Mehr Systematik in den Studiengängen forderte in der Vorwoche Volker Meyer-Guckel. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin ist da ganz anderer Ansicht.

Die Geisteswissenschaften befinden sich gegenwärtig auf einer abschüssigen Bahn, an deren Ende ihre weitgehende Marginalisierung stehen könnte. So wie das 19. Jahrhundert die Zeit der Geburt und der Reifung der geisteswissenschaftlichen Fächerkultur war, so könnte das 21. Jahrhundert zum Zeitalter ihres Niedergangs werden.

Das liegt zweifellos auch am Prozess der Verschulung und Ökonomisierung der akademischen Bildung, die vergangene Woche auch in dieser Zeitung wieder einmal propagiert wurde, wie immer mit Blick auf die USA. Dabei sind die amerikanischen vierjährigen Bachelorstudiengänge gerade nicht von ökonomischen Erwartungen geprägt, ja nicht einmal von einem unternehmerischen Leitbild. Vielmehr wurden die B.-A.-Angebote ursprünglich eingeführt, um das Qualitätsgefälle des US-amerikanischen Highschool-Diploms zum deutschen Abitur zu überbrücken. Sie sollten auf ein wissenschaftliches Studium vorbereiten, das erst mit dem Masterprogramm beginnt. Die Ironie besteht darin, dass Deutschland seither die Hochschulreife durch eine bloße Hochschulzugangsberechtigung ersetzt hat. Damit ist in der Tat eine analoge Zwischenphase bis zur Aufnahme eines wissenschaftlichen Studiums für einen wachsenden Anteil derjenigen erforderlich geworden, die formal als studierfähig gelten.

Diese Zwischenphase ist aber in ihrer aktuellen Bologna-Form missglückt. So wurden in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften B.-A.-Studiengänge eingeführt, die sich oft nur auf eine einzige Disziplin beschränken (anders als zuvor im Magisterstudiengang, der ein Hauptfach mit zwei Nebenfächern kombinierte). In ihrer Schmalspurigkeit und mit ihrer jedenfalls in den Geisteswissenschaften albernen Berufsorientierung wird mit einem solchen Bachelor oftmals nicht einmal die Befähigung zu einem wissenschaftlichen Studium erworben. Dass dies unter dem Rubrum der Herstellung internationaler Konkurrenzfähigkeit insbesondere gegenüber der transatlantischen Bildungskultur vollzogen wurde, könnte man für einen Treppenwitz halten, wenn dieser Vorgang nicht so weitreichende Folgen hätte.

Denn die Umstrukturierung des Studiums im Zuge der Bologna-Reform betrifft, anders als oft behauptet, ja mitnichten nur Äußerlichkeiten wie die neue Messzahl des ECTS-Punktes (ein Punkt entspricht einem durchschnittlichen Arbeitsaufwand von 25 bis 30 Stunden), die Normierung auf einen ersten Abschluss nach sechs Semestern Regelstudienzeit oder die Einteilung in Module, die kontinuierlich geprüft werden. In Bologna-Studiengängen sollen die Lehrinhalte in den eigenen Modulen (zusammengefasst im Modulhandbuch) genau beschrieben werden, einschließlich der begleitenden Lektüre und der Kompetenzen, die in einer Klausur oder in einer anderen Prüfungsform abgefragt werden. Diese harmlose Vorschrift zerstört aber, wenn man sie konsequent umsetzt, ein wichtiges Charakteristikum der geisteswissenschaftlichen Fächerkultur, nämlich die Verbindung eigener Forschung mit eigener Lehre.

Vom Anbeginn der Geisteswissenschaften im 19. Jahrhundert gehörte es zum Ethos der in diesen Disziplinen Lehrenden, dass sie den Studierenden ihre eigenen Forschungsergebnisse präsentieren. Da die wissenschaftliche Lehre in Deutschland frei ist, das heißt alle entsprechend (in der Regel durch Habilitation) Qualifizierten als Professoren oder Privatdozenten selbst entscheiden können, welche Lehre sie anbieten, gehört auch die Bereitschaft dazu, mit den Kollegen hinsichtlich des Lehrangebotes so zu kooperieren, dass alle Bereiche hinlänglich abgedeckt sind. Damit ergibt sich ein Spannungsverhältnis zwischen den Erfordernissen des jeweiligen Lehrprogramms eines Studienganges einerseits und der Verkoppelung eigener Forschung mit den Inhalten eigener Lehre andererseits. Dass dieses Ethos auch in der Vergangenheit nicht immer friktionsfrei umgesetzt wurde, liegt auf der Hand. Aber eines dieser beiden Elemente aufzugeben hieße, die spezifische Kultur geisteswissenschaftlicher Praxis an den Universitäten zu beerdigen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Dabei ist es den Kolleginnen und Kollegen nicht zu verdenken, wenn sie den Kampf um dieses Identitätsmerkmal der Geisteswissenschaften aufgeben. Die Freiheit von Forschung und Lehre ist anstrengend, sie verlangt traditionell, mindestens jede zweite Vorlesung über eigene Forschungsleistung zu erschließen, Neues zu präsentieren und damit neue Publikationen vorzubereiten. Doch gerade in den Geisteswissenschaften ist die Arbeitsbelastung explodiert – so liegt die Zahl der von einem Professor beziehungsweise einer Professorin betreuten Studierenden in den Geisteswissenschaften unterdessen bei über 100. Wer nun auf die ständige Wiederholung des gleichen, in der Kollegenschaft weithin normierten Stoffes und die Bezugnahme auf denselben Korpus von Standardliteratur setzt, minimiert den Arbeitsaufwand beträchtlich.