Der Tag, an dem ein deutscher Gesetzestext das Leben von Leonardo Petrovic für immer verändert, beginnt in einem weiß gefliesten Raum mit drei Stockbetten aus Stahl. Es ist der 19. Dezember 2011, ein eisiger Montagmorgen, gegen sieben Uhr. In Zimmer 520c des Asylbewerberheims in der fränkischen Kleinstadt Zirndorf klettert Klaudija Petrovic aus ihrem Bett, um nach Leonardo zu sehen, ihrem 15 Monate alten Sohn.

Sie legt ihn an die Brust, um ihn zu stillen, doch Leonardo nuckelt nicht. Sie streicht ihm über den Kopf, fühlt seine heiße Stirn, aber er rührt sich kaum. Dann sieht sie im Dämmerlicht des Wintermorgens die Flecken: kleine dunkle Punkte auf Leonardos Wangen. Sie dreht den Jungen um, lockert die Windel. Überall Flecken. An den Armen, den Beinen, am Bauch.

Klaudija Petrovic wickelt Leonardo in eine Decke und bittet eine Zimmernachbarin, ihren Ehemann Jovica zu holen, der in einem anderen Gebäude wohnt. Gemeinsam eilen die jungen Eltern nach draußen, über den Hof, zum Ausgang des Flüchtlingsheims. Klaudija Petrovic hat vergessen, sich eine Jacke anzuziehen, aber sie spürt die Kälte kaum. Sie fürchtet um das Leben ihres Kindes.

Etwa zur selben Zeit rollt Waldemar Lenk* in seinem Kleinwagen auf das Gelände des Flüchtlingsheims. Lenk, ein älterer Herr mit Glatze, trägt eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, bedruckt mit weißen Buchstaben: Security. Seit 13 Jahren arbeitet Lenk als Wachmann im Zirndorfer Flüchtlingsheim. Er füllt Aufnahmescheine aus, verteilt Bettwäsche, Essenspakete, Besteck. Wenn Heimbewohner sich prügeln, ruft er die Polizei. Muss ein Flüchtling zum Arzt und kann nicht mehr gehen, ruft er ein Taxi, in dringenden Fällen einen Krankenwagen. Das gehört zu seinen Aufgaben.

Lenk setzt sich ins Pförtnerhäuschen, begrüßt den Kollegen, mit dem er sich die Frühschicht teilt, und die Verwaltungsangestellte, die im Nebenraum sitzt. Am Fenster, durch das Lenk auf den Hof des Flüchtlingsheims schaut, klebt ein Schild mit einer durchgestrichenen Faust. "Do not knock" steht darauf – nicht klopfen.

Ein Mann und eine Frau kommen über den Hof gerannt, kleine Atemwolken ausstoßend. Die Frau presst ein Bündel gegen ihre Brust. Ein Kind, in eine Decke gewickelt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

"Einen Notarzt, bitte, schnell!" Vielleicht sind das die Worte, die Jovica Petrovic damals ruft. Zweifelsfrei lässt sich das nicht mehr rekonstruieren. Auch wie nah er mit seiner Frau am Fenster des Pförtnerhäuschens steht, wird wohl immer unklar bleiben. Sicher ist: Jovica Petrovic spricht gut genug Deutsch, um sich zu verständigen. Sicher ist auch: Der kleine Leonardo schwebt zu diesem Zeitpunkt bereits in Lebensgefahr. So wird es später in den Gerichtsakten stehen. Er wimmert, die Flecken auf seinem Körper sind größer geworden, im Gesicht und an den Armen haben sich große schwarze Male gebildet.

Und auch das ist sicher: Auf die Bitte nach einem Rettungswagen antwortet die Verwaltungsangestellte des Flüchtlingsheims mit einer Frage. Sie fragt nach einem Krankenschein. In Deutschland brauchen Asylbewerber eine Genehmigung, um zum Arzt zu gehen, sie bestätigt, dass der deutsche Staat die Kosten der Behandlung trägt. Nur im Notfall darf auch ohne Krankenschein ein Rettungswagen gerufen werden. Einen Notfall aber erkennen die beiden Wachmänner und die Verwaltungsangestellte an diesem Dezembermorgen nicht.

Jovica Petrovic rennt zurück über den Hof, zum Verwaltungstrakt, in dem die Zirndorfer Sozialbehörde an einem Schalter Krankenscheine vergibt. Nur aus Zufall ist der Schalter so früh am Morgen schon besetzt. Gegen 7.30 Uhr kommt Jovica Petrovic mit dem Schein zurück zum Pförtnerhäuschen. Noch einmal bittet er um einen Rettungswagen. Die Wachleute bleiben dabei: Sie rufen keinen. Sie rufen auch kein Taxi. Stattdessen gibt die Verwaltungsangestellte den Petrovics einen Stadtplan, auf dem die nächste Kinderarztpraxis markiert ist. Knapp zwei Kilometer ist sie entfernt, zu Fuß etwa 20 Minuten, bei schnellem Schritt.

Waldemar Lenk sieht, wie die Petrovics durch die vergitterte Drehtür huschen, wie sie in Richtung Straße laufen. Das Gesicht des Kindes schimmert schwarz und rot. "Ich dachte, der Junge hat Fieber", wird Lenk später sagen.

Das Flüchtlingsheim in Zirndorf, eine ehemalige Kaserne, liegt am Rand eines Gewerbegebiets. Hinter hohen Mauern reihen sich graue Häuserblocks und beige Wohncontainer, 680 Betten gibt es offiziell. Manchmal leben hier mehr als 1.000 Menschen. Das Heim ist ein Durchgangslager, in dem neu angekommene Flüchtlinge wohnen, ehe sie auf kleinere Unterkünfte verteilt werden. Die Petrovics kommen am 8. Dezember 2011 in Zirndorf an, keine zwei Wochen vor jenem Morgen, an dem sie in Panik zum Kinderarzt eilen.

Die Krankheit nimmt einen dramatischen Verlauf

Man kann die Menschen in Zirndorf in zwei Gruppen einteilen. Die erste Gruppe hat recht gute Chancen, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Zu ihr gehören Iraker, Afghanen, Syrer. Die anderen, vor allem Osteuropäer, werden früher oder später zurückgeschickt. Die Petrovics gehören zur zweiten Gruppe. Sie kommen aus einem Dorf im Norden von Serbien. Zu Hause haben sie sich dort nicht gefühlt. Die Petrovics sind Roma. "In Serbien haben Roma keine Chance", sagt Jovica Petrovic. "Du wirst schlechter bezahlt, du giltst als Lügner, deine Kinder können nicht zur Schule gehen."

Jovica Petrovic weiß, dass Roma auch in Deutschland keinen guten Ruf genießen. Er kennt die Fernsehreportagen aus Duisburg-Rheinhausen und Berlin-Neukölln, in denen Menschen mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen in zugemüllten Hinterhöfen hocken. "Das Beste ist bei uns: Wir sind keine klassischen Roma", sagt Jovica Petrovic. "Ich hab mir immer Arbeit gesucht. Viele merken nicht direkt, dass wir Roma sind."

In Serbien hat Jovica Petrovic als Anstreicher auf dem Bau gearbeitet. Aber sein Chef habe ihn monatelang um den Lohn betrogen, sagt er. Petrovic hat Schweine verkauft, ist Taxi gefahren. Genug Geld für die Familie hat er nicht verdient. Heute sagt Jovica Petrovic, er habe damals, im Winter 2011, vor allem an seine Söhne gedacht. Sie sollen zur Schule gehen, sie sollen es besser haben. Also machen sich die Petrovics mit Leonardo auf den Weg nach Deutschland. Seinen dreijährigen Bruder Marsel lassen sie in Serbien zurück. Er soll bei den Großeltern bleiben, bis der Vater in Deutschland eine Arbeit gefunden hat.

In Zirndorf werden die Petrovics getrennt: Jovica kommt in den Männerblock, Klaudija zieht mit Leonardo in den Frauentrakt. Am Vorabend des 19. Dezember 2011 bekommt Leonardo Fieber. Klaudija Petrovic gibt ihm ein Zäpfchen. Sie tränkt ein Paar Socken mit Wasser und legt sie als kühle Wickel um Leonardos Waden. Das Fieber bleibt. Der Vater bittet an der Pforte um Hilfe. Zwei Stunden später kommt der Bereitschaftsarzt. Flüchtig untersucht er den Jungen. Er misst kein Fieber, keinen Blutdruck, keinen Puls. Er verschreibt das Schmerzmittel Paracetamol, dann fährt er wieder nach Hause.

Was aussieht wie eine harmlose Kinderkrankheit, ist in Wahrheit eine lebensbedrohliche Infektion. Die Ärzte werden später Meningokokken in Leonardos Blut finden, Bakterien, die durch winzige Speicheltröpfchen von Mensch zu Mensch übertragen werden. Wo genau sich der Junge angesteckt hat, weiß niemand, das Flüchtlingsheim ist eng und voll. Sicher ist: Leonardo hat eine Hirnhautentzündung.

Die Krankheit nimmt einen dramatischen Verlauf. Waterhouse-Friderichsen-Syndrom nennen Mediziner das, was am Morgen des 19. Dezember in Leonardos Körper passiert: Die Nebennieren versagen, Gerinnsel blockieren die Sauerstoffzufuhr in die Zellen, Blut versickert im Gewebe. Unter der Haut schimmert es erst rot, dann schwarz – das sind die Flecken, die Klaudija Petrovic am Körper ihres Sohns entdeckt. Leonardos Blutdruck fällt, ganze Gewebepartien sterben ab. Wer in diesem Zustand nicht sofort behandelt wird, stirbt innerhalb weniger Stunden.

Den Stadtplan in der Hand, hetzen die Petrovics einen schmalen Gehweg entlang. Autos rauschen vorbei, in den Vorgärten, hinter Backsteinmauern und überwucherten Zäunen, wehen die Fahnen des FC Bayern München und der Spielvereinigung Greuther Fürth. In der Ferne leuchtet der gelbe Doppelbogen von McDonald’s.

Kurz vor der ersten Ampelkreuzung hält ein Auto neben den Petrovics. Der Fahrer, ein Architekt aus dem nahe gelegenen Cadolzburg, fragt, ob er helfen könne. Ihm ist die orangefarbene Decke aufgefallen, in der Leonardo steckt. Jovica Petrovic zeigt den Stadtplan und das kranke Kind. Der Architekt fährt die Familie zum Arzt.

Heute sagt Jovica Petrovic: "Dieser Mann hat Leonardo das Leben gerettet."

Der Architekt wird später als Zeuge vor Gericht geladen. Er wird gefragt, ob man Leonardos schlechten Zustand an jenem Morgen habe erkennen können. Seine Antwort: "Das Kind hatte einen augenscheinlichen schwarzen Fleck im Gesicht, hat gewimmert und konnte kaum den Kopf hochhalten. Mir war klar, dass schnellstmöglich Hilfe hermüsste."

Waldemar Lenk sagt später über jenen Morgen am Pförtnerhäuschen, die Petrovics hätten zu weit von ihm weg gestanden, er habe die Flecken auf Leonardos Haut nicht erkennen können, den herunterhängenden Kopf, die Angst in den Augen der Eltern. Er sagt, es tue ihm leid.

Um 8.38 Uhr erreichen die Petrovics die Kinderarztpraxis. Die Ärztin lässt einen Notarzt rufen, sie legt dem Jungen eine Infusion, Klaudija und Jovica Petrovic halten die Flasche. Um 8.45 Uhr kommt der Krankenwagen. Mit Blaulicht und Martinshorn bringt er Leonardo in die Notaufnahme der Kinderklinik Fürth.

Unterwegs bricht Leonardos Kreislauf zusammen, die Ärzte in der Klinik können ihn nicht mehr wecken. Sie legen ihm einen Beatmungsschlauch, verabreichen Adrenalin und Penicillin. Vor Gericht werden später Fotos aus der Notaufnahme gezeigt: Aufgedunsen sieht Leonardo aus, aus seiner Nase hängen Schläuche, einzelne Partien seiner Wangen, Hände und Füße sind vollkommen schwarz. "Multiple Nekrosen" steht später in den Akten. Noch vor dem Mittag bittet eine Ärztin Klaudija und Jovica Petrovic auf die Intensivstation. Sie möchte, dass die Eltern ihr Kind noch einmal sehen, bevor es stirbt.

Leonardo überlebt, gegen alle Prognosen. Nach 15 Tagen holen ihn die Ärzte aus dem künstlichen Koma und verlegen ihn nach München. Die Spezialisten dort operieren ihn mehr als 20 Mal. Sie transplantieren Muskeln und Haut, sie amputieren Finger und Zehen, sie zwängen den kleinen, vernarbten Körper in Kompressionsanzüge, damit er besser heilt. Sie versuchen fertigzubringen, was sich die Mediziner in Fürth nicht mehr zugetraut haben: Leonardos Arme und Beine zu retten.

Im März 2012 erstattet der Bayerische Flüchtlingsrat, eine Organisation, die Asylbewerber unterstützt, Strafanzeige. Leonardo ist da noch immer im Krankenhaus. Zwei Jahre später, im April 2014, beginnt vor dem Amtsgericht Fürth der Prozess. Auf der Anklagebank sitzen: der Bereitschaftsarzt, der vergaß, bei Leonardo Fieber und Blutdruck zu messen. Die Verwaltungsangestellte, die die Petrovics zu Fuß zum Kinderarzt schickte. Waldemar Lenk und der andere Wachmann, die keinen Notarzt riefen.

Am 15. April 2014 fällt das Urteil. Freispruch für den Bereitschaftsarzt. Geldstrafen für die beiden Wachmänner und die Verwaltungsangestellte. Das Gericht befindet, Waldemar Lenk habe "herzlos" gehandelt. Er wird verurteilt wegen "fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen": 60 Tagessätze zu je 45 Euro, insgesamt 2.700 Euro.

Der Fall Leonardo geht durch die Presse. Kind fast gestorben, titeln die Nürnberger Nachrichten. Der Flüchtlings-Bub, dem niemand helfen wollte, schreibt die Münchner Abendzeitung. Die bayerische Sozialministerin Emilia Müller von der CSU sagt, es handele sich um "ein bedauerliches Fehlverhalten im Einzelfall".

Sieht man sich die Zeugenaussagen des Prozesses in Fürth genauer an, trägt man zusammen, was sich in den vergangenen Jahren in anderen deutschen Flüchtlingsheimen ereignet hat, dann gerät die Einschätzung der bayerischen Sozialministerin ins Wanken. Dann sieht es aus, als sei das Schicksal von Leonardo Petrovic kein bedauerlicher Einzelfall. Sondern die logische Folge eines deutschen Gesetzestexts. Eines einzelnen Paragrafen.

Ein neuer Begriff im Wortschatz der Deutschen: Asylmissbrauch

Die Geschichte dieses Paragrafen beginnt Anfang der neunziger Jahre. Das Flüchtlingslager in Zirndorf ist damals völlig überfüllt, auf ein Bett kommen zwei Bewohner, im Hof werden Notzelte aufgebaut. Es ist die Zeit des Balkankriegs, Hunderttausende Bosnier, Serben und Kroaten fliehen nach Deutschland. Es ist die Zeit, in der in Hoyerswerda und Rostock die Flüchtlingsheime brennen und die rechtsradikalen Republikaner bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg fast elf Prozent der Stimmen erzielen. Die Zeit, in der ein neuer Begriff im Wortschatz der Deutschen auftaucht: Asylmissbrauch. Journalisten berichten von Flüchtlingen, die sich mehr als zehn Identitäten zulegen, um die monatliche Sozialhilfe gleich mehrfach zu kassieren, Politiker warnen vor Menschen, die nicht vor Krieg und Elend fliehen, sondern nach Deutschland kommen, um sich die Zähne richten zu lassen. Unglaublich, was Asylanten so alles kriegen, schreibt die Bild-Zeitung.

Ende 1992 verabschiedet der Bundestag mit den Stimmen von Union, FDP und SPD das Asylbewerberleistungsgesetz. Am 1. November 1993 tritt es in Kraft.

Das Bundesverfassungsgericht wird später schreiben, das Gesetz sei dazu gedacht, "Anreize für Wanderungsbewegungen durch ein im internationalen Vergleich eventuell hohes Leistungsniveau zu vermeiden". Anders gesagt: Das neue Gesetz soll Flüchtlinge nicht anlocken, sondern abschrecken. Teil dieser Strategie ist Paragraf 4: "Leistungen bei Krankheit, Schwangerschaft und Geburt". Er bestimmt, was passiert, wenn ein Asylbewerber krank wird: Der Flüchtling darf behandelt werden, aber bloß bei "akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen". Zahnersatz bekommt er nur, "soweit dies im Einzelfall aus medizinischen Gründen unaufschiebbar ist", bei vielen chronischen Leiden darf er in der Regel gar nicht zum Arzt.

Die Frage ist: Was genau sind "akute Erkrankungen und Schmerzzustände"? Was ist ein ernsthaftes Problem und was eine Lappalie? Im Gesetz steht dazu nichts. Der Staat wälzt die Entscheidung ab, oft nicht auf Ärzte, sondern auf medizinische Laien: auf die Beamten, die in den Sozialbehörden die Krankenscheine ausstellen. Auf die Wachmänner, die an den Pforten der Flüchtlingsheime sitzen. Auf Männer wie Waldemar Lenk.

An einem Frühlingstag 2015 sitzt Lenk in einer Nürnberger Anwaltskanzlei. Es hat Wochen gedauert, bis er zugesagt hat, mit der ZEIT zu sprechen. Zu einem Treffen ist er nur im Beisein seines Anwalts bereit. Lenk, der vom Gericht als Schuldiger identifiziert wurde, fühlt sich zu Unrecht verurteilt, unverstanden. Vielleicht fühlt er sich auch als Opfer. Als Opfer einer Asylpolitik, die mitunter nicht nur Flüchtlinge in Bedrängnis bringt, sondern auch jene, die sich um sie kümmern sollen.

Waldemar Lenk hat an jenem Dezembermorgen im Zirndorfer Pförtnerhäuschen gewissermaßen die Bundesrepublik Deutschland vertreten. Er ist aber kein Beamter. Er ist nicht einmal Angestellter des deutschen Staates. Lenk arbeitet für das private Unternehmen Siba Security Service GmbH, das im Auftrag des Regierungsbezirks Mittelfranken die Bewachung des Flüchtlingsheims übernimmt.

Unter der Woche ist hin und wieder ein Arzt in der Zirndorfer Unterkunft, er kann im Notfall helfen. Spätabends aber, nachts und am frühen Morgen, an Wochenenden und Feiertagen sind die Wachleute an der Pforte für die Gesundheit der Flüchtlinge verantwortlich. Sie müssen Erste Hilfe leisten und in Notfällen einen Krankenwagen rufen. So steht es in der Dienstanweisung der Firma Siba Security, die auch Waldemar Lenk unterschrieben hat.

Waldemar Lenk hat mit den Petrovics etwas gemein: Er ist nicht in Deutschland geboren. Lenk stammt aus Kasachstan. Im Jahr 1993, als das Asylbewerberleistungsgesetz in Kraft trat, kam Lenk als Spätaussiedler mit seiner Frau in die Bundesrepublik, er war damals 47 Jahre alt. Seine ersten Tage in Deutschland verbrachte er in einem Aufnahmelager, das dem in Zirndorf ähnelte. Lange Flure, enge Zimmer, schmutzige Klos.

In Kasachstan hat Lenk in einem Erzbergwerk gearbeitet, er ist studierter Bergbauingenieur. "Ich war so was wie ein kleiner Chef", sagt er, in einer Mischung aus russischem Akzent und fränkischem Dialekt. Im Bergbau fand Lenk in Deutschland keine Arbeit, also wurde er Wachmann.

Waldemar Lenk hat bei seiner Arbeit in Zirndorf Tausende Asylbewerber gesehen. Manche bekamen vor seinen Augen einen Herzinfarkt und starben. Um andere sorgte er sich, obwohl ihnen gar nichts fehlte. "Viele Leute kommen zur Pforte und rufen: Ambulanz, Ambulanz!", sagt er. Er dreht den ausgestreckten Zeigefinger in der Luft und macht das Kreisen des Blaulichts nach. "Ich frage dann: Was fehlt Ihnen? Und dann sagen die Leute: Husten." Als Leonardos Fall in Fürth verhandelt wurde, lud das Gericht auch einen Mitarbeiter der Zirndorfer Sozialbehörde als Zeugen. Er sagte: "Manche Leute verlangen bei Pickeln einen Notarzt."

Wenn Lenk einen Rettungswagen rief, obwohl niemand in Lebensgefahr war, bekam er danach oft den Ärger des Notarztes zu spüren. Rief Lenk ein Taxi, und später stellte sich heraus, dass die Kranken hätten laufen können, schimpften seine Chefs über die teuren Rechnungen. "Die haben mir gesagt, wir sollen sparsam sein", sagt Lenk.

Auch der Vorgesetzte von Lenk bei Siba Security wurde bei der Gerichtsverhandlung befragt. Er sagte, dass es wegen der Taxischeine Druck von den Behörden gebe. Die Wachleute seien angehalten, damit zu geizen. "Das ist eine Vorgabe vom Sozialamt."

Die Behörden in Zirndorf bestreiten das. "Es wird kein Druck von oben ausgeübt", sagt ein Sprecher des Landrats. "Die Verwaltung vollzieht ordnungsgemäß das Asylbewerberleistungsgesetz."

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass in Zirndorf regelmäßig Menschen zu Fuß zum Arzt geschickt werden, obwohl sie zu krank zum Laufen sind. Schwerkranke, bei denen es um Minuten geht, bekommen keinen Rettungswagen, sondern lediglich ein Taxi. Claus Fink, ein Taxifahrer aus dem nahe gelegenen Oberasbach, sagt: "Manchmal sollen wir Menschen in die Klinik fahren, die eigentlich einen Notarzt bräuchten." Er erzählt von einem Flüchtling, der schon bei der Abfahrt in Zirndorf kaum ansprechbar gewesen sei und nicht mehr habe sitzen können. Auf der Rückbank des Taxis sei der Mann bewusstlos geworden. Der Taxifahrer Fink hat dann selbst einen Notarzt gerufen. "Wir sind halt billiger", sagt er. Eine Taxifahrt von Zirndorf zum nächsten Krankenhaus kostet etwa 25 Euro, ein Rettungswageneinsatz mehrere Hundert Euro.

Es gibt in Deutschland viele Menschen, die sich um Flüchtlinge kümmern. Sie spenden Spielzeug und Kleider, helfen bei Behördengängen. Es gibt Lehrer, die in Asylbewerberheimen Deutschkurse halten. Es gibt Ärzte, die Flüchtlinge auch ohne Krankenschein behandeln. Man kann sich freuen über den guten Willen. Man kann darin aber auch ein Versagen der Behörden erkennen, Asylbewerbern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Sie lassen andere die Verantwortung übernehmen. Die Nachbarn der Flüchtlingsheime, die Lehrer, die Ärzte. Und eben Wachmänner wie Waldemar Lenk.

Paragraf 4 macht medizinische Laien zu Entscheidern über Leben und Tod

Je länger das Gespräch mit Lenk dauert, desto schwerer fällt es, in ihm nur den Täter zu sehen, den herzlosen Mann, den das Schicksal eines kleinen Jungen nicht rührt. Es scheint dann, als habe nicht nur der Wachmann Waldemar Lenk versagt, sondern auch das deutsche Asylsystem. Lenk guckt fragend, er legt die kahle Stirn in Falten. "Ich bin kein Arzt", sagt er. "Woher soll ich wissen, was richtig ist?"

Paragraf 4 macht medizinische Laien wie Waldemar Lenk zu Entscheidern über Leben und Tod. Leonardo Petrovic hat diesen Paragrafen knapp überlebt. Andere Flüchtlinge starben.

Im thüringischen Altenburg kommt im Juli 1998 der Kurde Haydar F. ums Leben. Der Wachschutz des Flüchtlingsheims hatte sich geweigert, Hilfe zu holen.

In einem Krankenhaus in Essen stirbt im Januar 2004 der 23-jährige Mohamed S. aus Guinea. Der Hausmeister des Flüchtlingsheims hatte ihm trotz starker Schmerzen keinen Notarzt gerufen. Ein Mitbewohner musste den Kranken auf Schultern zur Klinik schleppen.

Im sächsischen Plauen erliegt im Februar 2014 der 43-jährige Libyer Ahmed J. einer Lungenembolie. Seine Mitbewohner hatten den Wachmann des Heims um einen Krankenwagen gebeten. Der soll sich geweigert haben, den Rettungsdienst zu rufen.

Dies ist nur eine Auswahl der Todesfälle, die in den vergangenen Jahren bekannt wurden, dokumentiert vom Berliner Flüchtlingsrat. Andere Asylbewerber sind an den Bestimmungen des Paragrafen 4 zwar nicht gestorben, leiden aber unter ihm. Weil sie nicht laufen können, aber keine Krücken bekommen. Weil sie verfaulte Zähne haben, aber nicht zum Zahnarzt dürfen. Weil sie inkontinent sind, aber niemand ihre Windeln zahlt.

Im Dezember 2011, zur selben Zeit, in der Leonardo in Zirndorf erkrankt, stößt ein SPD-Landtagsabgeordneter aus Thüringen, ein Arzt aus Erfurt, auf den Paragrafen 4. Er erfährt, dass Asylbewerbern Backenzähne gezogen werden, obwohl man sie hätte behandeln können. Der Abgeordnete erstattet Strafanzeige, gegen unbekannt. Gegen den Paragrafen kann er nichts tun.

Leonardo Petrovic ist heute vier Jahre alt. An einem Sonntag im Februar tollt er durch eine kleine Wohnung in München-Sendling, einem ruhigen Viertel nahe der Isar. Mit seinem älteren Bruder Marsel, der mittlerweile in Deutschland lebt, singt er Kling, Glöckchen, klingelingeling und Wer hat Angst vor Dracula?. Die beiden Jungen kitzeln und jagen sich. Marsel rennt. Leonardo humpelt. Er trägt einen Jogginganzug, seine Füße stecken in weiß-blauen Ringelsocken. Der rechte Fuß ist merkwürdig abgeknickt, das Sprunggelenk ist steif. Bis heute kann Leonardo keine Treppen steigen.

Auf dem Fußboden liegt ein Spielteppich mit aufgedruckten Häusern und Straßen. Leonardo schiebt ein rotes Matchbox-Auto durch die Teppichstadt und macht ein Geräusch, als würden Reifen quietschen. "Guck mal!", ruft er und hebt das Auto in die Höhe. Sein Ringfinger ist amputiert, am Zeigefinger fehlt das letzte Glied. Die Haut an seiner linken Wange ist faltig wie Krepppapier, als hätte man sie zusammengerafft. Dort, wo damals die Nekrosen waren, sind heute großflächige Narben.

Jeden Tag cremen die Eltern ihren Sohn zweimal mit Silikonsalbe ein, die seine Narben glätten soll. Hätte der Wachmann Waldemar Lenk an jenem Dezembermorgen in Zirndorf einen Krankenwagen gerufen, hätten nicht nur Leonardos Arme und Beine gerettet werden können, sondern auch seine Finger, seine Zehen und Teile seiner Haut. So sagen es die Ärzte, die Leonardo behandelt haben.

Damals, im Frühjahr 2012, als die Münchner Ärzte Leonardo zweimal in der Woche stundenlang operierten, übernachtete Klaudija Petrovic bei ihrem Sohn im Krankenhaus. Der Vater wohnte in einem Heim für Eltern kranker Kinder, das mit Spenden finanziert wird. Von dort aus sah er den ziegelroten Turm der Münchner Matthäuskirche. Jovica Petrovic ging in die Kirche, setzte sich auf eine Bank und weinte. "Was ist mit dir?", fragte der Diakon. Er lud den verzweifelten Vater zum Gemeindefrühstück ein. Dort lernte Jovica Petrovic ein Ehepaar kennen, das heute zu den wenigen Freunden der Familie zählt. Das Ehepaar suchte später die Wohnung, in der die Petrovics heute leben: drei Zimmer, Küche, Bad, heller Holzfußboden, weiße Raufasertapete. Im Wohnzimmer stehen ein dunkles Kunstledersofa, ein Couchtisch, ein Fernseher.

Dass sie Roma sind, verschweigen die Petrovics, wann immer es geht. Wird Jovica Petrovic gefragt, woher er komme, sagt er, aus Serbien, mehr nicht. So kämpft er gegen das Klischee, das zwischen ihm und vielen Deutschen steht. "Ich bin kein fauler Mensch", sagt er.

Jeden Morgen um halb fünf fährt Jovica Petrovic, heute 27 Jahre alt, mit der U-Bahn in den Münchner Westen. Dort arbeitet er in einem Bioladen, von fünf Uhr morgens bis nachmittags um zwei, an sechs Tagen die Woche, fest angestellt. Er sortiert Strauchtomaten und Kürbisköpfe, verkauft italienischen Wein für 80 Euro die Flasche. Sein Chef ist ein Bosnier, der einst vor dem Balkankrieg nach Deutschland floh.

Die Wohnung der Petrovics ist sauber, fast steril. Kein Krümel liegt auf dem Boden, kein Fussel auf dem Sofa. Es riecht nach Desinfektionsmittel und Duftspray. Seit Klaudija Petrovic weiß, dass es Bakterien waren, die Leonardos Körper zerstörten, hat sie Angst vor Schmutz. Die Angst versucht sie wegzuschrubben. Täglich wischt sie mit feuchten Tüchern über die Türklinken, feudelt den Boden, putzt das Klo. Sie saugt, sie fegt, sie sprüht. Mysophobie nennen Psychologen so etwas, krankhafte Angst vor Keimen, Putzzwang.

Leonardo schmiegt sich an seine Mutter, sie streicht ihm über das Haar. Klaudija Petrovic, 22, ist eine liebevolle Mutter. Und eine erschöpfte Frau.

Knapp ein Jahr, von Dezember 2011 bis September 2012, haben Leonardo Petrovic und seine Eltern in Krankenhäusern verbracht. Es gab in diesem knappen Jahr nicht nur Probleme mit Leonardos Haut, mit seinen Knochen, den Narben. Es gab auch Probleme mit dem Aufenthaltsstatus der Petrovics. Heute müssen sie keine Abschiebung mehr fürchten – wegen Leonardo. Auch das gehört zur Geschichte der Petrovics: Ihr Aufenthalt in Deutschland ist nur deshalb gesichert, weil Leonardo so schwer gelitten hat und weiterhin Ärzte braucht. Fast alle serbischen Flüchtlinge werden aus Deutschland ausgewiesen.

Waldemar Lenk hat sich nie nach Leonardo erkundigt, nie hat er sich bei den Petrovics gemeldet. Wie krank der Junge tatsächlich war, hat Lenk erst aus der Zeitung erfahren. Heute ist Lenk 69 Jahre alt, er ist jetzt Rentner. 983 Euro hat er im Monat, für sich und seine Frau. Um seine Rente aufzubessern, arbeitet er noch immer als Wachmann bei Siba Security, ein paar Tage pro Woche. Das reicht für einen bescheidenen Wohlstand: eine kleine Wohnung in der Nähe des Nürnberger Güterbahnhofs, ein Hyundai in Türkisblau. Lenk würde auch weiterhin im Zirndorfer Flüchtlingsheim arbeiten. Nach dem Gerichtsurteil aber hat ihn sein Chef vom Dienst suspendiert. Waldemar Lenk bewacht jetzt eine Nürnberger Behörde.

300.000 neue Flüchtlinge werden in diesem Jahr in Deutschland erwartet. Sie sind Menschen. Und Menschen werden krank. Weil die Flüchtlinge oft keine Krankenscheine bekommen und die Schlangen an den Schaltern der Sozialämter immer länger werden, wird der Druck auf die Ärzte größer – auf jene Praxen und Kliniken, die Flüchtlinge auch dann aufnehmen, wenn noch nicht klar ist, ob der Staat die Behandlung bezahlen wird. Bleiben die Ärzte und Krankenhausmanager auf den Kosten sitzen, wird der Paragraf auch ihnen zur Last.

Im vergangenen Jahr forderte der Dachverband der deutschen Kinder- und Jugendärzte die Abschaffung des Paragrafen 4. Auch die Bundesärztekammer übt Kritik. Sie verweist auf das medizinische Ethos: Ärzte sollen kranke Menschen behandeln, egal, woher sie kommen. In einem Schreiben an die Bundesregierung fordert die Kammer: "Ärzte sollten an der Erfüllung dieser moralischen Pflicht nicht systematisch gehindert werden." Das Asylbewerberleistungsgesetz ist im vergangenen Jahr überarbeitet worden. Der Paragraf 4 aber blieb unverändert.

Nur die Bundesländer Bremen und Hamburg gehen inzwischen einen neuen Weg. Dort bekommen Flüchtlinge eine Gesundheitskarte, einen Krankenkassenausweis, mit dem sie direkt zum Arzt gehen oder einen Rettungswagen rufen können. Die Behandlungskosten werden ihnen auch damit nur bei akuten Leiden erstattet, der Paragraf 4 gilt weiterhin. Aber die Entscheidung, ob sie akut erkrankt sind oder nicht, trifft nicht mehr der Wachmann an der Pforte. Sondern ein Arzt.

Teurer ist die Versorgung der Flüchtlinge dadurch nicht geworden. Im Gegenteil. Bremen und Hamburg sparen sogar Behandlungskosten – solche nämlich, die entstehen, wenn Notfälle nicht erkannt werden. Die mehr als 20 Operationen des Leonardo Petrovic, seine Physio-, Ergo- und Sprachtherapie, die Nachbehandlung und psychologische Betreuung haben den deutschen Staat mehrere Hunderttausend Euro gekostet.

Ein Krankenwagen wäre günstiger gekommen.

Übernächste Woche geht der Fall Leonardo vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth in die zweite Instanz. Die Staatsanwaltschaft will noch einmal den Arzt zur Verantwortung ziehen, der Leonardo im Flüchtlingsheim besuchte und ihm kein Fieber maß. Der Wachmann Waldemar Lenk hofft darauf, doch noch freigesprochen zu werden. Es wird ein neues Urteil geben, Journalisten werden neue Fragen stellen. Wenn Leonardo Petrovic älter ist, wird er die Fragen vielleicht irgendwann los. Seine Narben wird er behalten.

* Der Name wurde geändert