Nein, er will diesen Satz nicht zurücknehmen, auch nach einer Woche steht er dazu, zu jedem Wort. Man hätte ja denken können, dass er ihm einfach so rausgerutscht sei, in einer aufgeregten Situation: Eine Flüchtlingsunterkunft hatte gebrannt; die Journalisten waren ins Dorf eingefallen; das ganze Land war erschrocken. Da kann es schon sein, dass man etwas sagt, von dem man sich hinterher wünscht, es sei einem nie über die Lippen gekommen.

Ein Telefongespräch mit Götz Ulrich, 45 Jahre alt, Landrat im Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt, zuständig auch für Tröglitz, jene Gemeinde, in der vor Ostern eine Flüchtlingsunterkunft brannte. Ulrich ist ein ruhiger Mann. Keiner, der den großen Auftritt sucht. Und doch gab es vergangene Woche, als ihn die ZEIT besuchte, am Ende des Gesprächs diesen einen, verstörenden Moment. Da antwortete Ulrich auf die Frage, ob die Flüchtlinge in seinem Landkreis sicher seien: "Dafür kann ich nicht garantieren." Und auch jetzt, am Telefon, wiederholt er diesen Satz.

Ein Staat, der die Menschen nicht beschützen kann? Was ist das für ein Staat?

Deutschland ist kein Entwicklungsland, kein gescheiterter Staat wie der Irak oder Somalia. Wie kann es da sein, dass Menschen hier nicht sicher sind? Dass Flüchtlinge fürchten müssen, Opfer eines Anschlags zu werden? Und wenn der zuständige Landrat dieses Staatsversagen unumwunden einräumt: Müssten dann nicht andere einspringen und helfen? Etwa die Landesregierung? Oder der Bund?

Die Suche nach einer Antwort führt vom Landratsamt in Naumburg, wo Götz Ulrich arbeitet, über die Landeshauptstadt Magdeburg bis ins Bundesinnenministerium in Berlin. Und sie zeigt einen Staat, der sich bis zum Anschlag von Tröglitz in gewisser Weise aufgegeben hatte: Die Verantwortung wurde einfach weitergeschoben, von einer staatlichen Stelle zur nächsten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Fragt man Götz Ulrich, ob im Burgenlandkreis wirklich alles getan wurde, um den Anschlag zu verhindern, weicht er aus. Der Landrat erzählt dann, dass man für die Überwachung derjenigen Unterkünfte, in denen bereits Flüchtlinge wohnen, eigens einen Sicherheitsdienst beauftragt habe – auf Kosten der jeweiligen Kommune. Er berichtet, dass die Polizei in Tröglitz stündlich das Haus in der Ernst-Thälmann-Straße observiert habe, dessen Dachstuhl später brannte. Und dass die Bereitschaftspolizei des Landes Sachsen-Anhalt jede Woche zugegen war, wenn in Tröglitz die Rechtsradikalen aufmarschierten. Nur genutzt hat es alles nichts.

Warum ist das so, Herr Ulrich?

Die Rechtsradikalen hätten sich Tröglitz ausgesucht, um einen Präzedenzfall zu schaffen, sagt Ulrich. Regionale Neonazi-Kameradschaften wollten gemeinsam mit der NPD das Flüchtlingsheim verhindern, um zu zeigen, dass der Staat schwach sei. Es hätte schon eine Art Aufstand der Anständigen gebraucht, um das zu verhindern. Und vor allem: deutlich mehr Geld.

Das also hört man, wenn man nachfragt, warum der Staat nicht für die Sicherheit der Menschen garantieren könne: weil es an Geld fehlt.

In vielen wohlhabenden Gegenden Westdeutschlands mag das ein geringeres Problem sein; im Süden Sachsen-Anhalts jedoch sind die Städte und Gemeinden so arm, dass sie es sich nicht leisten können, jede leer stehende Flüchtlingsunterkunft 24 Stunden am Tag von einem privaten Sicherheitsdienst bewachen zu lassen. Die Polizei hätte dafür ohnehin zu wenig Beamte. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden, nicht nur für Sprach- und Integrationskurse für die Flüchtlinge.

Die Flüchtlinge werden den Burgenlandkreis in diesem Jahr voraussichtlich 11 Millionen Euro kosten. Gerade mal ein Zehntel davon will der Bund beisteuern. Und ausgezahlt wurde bisher noch kein Cent. "Wenn sich daran nichts ändert", sagt Landrat Ulrich, "sind alle Bekundungen aus der Bundespolitik, uns in Tröglitz und anderswo helfen zu wollen, nur Lippenbekenntnisse."

Anruf in Magdeburg, bei Holger Stahlknecht. Der Innenminister von Sachsen-Anhalt war selbst bis vor vier Jahren Bürgermeister eines kleinen Ortes in seinem Bundesland. Er weiß, wie die Leute ticken. Er weiß, wie fremd die Flüchtlinge in manchen Kommunen tatsächlich sind und wie groß die Ressentiments. Und Stahlknecht weiß auch, was man als Landrat und Bürgermeister leisten kann und muss – und was nicht. Er kennt die finanziellen Engpässe der Kommunen.

Wieso versagt der Staat, wenn es darum geht, Menschen zu beschützen, Herr Stahlknecht?

Den Vorwurf der Untätigkeit will der Landesminister nicht auf sich sitzen lassen. Er selbst sei doch im Ort gewesen, bei den Gottesdiensten, sagt er. Der Schutz der leeren Immobilie sei doch vernünftig bemessen gewesen, sagt er.

Nur: Warum hat es dennoch nicht gereicht?

Auch Holger Stahlknecht sagt: weil das Geld fehlt. Und weil Sachsen-Anhalt kein reiches Bundesland ist, fühlt auch er sich ziemlich alleingelassen – von der nächsthöheren Ebene, dem Bund. Die Bundesregierung, sagt Stahlknecht, könne nicht immer nur drängeln und auf das in den Dörfern Sachsen-Anhalts ohnehin spärliche Engagement von Ehrenamtlichen hoffen. "Die Kommunen müssen sich darauf verlassen können, dass die Aufnahme und Unterbringung von Asylsuchenden finanziell sichergestellt ist", sagt der Landesinnenminister. "Dazu gehört auch, dass die Mittel im erforderlichen Umfang durch den Bund bereitgestellt werden. Permanentes Nachjustieren ist zu langsam und ineffektiv."