Der Tag, an dem ein deutscher Gesetzestext das Leben von Leonardo Petrovic für immer verändert, beginnt in einem weiß gefliesten Raum mit drei Stockbetten aus Stahl. Es ist der 19. Dezember 2011, ein eisiger Montagmorgen, gegen sieben Uhr. In Zimmer 520c des Asylbewerberheims in der fränkischen Kleinstadt Zirndorf klettert Klaudija Petrovic aus ihrem Bett, um nach Leonardo zu sehen, ihrem 15 Monate alten Sohn.

Sie legt ihn an die Brust, um ihn zu stillen, doch Leonardo nuckelt nicht. Sie streicht ihm über den Kopf, fühlt seine heiße Stirn, aber er rührt sich kaum. Dann sieht sie im Dämmerlicht des Wintermorgens die Flecken: kleine dunkle Punkte auf Leonardos Wangen. Sie dreht den Jungen um, lockert die Windel. Überall Flecken. An den Armen, den Beinen, am Bauch.

Klaudija Petrovic wickelt Leonardo in eine Decke und bittet eine Zimmernachbarin, ihren Ehemann Jovica zu holen, der in einem anderen Gebäude wohnt. Gemeinsam eilen die jungen Eltern nach draußen, über den Hof, zum Ausgang des Flüchtlingsheims. Klaudija Petrovic hat vergessen, sich eine Jacke anzuziehen, aber sie spürt die Kälte kaum. Sie fürchtet um das Leben ihres Kindes.

Etwa zur selben Zeit rollt Waldemar Lenk* in seinem Kleinwagen auf das Gelände des Flüchtlingsheims. Lenk, ein älterer Herr mit Glatze, trägt eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, bedruckt mit weißen Buchstaben: Security. Seit 13 Jahren arbeitet Lenk als Wachmann im Zirndorfer Flüchtlingsheim. Er füllt Aufnahmescheine aus, verteilt Bettwäsche, Essenspakete, Besteck. Wenn Heimbewohner sich prügeln, ruft er die Polizei. Muss ein Flüchtling zum Arzt und kann nicht mehr gehen, ruft er ein Taxi, in dringenden Fällen einen Krankenwagen. Das gehört zu seinen Aufgaben.

Lenk setzt sich ins Pförtnerhäuschen, begrüßt den Kollegen, mit dem er sich die Frühschicht teilt, und die Verwaltungsangestellte, die im Nebenraum sitzt. Am Fenster, durch das Lenk auf den Hof des Flüchtlingsheims schaut, klebt ein Schild mit einer durchgestrichenen Faust. "Do not knock" steht darauf – nicht klopfen.

Ein Mann und eine Frau kommen über den Hof gerannt, kleine Atemwolken ausstoßend. Die Frau presst ein Bündel gegen ihre Brust. Ein Kind, in eine Decke gewickelt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

"Einen Notarzt, bitte, schnell!" Vielleicht sind das die Worte, die Jovica Petrovic damals ruft. Zweifelsfrei lässt sich das nicht mehr rekonstruieren. Auch wie nah er mit seiner Frau am Fenster des Pförtnerhäuschens steht, wird wohl immer unklar bleiben. Sicher ist: Jovica Petrovic spricht gut genug Deutsch, um sich zu verständigen. Sicher ist auch: Der kleine Leonardo schwebt zu diesem Zeitpunkt bereits in Lebensgefahr. So wird es später in den Gerichtsakten stehen. Er wimmert, die Flecken auf seinem Körper sind größer geworden, im Gesicht und an den Armen haben sich große schwarze Male gebildet.

Und auch das ist sicher: Auf die Bitte nach einem Rettungswagen antwortet die Verwaltungsangestellte des Flüchtlingsheims mit einer Frage. Sie fragt nach einem Krankenschein. In Deutschland brauchen Asylbewerber eine Genehmigung, um zum Arzt zu gehen, sie bestätigt, dass der deutsche Staat die Kosten der Behandlung trägt. Nur im Notfall darf auch ohne Krankenschein ein Rettungswagen gerufen werden. Einen Notfall aber erkennen die beiden Wachmänner und die Verwaltungsangestellte an diesem Dezembermorgen nicht.

Jovica Petrovic rennt zurück über den Hof, zum Verwaltungstrakt, in dem die Zirndorfer Sozialbehörde an einem Schalter Krankenscheine vergibt. Nur aus Zufall ist der Schalter so früh am Morgen schon besetzt. Gegen 7.30 Uhr kommt Jovica Petrovic mit dem Schein zurück zum Pförtnerhäuschen. Noch einmal bittet er um einen Rettungswagen. Die Wachleute bleiben dabei: Sie rufen keinen. Sie rufen auch kein Taxi. Stattdessen gibt die Verwaltungsangestellte den Petrovics einen Stadtplan, auf dem die nächste Kinderarztpraxis markiert ist. Knapp zwei Kilometer ist sie entfernt, zu Fuß etwa 20 Minuten, bei schnellem Schritt.

Waldemar Lenk sieht, wie die Petrovics durch die vergitterte Drehtür huschen, wie sie in Richtung Straße laufen. Das Gesicht des Kindes schimmert schwarz und rot. "Ich dachte, der Junge hat Fieber", wird Lenk später sagen.

Das Flüchtlingsheim in Zirndorf, eine ehemalige Kaserne, liegt am Rand eines Gewerbegebiets. Hinter hohen Mauern reihen sich graue Häuserblocks und beige Wohncontainer, 680 Betten gibt es offiziell. Manchmal leben hier mehr als 1.000 Menschen. Das Heim ist ein Durchgangslager, in dem neu angekommene Flüchtlinge wohnen, ehe sie auf kleinere Unterkünfte verteilt werden. Die Petrovics kommen am 8. Dezember 2011 in Zirndorf an, keine zwei Wochen vor jenem Morgen, an dem sie in Panik zum Kinderarzt eilen.