Karfreitag 2015. Für Günter Grass, katholisch erzogen, aber irgendwann vom Glauben abgefallen, ein normaler Arbeitstag. Für 15 Uhr bittet er zum Gespräch zu sich nach Hause, nach Behlendorf. Der Anlass: Sechs Tage zuvor hatte eine Bühnenfassung seiner "Blechtrommel" am Hamburger Thalia Theater Premiere, inszeniert vom belgischen Regisseur Luk Perceval. Grass saß in der ersten Reihe; später genoss er auf der Bühne sichtlich bewegt den Applaus. Nun will er auf Einladung der ZEIT mit Perceval, der schon "Im Westen nichts Neues" von Remarque und "Kleiner Mann – was nun?" von Fallada für das Theater adaptiert hat, darüber diskutieren, ob Romane überhaupt auf die Bühne gehören, was ihnen dort widerfährt und wie er den Zustand des zeitgenössischen Theaters beurteilt. Zwei Stunden sitzen wir beisammen, Grass wie immer angriffslustig, meinungsfreudig, Pfeife rauchend. Es wird sein letztes Interview sein – das Vermächtnis des Nobelpreisträgers als Theatermann.

DIE ZEIT: Herr Grass, vor wenigen Tagen haben Sie die Premiere von Luk Percevals Bühnenfassung Ihres Romans Die Blechtrommel gesehen. Wie fanden Sie’s?

Günter Grass: Mir ist das Beste passiert, was man erleben kann: Ich habe während der Aufführung vergessen, dass ich der Autor des Romans bin. Eine selbstständige Sache, es wäre falsch, es mit einem episch konzipierten Buch in Vergleich zu bringen. Das Theater ist nach wie vor die Guckkastenbühne, die auf eine begrenzte Zeit raffen muss, ganz andere Spannungen herstellt. Ich finde die Idee gut, dass sich ein alter Oskar erinnert und zurücktrommelt. Auch die Stimme des jungen Oskar aus dem Off ist sehr gut. Die hätte ich noch ein bisschen mehr in den streitbaren Dialog mit dem alten Oskar gebracht. Oder was sagen Sie, Herr Perceval?

Luk Perceval: Es ist eine Sache von Perspektiven. Wir wollten einen Film aus Erinnerungen, der vorbeizieht. Für mich waren der Referenzpunkt meine Eltern, die in etwa so alt sind wie Sie, Herr Grass. Sie sind in der Nähe des Hafens von Antwerpen aufgewachsen, die Gegend nennt sich Klein Berlin, weil sie von deutschen V1- und V2-Raketen heftig zerstört wurde. Seitdem verhält sich meine Mutter wie der kleine Oskar: Sie hat sich seit ihrem Überleben eine sichere Distanz zum Leben, zu Menschen geschaffen durch permanentes Urteilen. Faszinierend fand ich, dass die Figur im Buch eigentlich permanent denkt. Es gibt kaum Dialog. Das war die Herausforderung, auch für die Zuschauer: Wie gelangt man in den Kopf von jemandem, der eigentlich schweigt?

Grass: Nach unserem Vorgespräch hatte ich den Eindruck, mein Buch ist bei Herrn Perceval in guten Händen. Dass er nicht nur die Szenen bühnenwirksam umsetzen wollte, die die Reizmomente des Romans sind. Zum Beispiel die Aale im Pferdekopf – eine Szene, die beim Erscheinen des Buches heftige Reaktionen hervorgerufen hatte. Manche Leute hörten sogar auf, Aal zu essen, obwohl man wissen kann, dass die auch an Leichen rangehen ... Das Ekelmoment ist in der Inszenierung sehr zurückgenommen, es ist eine reflektierte Darstellung des Ganzen.

ZEIT: Warum haben Sie, Herr Perceval, das Buch überhaupt ausgewählt? Sie sagen ja selbst, dass es für Sie nicht leicht zugänglich war ...

Perceval: Die Idee kam von meinem Intendanten und der Dramaturgin. Sie wollten etwas machen zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Es ist kein klassischer dramatischer Stoff. Auf der Bühne braucht man einen Konflikt. Wir wollten nicht illustrieren, sondern interpretieren, was das Kind erzählt – es könnte auch ein Widerspruch zwischen Erzählung und Bühnengeschehen entstehen. Es ist eine sehr meditative Form des Erzählens, nicht episches Theater, in dem wir sagen: Seht mal, wie schlimm die Bösen zu dem armen Kleinen waren!

ZEIT: Ist der Kontakt zum Autor hilfreich oder eher hinderlich bei der Arbeit am Stück?

Perceval: Ich fand es sehr inspirierend. Mich hat die Offenheit und Neugier von Herrn Grass sehr berührt: Da ist jemand, der mir sagt, was ihm wichtig ist, aber er sagt mir nicht, wie ich es zu inszenieren hätte. Das weiß ich ja selbst am Anfang der Proben noch nicht. Theatermachen ist wie Schifffahrt ohne Kompass: Man hat eine Vermutung, wo Norden sein könnte, aber ganz sicher weiß man es nicht.

Grass: Es ist für den Autor immer ein Risiko, sich auf so etwas einzulassen. Ich habe die aus meiner Sicht unverzichtbaren Szenen genannt. Aber so ein Projekt muss immer auf weitere Erzählstränge verzichten, ohne dass das Ganze gefährdet wird.

ZEIT: Auch andere Ihrer Prosatexte wurden für die Bühne bearbeitet. Haben Sie Sorge, was mit Ihren Texten in den Händen der Theaterleute geschieht?

Grass: Nein. Wenn ein Exposé vorliegt und ich merke, der Regisseur benutzt das Ganze nur als Steinbruch, sage ich einfach Nein. So habe ich eine Fülle von Inszenierungsanfragen abgelehnt.