Nach einem Brand in einem Altenheim (Sauerland) © dpa

Als Inge Koch ins Treppenhaus tritt, riecht sie den Brand. Gerade hat sie sich von ihrer Mutter verabschiedet, die in der Seniorenresidenz Rüpcke in Schenefeld lebt. Nun hört sie die Sirenen. Vermutlich ist eine andere alte Dame, ein Stockwerk höher, zu diesem Zeitpunkt schon tot, erstickt am Qualm, der aus ihrem alten Röhrenfernseher quillt.

Mehr als einmal pro Woche brennt es in einem Altenheim in Deutschland. 66 Brände waren es im vergangenen Jahr, 11 Menschen sind dabei gestorben, 162 wurden verletzt. Bricht ein Feuer in einer Wohnung aus, können sich die Betroffenen oft selbst retten. In Altenheimen ist das anders. Die meisten Bewohner sind gehbehindert, dement, pflegebedürftig – sie können sich ohne Hilfe nicht in Sicherheit bringen.

Als an diesem warmen Frühlingstag im Mai 2014 in der Seniorenresidenz Rüpcke der alte Fernseher Feuer fängt, läuft alles nach Plan: Um 16.17 Uhr alarmiert die automatische Brandmeldeanlage die Feuerwehr und die Pflegekräfte, schon acht Minuten später biegen Löschfahrzeuge und Leiterwagen mit Blaulicht in die Zufahrt ein.

Vorbildlich. Trotzdem ist es da für drei Menschen im zweiten Stock schon zu spät.

Ein trauriger Einzelfall? Oder ein Systemfehler? Wer sich genauer damit beschäftigt, stellt fest, wie schlecht es um den Brandschutz in Altenheimen bestellt ist.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Im Winter nach dem Feuer sitzt Inge Koch, 67 Jahre alt, neben ihrer Mutter. Hannelore Ristau, 90 Jahre alt und etwas zittrig, erinnert sich nicht mehr an alle Einzelheiten. Doch als Inge Koch von jenem Tag im Mai erzählt, blitzen auch bei ihr die Erinnerungen wieder auf. Nachdem sie den Brand gerochen hatte, war die Tochter zurück zu ihrer Mutter gestürmt. "Es brennt", sagte sie nur und setzte die verdatterte alte Frau auf ihren Rollator. Später wird Hannelore Ristau erzählen, sie hätte das alles zuerst für einen Spaß gehalten.

Koch schiebt ihre Mutter in den anderen Trakt des Hauses, so weit entfernt wie möglich von dem Feuer. Zur selben Zeit wuchten Schwestern und Pfleger in den anderen Zimmern die schwächsten Bewohner in Rollstühle und schicken die, die sich auf Rollatoren stützen können, in Richtung Treppe im anderen Gebäudetrakt. Sie sind froh über jeden, der gerade draußen, in Sicherheit, die Frühlingssonne genießt.

Als Frau Koch ihre Mutter in Sicherheit weiß, packt sie mit an, schließt die Fenster in den Zimmern, holt alte Menschen aus ihren Betten, geht in winzigen Schritten neben ihnen her in den sicheren Teil des Hauses. "Man hat keine Schmerzen gemerkt, man hat gar nichts gemerkt", sagt sie später, "man hat einfach nur funktioniert in diesem Moment."

Benjamin Tschirley kennt die Gefahren in einem Altenheim. Der 28-Jährige arbeitet als Brandschutzbeauftragter und Sicherheitsingenieur für einen Pumpenfabrikanten in Wahlstedt und bildet zudem Brandschutzbeauftragte aus. Wie wichtig es ist, dass Brandschützer gerade in Altenheimen näher hinschauen, hat er 2012 in seiner Untersuchung Brandschutz in Altenpflegeheimen am Beispiel des Landes Hamburg an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg gezeigt.

Damals besuchte Benjamin Tschirley Heime und stellte fest, dass sie sehr unzureichend auf den Notfall vorbereitet sind. Türen schlossen nicht dicht genug, um im Notfall zu verhindern, dass Rauch sich ausbreitet. Wäschewagen verstellten Notausgänge. In einem Heim waren nachts zwei Pflegekräfte für 150 Bewohner zuständig. Was im normalen Nachtbetrieb schon nicht ausreicht, wäre im Notfall das Todesurteil für bettlägerige, demente und gehbehinderte Bewohner. Über die Hälfte der Brände bricht nachts aus, verursacht durch Kerzen, eingeschlafene Raucher oder – wie in Schenefeld – alte Elektrogeräte.