Detlef Scheele (SPD), Sozialsenator von Hamburg © dpa

DIE ZEIT: Herr Scheele, was haben Sie gegen das Betreuungsgeld? Es gibt Eltern doch eine faire Entscheidung: Entweder geben sie ihr Kind in teure staatliche Obhut, oder sie übernehmen die Arbeit selbst und bekommen 150 Euro im Monat.

Detlef Scheele: Das Betreuungsgeld ist ein Anreiz, eine staatlich geförderte Kinderbetreuung nicht in Anspruch zu nehmen. Das ist, als ob ich Geld bekommen würde, wenn ich nicht in die Oper gehe. Nur dass es hier um mehr geht: Als Familiensenator ist es mein Job, Kindern unabhängig vom Geldbeutel der Eltern einen frühen Zugang zu Bildung zu verschaffen.

ZEIT: Aber ohne das Betreuungsgeld benachteiligt der Staat Familien, die ihre kleinen Kinder zu Hause erziehen wollen.

Scheele: Wie kommen Sie darauf? Das Gegenteil ist der Fall. Wir bieten Familien Entscheidungsspielräume.

ZEIT: Manche Fans des Betreuungsgeldes sagen: Es ist eine symbolische Anerkennung für die Arbeit der Mütter. Was ist daran verkehrt?

Scheele: Verkehrt an dem Argument ist, dass man das Betreuungsgeld ja auch bekommt, wenn man die Erziehung gar nicht selbst übernimmt. Wer seine Kinder in einer privaten Krabbelgruppe betreuen lässt, hat Anspruch auf Betreuungsgeld. Aber wer kontrolliert, ob die Aufsichtsperson auch qualifiziert für die Betreuungsaufgabe ist?

ZEIT: Erzieht der Staat Kinder besser als die Eltern?

Scheele: Quatsch! Erziehung findet rund um die Uhr statt.

ZEIT: Man kann das Betreuungsgeld ja aus guten Gründen ablehnen – aber muss man dann gleich vors Verfassungsgericht ziehen?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Scheele: Der Bund hat ein Gesetz erlassen, für das er nach dem Grundgesetz keine Kompetenz hat. Wir haben nun einen Normenkontrollantrag gestellt, den das Bundesverfassungsgericht überprüft. Übrigens: Schon der Bundespräsident hat bei der Unterzeichnung des Gesetzes verfassungsrechtliche Bedenken angemeldet.

ZEIT: Warum klagt ausgerechnet Hamburg gegen das Betreuungsgeld?

Scheele: Als SPD-Alleinregierung hatten wir seinerzeit eine besondere Handlungsfreiheit, die wir im Interesse der Chancengleichheit auch genutzt haben.

ZEIT: Was hat die Stadt davon, wenn sie die Klage gewinnt?

Scheele: Wir investieren Millionen in den Kita-Ausbau, garantieren einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz, und wir schaffen Kita-Gebühren ab, damit Kinder einen frühen Zugang zu Bildung haben. Und dann belohnt der Bund Eltern mit einem Betreuungsgeld, wenn sie auf all das verzichten.