Deutschland darf kein Talent vergeuden, so heißt es immer wieder. Wo aber bleiben in unseren Schulen die Angebote für die besonders Talentierten? Die individuelle Förderung aller Kinder gilt als wichtigste Aufgabe eines Lehrers. Doch warum denken die meisten Pädagogen dabei zuerst an Hilfen für leistungsschwache Schüler – und vergessen darüber die leistungsstarken? Schulen mit hohen Sitzenbleiberquoten müssen sich heute gegenüber der Bildungsverwaltung erklären. Wieso aber bekommt ein Gymnasium keinen blauen Brief, wenn sich seine besten Schüler Tag für Tag im Unterricht langweilen? Und wann endlich verbinden wir mit dem Wort Bildungsungerechtigkeit einmal den Missstand, dass viele unserer größten Talente ihr Potenzial nicht voll entwickeln?

Leider kommt nämlich genau das jeden Tag vor, an Tausenden von Schulen. Denn die Förderung begabter Schüler liegt hierzulande noch immer unter dem Radar der Bildungsexperten. Im Unterrichtsalltag spielt das Thema nur eine marginale Rolle, in der nationalen Bildungsdebatte kommt es kaum vor, ganz anders als etwa in den USA, Kanada oder vielen asiatischen Nationen.

Die derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die sächsische CDU-Politikerin Brunhild Kurth, will daran jetzt etwas ändern. Eine "bundesweite Strategie zur Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler" fordert sie und will dafür zunächst zusammentragen, was es an Begabtenförderung in den Bundesländern so gibt. Hoppla, möchte man da sagen. Da hat jemand der Verantwortlichen etwas gemerkt – nach knapp fünfzehn Jahren.

So lange nämlich, also seit der ersten PisaUntersuchung, sollte bekannt sein, dass sich unsere Schulen zu wenig um die Leistungsspitzen bemühen. Bis heute verbindet man den "Pisa-Schock" allein mit der hohen Zahl der schwachen Leser und Rechner unter Deutschlands Schülern. Dabei gab es für den Bildungsabsturz unseres Landes noch eine ganz andere Erklärung: das schwache Abschneiden der leistungsstarken Schüler. Nur relativ wenigen Jungen und Mädchen gelang es, die besonders kniffligen Matheaufgaben zu lösen oder die alleranspruchsvollsten Texte zu verstehen.

Daran hat sich wenig verändert. Zwar haben es unsere Schulen geschafft, die Gruppe der sogenannten Risikoschüler deutlich zu verkleinern und Deutschland so im internationalen Ranking voranzubringen. Die Anzahl der Schüler, die es in die obersten Leistungsstufen des Lernens schaffen, hat sich dagegen so gut wie nicht verändert. Bei der letzten Pisa-Untersuchung meisterten nur 8,9 Prozent der Schüler im Lesen eines der beiden höchsten Kompetenzniveaus. In Neuseeland hingegen waren es 14 Prozent, in Japan 18,5 Prozent, in Shanghai 25,1 Prozent. Der Bildungsforscher Jürgen Baumert hat diese Zahlen nüchtern auf den Punkt gebracht: Obwohl unser Schulsystem im Vergleich zu anderen Ländern unverändert selektiv sei, "erscheint es in der Spitze relativ wirkungslos".

Besonders die Gymnasien muss dieser Befund schmerzen. Zwar ist die Lieblingsschule der Deutschen zum Glück kein Hort einer kleinen elitären Minderheit mehr. Den Anspruch, für die schlauere Hälfte jedes Jahrgangs zuständig zu sein, haben die Gymnasien jedoch weiterhin. Er ist sozusagen ihre vornehmste Existenzberechtigung.

Doch wo wird die Talentpflege als besonderes Profil im Schulprogramm hervorgehoben? Wie viele Gymnasien haben ein explizites Programm der Begabtenförderung? Das übliche Dutzend freiwilliger Arbeitsgemeinschaften nach Unterrichtsschluss reicht dafür nicht aus. Schüler sollten nicht bis zum Nachmittag warten müssen, um sich herausgefordert zu fühlen.

Pokale und Urkunden in der Vitrine vor dem Schulleiterzimmer sind auch kein Beweis besonderer Talentförderung. Nichts gegen eine Auszeichnung beim Vorlesewettbewerb oder bei "Jugend forscht". Aber wenn die Teilnahme an Schülerwettbewerben nicht mit dem Unterricht verknüpft ist, bleibt sie zu oft dem einzelnen Schüler überlassen – beziehungsweise dessen Eltern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Eine Schule mit guter Begabtenförderung sucht die Talente unter ihren Schülern und macht es diesen leicht, ihre Fähigkeiten und Interessen auszuleben. Es sollte nicht passieren, dass Schüler in der Freizeit jahrelang Kurzgeschichten und Gedichte schreiben und ihr Deutschlehrer davon nichts mitbekommt. Ebenso ist es ein pädagogisches Armutszeugnis, wenn Kinder, die zweisprachig mit einem Vater aus den USA oder einer Mutter aus Argentinien aufwachsen, dieselben Übungen und Wiederholungen in Englisch beziehungsweise Spanisch über sich ergehen lassen müssen wie der Rest der Klasse. Und warum müssen sich Eltern, die nach intellektuellen Herausforderungen für ihr Kind jenseits des Standardprogramms fragen, so häufig vorhalten lassen, sie seien wohl etwas überehrgeizig?

Die weit verbreitete Ignoranz auf diesem Gebiet ist nicht verwunderlich. Viele Schulen verfügen heute über Experten für Legasthenie, Rechenschwäche oder interkulturelle Pädagogik. Im Zuge der Inklusion unterstützen Sonderschullehrer mit ihrem Wissen über Verhaltensstörungen oder Lernprobleme den Schulalltag. Experten jedoch, die sich auf die Förderung von Schnelllernern spezialisiert haben, sucht man in den meisten Kollegien vergeblich.

In ihrer Ausbildung erfahren die Pädagogen weder etwas darüber, wie sie besondere Begabungen entdecken, noch, mit welch speziellen Methoden sie diese fördern. An den deutschen Universitäten widmen sich über zweihundert Lehrstühle der Behindertenpädagogik. Professoren, die sich der Begabungsforschung verschrieben haben, gibt es dagegen genau vier.