"Wir wollen den Steindamm nicht vergolden", sagt der 71-Jährige, der früher ein Luxushotel in Winterhude betrieben hat. Bald werde die IG den Antrag auf Einrichtung eines BID bei der Behörde einreichen, dabei gehe es um einen gemeinsamen Marketingauftritt. Und um mehr Sauberkeit. "Wir wollen diese Verschmutzung nicht", sagt Schüler.

Wir? Wer ist das für die BIDs überhaupt? Diese Frage liegt im Zentrum aller Probleme, vor denen das Konzept gerade steht. Der Steindamm zeigt den einen Grund: Dort richtet sich das "wir" gegen jene, die diese Straße beleben – und nun weg sollen. Im Plan für das BID Reeperbahn hieß es 2014 noch etwas eleganter: "Aus Besuchern sollen Kunden gemacht werden." Die Stadt als Einkaufscenter.

Tatsächlich meint "wir" laut Gesetz ausschließlich die Grundeigentümer. Von ihnen reichen 15 Prozent aus, um ein BID anzustoßen. Hier liegt das zweite Problem, denn umgekehrt müssen mehr als doppelt so viele widersprechen, 33 Prozent, um das Programm zu verhindern. "Ein massives Ungleichgewicht", sagt Rechtsanwalt Dirk Trieglaff aus der Kanzlei Weiland & Partner, einer der ältesten der Stadt.

Er vertritt eine Gruppe von Klägern, denen der Zwang zum Wir auf die Nerven ging. 2014 haben sie Nein zum BID Sachsentor III gesagt, der dritten Verschönerungsrunde der Bergedorfer Einkaufsstraße – weil ihnen die Kosten zu hoch und zu intransparent waren. Zusammen stellen die Rebellen 24 Prozent der Grundeigentümer – zu wenig, um das BID zu stoppen. Aber zu viel, um über sie hinwegzugehen. Die Folge ist ein Streit, der bis zum Bundesverwaltungsgericht führen könnte.

Es ist noch früh am Tag, aber am Sachsentor regt sich bereits Leben. Aus den Bäckereien duftet es, aus den Geschäften rumort es, in den Straßencafés frühstücken Gäste vor beschaulicher Kulisse: Bergedorfs Einkaufsstraße säumen Fachwerkhäuser und Stadtvillen, im Hintergrund liegt das Schloss. Marc Wilken schlendert vorbei, macht eine ausladende Geste: "Wir wollen nicht wie die Mönckebergstraße sein", sagt er, aber die Vorzüge Bergedorfs seien erheblich: die historischen Gebäude, die familiäre Atmosphäre, die Gemütlichkeit. "Das müssen wir sichern", sagt Wilken, der als Geschäftsführer des Vereins für Wirtschaft und Stadtmarketing für die Region Bergedorf auch für das BID Sachsentor zuständig ist.

Eigentlich entspricht der Fall Bergedorf der Ursprungsidee der BIDs: Das Konzept stammt aus Kanada, wo sich Händler in Randlage gegen die Übermacht der Shoppingmalls zu verteidigen suchten. Das hat früher auch in Bergedorf funktioniert. "Es ist wichtig für uns, dass die Straße etwas hermacht", sagt Martina Willhoeft vom Herrenausstatter Willhoeft. "Das BID hat in Bergedorf gezeigt, dass das Prinzip 'Hilf dir selbst, dann hilft dir der Markt' funktioniert", sagt Karl-Dieter Broks, Investor des Neuen Mohnhofs am Ende des Sachsentors.

In ihrem Lob schwingt Dank mit – denn am Sachsentor lief es nicht immer so gut. Anfang des Jahrtausends machten zwei Kaufhäuser dicht, ein Einkaufszentrum eröffnete. Der Einzelhandel litt. "Durch das BID konnten wir das Marketing verbessern", sagt Wilken. Eine Quartiersmanagerin wurde engagiert, dazu Sicherheitsleute, alles wurde schöner, belebter. "So was gab es damals nicht", sagt Wilken und zeigt auf ein Graffito an der Karstadt-Wand.

Was aber kann, bei so viel Sinn und Schönheit, ein vernünftiger Mensch gegen das BID haben? "Da müssen Sie schon die Gegner fragen", sagt Wilken.

Ein paar Meter weiter sitzt einer. Wido Schüttfort vom Schuhhaus Schüttfort, ganz altes Bergedorf, sein Geschäft führt er in dritter Generation. "Das BID ist wie ein Spielautomat", sagt er. "Ich stecke Geld rein, und es kommt nichts raus. Und wenn doch was kommt, versteht keiner die Summe."

Als Schüttfort 2014 dem BID Sachsentor III zustimmen sollte, ohne dass konkrete Zahlen für Sachsentor II vorlagen, wurde er stutzig. Als er endlich Einsicht bekam, wuchs sein Widerstand noch, so hoch waren die Verwaltungs- und Managementkosten. "Es heißt immer, das BID sei eine tolle Eigeninitiative", sagt Schüttfort. "Es ist aber nicht meine Eigeninitiative, sondern die einer Minderheit von 15 Prozent, die mich zwingt, in Maßnahmen zu investieren, die nach meiner Überzeugung keinen betriebswirtschaftlichen Ertrag bringen."

Der Zwang. Das erpresste Wir. Das ist die Schwachstelle des Erfolgskonzepts BID, von Anfang an: Wonach soll sich die Höhe des Beitrags richten, mit dem Privatleute den Staat entlasten? Nach den Mieten? Der Gewerbefläche? In Deutschland hat man sich für den "Einheitswert" einer Immobilie entschieden, an dem sich auch die Grundsteuer bemisst. Aber die Einheitswerte wurden zuletzt in den sechziger Jahren festgelegt. Sie sind, sagen die Kritiker, veraltet, willkürlich, ungerecht.

Wie es jetzt weitergeht? Wido Schüttfort ruft vom Büro aus Elke Kurkowski an. Ihr gehören am Sachsentor zwei Häuser, sie hat den Protest vorangetrieben. Aktuell, sagt Kurkowski, liege vor dem Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen den Einheitswert. "Die kann alles ändern."

Und wenn nicht? In Bergedorf sind die Fronten so verhärtet, dass ein Mediator eingeschaltet wurde, Stefan Orth, Ex-Präsident des FC St. Pauli. "Am Freitag treffen wir uns wieder", sagt Elke Kurkowski, "aber ich glaube nicht, dass der unseren Forderungen zustimmt." Die Rebellen prüfen jedenfalls schon mal, ob sie das Geld für eine Sammelklage zusammenbekommen. "Notfalls würden wir bis zum Bundesverwaltungsgericht gehen", sagt Elke Kurkowski.

In der Stadtentwicklungsbehörde hört sich Frithjof Büttner das interessiert an. "Es ist ein langer Gesprächsprozess", sagt er. Das BID werde aber ein Gewinn für alle Seiten sein.