Es war am 12. Januar 2015, als ein Unterschied zwischen den beiden ostdeutschen Großstädten Dresden und Leipzig wieder besonders offensichtlich wurde – an einem Großkampftag an beiden Orten. In Dresden demonstrierten 25.000 Menschen, in Leipzig sogar fast 30.000. Doch während in Dresden die islamkritische Pegida-Bewegung die Massen anzog, waren es in Leipzig die Proteste gegen den örtlichen Ableger Legida, die Zehntausende mobilisierten. Die ungleich schlagkräftigere linke Szene im studentisch geprägten Leipzig trieb die Pegidisten zur Verzweiflung.

Leipzig, so viel ist klar, gehört zu den Antifa-Hochburgen der Republik. Tatsächlich dürfte es, von Hamburg oder Berlin abgesehen, republikweit keine weitere Stadt mit einer so virilen linken Subkultur geben. Wie kommt das?

Die Suche nach einer Erklärung führt weit in den Süden der Stadt, nach Connewitz; in einen Stadtteil mit viel Altbausubstanz, der am Ende der DDR in einem besonders desolaten Zustand war. Zahlreiche Häuser waren nicht viel mehr als Ruinen – weshalb sich in den Wendewirren rasch eine riesige Hausbesetzerszene entwickelte.

Man kann zum Beispiel mit dem grünen Leipziger Urgestein Michael Weichert darüber sprechen. Der 61-Jährige, bis 2014 Abgeordneter in Sachsens Landtag, steht nicht im Verdacht, ein Linksaußen zu sein. "Zu Beginn der 1990er Jahre hat sich in Connewitz ein Milieu gebildet, das zu diesem damals extrem heruntergekommenen Stadtteil passte: Es kamen Leute, die billig oder kostenlos Häuser und Wohnungen übernahmen, es gab die ersten Drogenexperimente und, so weit ich weiß, auch die ersten Drogentoten auf dem Gebiet der untergegangenen DDR", sagt Weichert. Die Szene, die sich in Connewitz festsetzte, "die neigte dazu, ein bisschen ideologisch, dogmatisch, radikal links zu sein", sagt Weichert. "Ihr Humus, das war die Sehnsucht nach Party, Rausch und Weltfrieden."

In der Chronik des Jugendclubs Conne Island, bis heute ein Zentrum des linksalternativen Milieus, ist nachzulesen, wie sich die Szene von hier aus über den gesamten Leipziger Süden ausgebreitet hat: Ende 1989 seien Nazis in der Stadt "immer aggressiver und offener" aufgetreten, mehr und mehr habe man deshalb "Antifaschistische und antirassistische Aktionen" gestartet. 1992, als in Rostock-Lichtenhagen und Mölln Asylbewerberheime brannten, gab es in Leipzig handfeste Konfrontationen zwischen demonstrierenden Neonazis und Gegnern. Der Kulturkampf dürfte auch die Linken radikalisiert haben. Für 1994 vermerkt die Chronik: "Nazisituation ändert sich kaum, jedoch verstärkte Gegenwehr".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 16 vom 16.4.2015.

Dabei begründet sich die Connewitzer Szene auf Traditionen, die schon in der Wendezeit entstanden, sagt der Journalist Björn Achenbach, der dann in den neunziger Jahren Chefredakteur des Stadtmagazins Kreuzer wurde und inzwischen in Hannover lebt. "Ich erinnere mich noch, dass es auch schon gegen die Montagsdemos von 1989 linke Gegendemos gab, weil sie manchen Linken nach dem 9. Oktober zu nationalistisch waren. Ich bin selbst einmal bei so einem Gegenprotest mitgelaufen."

Endgültig zur Hochburg der Antifa dürfte Leipzig sich von 1998 an entwickelt haben. Der Neonazi Christian Worch begann hier damals, in kurzen Abständen Demos anzumelden, in den Jahren darauf folgten ihm nicht selten Tausende Rechtsextremisten. Die Gegenproteste wurden von Jahr zu Jahr mächtiger, 2007 gab Worch seine Leipziger Aufmärsche ein für alle Mal auf. Connewitz indes ist ein Zentrum der linksalternativen Szene geblieben, sogar ein antirassistischer Fußballverein wurde 1999 im Conne Island gegründet: Roter Stern Leipzig hat heute Hunderte Mitglieder.

Dass das, was links und alternativ aussieht, nicht immer nur wildromantisch ist, beweist Connewitz aber auch. Gegen die Gentrifizierung wehrt der Stadtteil sich auf die harte Tour: Immer wieder werden Häuser beschmiert, Autos demoliert, sogar angezündet. Regelmäßig, vor allem in der Silvesternacht, toben Kämpfe zwischen Autonomen und der Polizei. Zuletzt eskalierten die Auseinandersetzungen um die neu eröffnete Polizeiwache; mit Pflastersteinen, Feuerwerkskörpern und Farbbeuteln attackierten Vermummte das Revier: Von "blindem Hass und nackter Gewalt" sprach die Polizei, der "Auswuchs von Gewalt" in Connewitz sei nicht hinnehmbar, sagte Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU). Der Stadtteil ist für Leipzig Segen und Fluch zugleich.