Als Serge Bayala einen Metalltisch besteigt, geht gerade einer dieser heißen, kraftraubenden Tage zu Ende, wie sie in Burkina Faso für die letzten Märztage typisch sind. Die Nacht schreitet jetzt mit schnellen Schritten voran. Die Luft kühlt sich ab. Aus der Kantine der Cité Universitaire dringt blasses Neonlicht auf den Vorplatz, wo Dutzende Studenten in losen Gruppen herumstehen. Tuscheln und Lachen sind zu hören. Es ist die Stunde der Erholung.

Serge Bayala schaut auf das Gewimmel zu seinen Füßen, neben ihm seine Kommilitonen. Sie stehen stramm da, als wären sie Soldaten und nicht Studenten. Der Kamerad zu Serges Rechten reckt die Faust und ruft laut:

"Zwei Stunden für uns, zwei Stunden für Afrika!"

Dann beginnt Serge Bayala zu sprechen. Es dauert nicht lange, und eine dichte Menge drängt sich um den Tisch, denn der Studentenführer Serge Bayala ist ein guter Redner. Er klagt über das schlechte Essen in der Kantine der Universität, er berichtet von Milch mit abgelaufenem Datum, er spricht über krankmachende Lebensmittel. Das alles tut er mit Sachkenntnis, mit Witz und Leidenschaft. Er kennt das Geheimnis guter Rhetoriker: Willst du eine große Sache illustrieren, benutze viele Details!

Die große Sache, von der er spricht, das ist das Schicksal einer afrikanischen Revolution. Sie fand ausgerechnet in Burkina Faso statt, diesem kleinen, bitterarmen Staat Westafrikas, den kaum jemand kennt und von dem niemand viel erwartet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Serge Bayala und seine Kameraden waren ganz vorne mit dabei, als im Oktober 2014 die Menschen auf die Straße strömten, um gegen Blaise Compaoré zu demonstrieren, der seit 27 Jahren an der Macht war. Die Polizei versuchte, die Menschenmenge zurückzudrängen, mit Schlägen, Wasserwerfern und mit scharfer Munition. 25 Demonstranten starben in jenen Oktobertagen. Doch auch die Gewalt konnte Compaoré nicht mehr retten. Das Volk wollte seinen Herrscher nicht mehr, die jungen Menschen hatten genug von ihm. Über die Hälfte der Bevölkerung von Burkina Faso ist heute zwischen 14 und 25 Jahre alt, über die Hälfte der 13 Millionen Einwohner ist während der Präsidentschaft von Blaise Compaoré geboren. Ihr ganzes Leben lang hatten sie nur einen Mann an der Spitze des Staates: Blaise!, wie sie ihn hier alle nennen.

Langzeitherrscher sind in Afrika nichts Ungewöhnliches. In Angola regiert José Eduardo dos Santos seit 35 Jahren, in Äquatorialguinea ist Teodoro Obiang ebenfalls seit 35 Jahren an der Macht, in Simbabwe herrscht Robert Mugabe seit 34 Jahren, in Kamerun Paul Biya seit 32 Jahren, in Uganda Yoweri Museveni seit 27 Jahren, im Tschad Idriss Déby seit 29 Jahren. Die Liste ließe sich fortsetzen. Sie allein aber macht schon deutlich, dass der Sturz Compaorés weit über Burkina Faso hinaus eine Bedeutung hat.

Ein Land, noch immer in den Fängen einer korrupten Elite

Als Blaise fiel, da ging ein Zittern durch viele Hauptstädte Afrikas. Könnte Burkina Faso ein Modell sein? Könnte auch in anderen Ländern eine politisierte, in die Zukunft drängende Jugend ihre Herrscher vom Throne stoßen? Könnte Burkina Faso so etwas wie ein Tunesien Afrikas werden, in dem nach dem Sturz der Autokratie die Demokratie Einzug hält? Oder könnte es zu einem Ägypten werden, in dem die Konterrevolution siegt und das alte Regime im Kern intakt bleibt?

Die Skandale und Skandälchen, von denen Serge Bayala an diesem Abend in der Cité Universitaire spricht, dienen ihm dazu, die Geschichte seiner Heimat Burkina Faso zu erzählen, die sich auch heute noch in den Fängen einer korrupten Elite befinde, die erstickt werde von der grenzenlosen Gier einiger weniger. Serge warnt vor den Seilschaften, die nicht abließen von der Macht. Die Errungenschaften der Revolution, so sieht er das, seien in Gefahr.

Hat sich also nichts geändert? "Blaise ist weg", sagt Serge Bayala, "aber das System ist noch da!"

Burkina Faso wird derzeit von einem "Nationalen Rat der Transition" regiert. Am 21. Oktober soll die erste Etappe des Übergangs einen Abschluss finden, dann wählen die Burkinabe ein neues Parlament. "Transition" – das ist eine Zeit, in der unterschiedliche Kräfte auf offener Bühne miteinander ringen und versuchen, der Zukunft eine Gestalt zu geben.

In Burkina Faso ist allein die riesige Masse junger Menschen ein Machtfaktor, die überbordende Lebensenergie einer Jugend, die einen Autokraten hinweggefegt hat, weil er ihr keine Möglichkeit bot, sich zu entfalten, kaum Chancen auf Arbeit gab, auf Bildung, auf Mitbestimmung. Es ist eine äußerst selbstbewusste, sehr wachsame Jugend, die voller Erwartungen ist – und die sich abwenden könnte, wenn sie enttäuscht wird, um in der Fremde ihr Glück zu versuchen. Wer allerdings einen Autokraten stürzt, der weiß, dass "alles möglich ist", wie es Serge Bayala ausdrückt. Das Volk der Burkinabe hat die Tür zu seiner Zukunft aufgestoßen, das Volk möchte jetzt auch bestimmen, wie diese Zukunft aussieht. "Wir müssen auf uns selbst vertrauen, auf unsere Kräfte!", sagt Serge Bayala, "Niemand sonst wird uns helfen. Das hat uns Thomas Sankara gelehrt!"