordnet und die Verbindlichkeit für Lehrende wie Studierende erhöht, der Schule zu und kanzeln es als unakademisch ab.

Mehr noch: Das Wort muss herhalten, um in Abgrenzung dazu die Universität als einzig wahre Stätte umfassender Persönlichkeitsbildung zu verteidigen – gegen die Fachhochschulen, die vermeintlich nur ausbilden, statt zu bilden. Aber könnte nicht auch die Universität von den Stärken der Schule lernen? Könnte ein wenig mehr Schule das akademische System nicht verbessern?

Man stelle sich vor: eine Universität, die sich als "Hoch-Schule" versteht, an der Lehre und Studium im Mittelpunkt stehen, deren Professoren sich nicht in erster Linie als Forscher definieren, sondern mindestens ebenso begeistert als Hochschullehrer. Eine Universität, die für jedes Fach Curricula entwickelt, die das Studium zeitlich und inhaltlich sinnvoll ordnen und deren Inhalte von den Lernzielen für die Studenten aus konzipiert werden – und nicht aus der selbstreferentiellen Logik der sich immer stärker ausdifferenzierenden Disziplinen oder der spezialisierten Forschungsansätze der Professoren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 15 vom 9.4.2015.

An so einer Universität würden es Studierende vielleicht selbstverständlich finden, Lehrveranstaltungen vor- und nachzubereiten und auch ohne Anwesenheitskontrolle an den Seminaren teilzunehmen. Weil die Dozenten ihre Studierenden an dieser Universität kennen. Weil die Professoren dieser Universität sich als Verantwortungsgemeinschaft verstehen, von Lehrenden und Lernenden.

Vieles von dem ist an Schulen heute die Regel – an deutschen Universitäten nicht. Und selbst wenn es mehr Hochschulen werden, die sich ein solches Ideal zu eigen machen und sich auch an der Qualität ihrer Lehre messen lassen: Die Widerstände dagegen sind groß.

Dagegen sind vor allem diejenigen, die sich durch die Schaffung von mehr Verbindlichkeit ihrer Freiheiten beraubt sehen und nicht bereit sind, Verantwortung für ein gelingendes Studium zu übernehmen. Man trifft sie unter Lehrenden wie Studierenden, insbesondere in den Geisteswissenschaften, die sich durch den Bologna-Prozess gemaßregelt fühlen. Aber seien wir doch ehrlich: Vor Bologna waren die Studienbedingungen in den Geisteswissenschaften oft verwahrlost, akademische Freiheit zeichnete sich vor allem durch Beliebigkeit aus. Nicht einmal 20 Prozent der Studenten schlossen ihr Magisterstudium im Durchschnitt ab. Sieht so die erstrebenswerte Alternative zu einem verschulten Studium aus? Nirgendwo war eine "Verschulung" so segensreich wie in den Geistes- und Sozialwissenschaften.

Man sollte den Begriff der "Schule" für die akademische Bildung nicht mehr diskreditieren, sondern positiv besetzen. So wie das an amerikanischen Universitäten der Fall ist, an denen die Koryphäen stolz auf ihre Affiliation zu einer "school" of law, medicine oder education sind.

Von Schule zu lernen hieße, Lernfortschritte systematischer als bisher zu analysieren und Didaktik und Curricula entsprechend anzupassen. Seit einigen Jahren bemühen sich Schule und Schulforschung verstärkt darum, herauszufinden, was Schüler wirklich gelernt haben, nicht nur durch punktuelles Prüfen in Klassenarbeiten, sondern nach besseren, objektivierbaren Maßstäben, die sich durch Vergleichsarbeiten oder Lernfortschrittserhebungen ermitteln lassen.

Wo findet man das auch nur in Ansätzen im Studium? Wer weiß, ob die hehren Lehrziele, die sich in wortreichen Modulbeschreibungen niederschlagen, am Ende auch wirklich erreicht sind? Wer weiß, wie und wo Studierende am besten lernen: in der Vorlesung oder im Seminar, in der Übung oder im Labor? Niemand, weil (fast) niemand auch nur diese Frage stellt. Eine Lehr-Lern-Forschung, wie sie die Schulpädagogik seit Jahrzehnten kennt, ist in der Hochschulpädagogik so gut wie unbekannt. Und wenn es sie in den kleinen Abteilungen der Hochschuldidaktik doch einmal gibt, bleiben ihre Erkenntnisse für die Lehre in der Regel folgenlos.