Das Parlament, der Ort, an dem Gesetze beschlossen werden: Viele Politiker sehen ihren Einzug hier als Anfang, als Beginn von Macht, Einfluss, Möglichkeiten. Juliane Nagel aber fürchtete, es sei das Ende.

Seit 15 Jahren macht die 36-Jährige Politik in Leipzig. Im Stadtrat, auf der Straße. Dann fragte ihre Partei, die Linke, ob sie im Leipziger Süden für den sächsischen Landtag kandidieren wolle. Und Nagel haderte. "Ich hatte dieses Bild vor Augen: Man verbringt viele Tage in Sitzungen, ohne dass etwas dabei rauskommt", sagt sie. Sie wollte das nicht.

Erst nach einigem Drängen gab sie nach und trat an. Als Zählkandidatin, wie viele glaubten: Traditionell gewinnt die CDU sämtliche Wahlkreise in Sachsen direkt. Nagel aber ließ den Kandidaten der CDU mit 1051 Stimmen Vorsprung hinter sich. Eine Sensation nannte das die Lokalpresse.

Sie, die radikal Linke, die umstritten ist wie kaum eine andere Politikerin in dem Land: Für die einen ist Nagel die einzig aufrechte Widerstandskämpferin im tief konservativen Sachsen, Sprecherin der Schwachen, würdig des Leipziger Friedenspreises, den etwa auch schon Revolutionspfarrer Christian Führer erhalten hat. Für die anderen ist sie Anführerin der Antifa, Aufwieglerin der Autonomen – unmöglich, unwählbar, undemokratisch gar. Zum Beispiel für große Teile der Union. "Ich hoffe, dass es Chaos-Jule nicht gelingt, Connewitz und die Südvorstadt zur autonomen Republik umzugestalten", sagte ihr unterlegener Gegenkandidat, Leipzigs CDU-Chef Robert Clemen, nach der Wahl – er meinte die zwei Ortsteile, in denen Nagel gewann. Eines ist Nagel auf jeden Fall: anders. Sie bietet einen Gegenentwurf zu jenen Politikern, die immer stärker als "die da oben" wahrgenommen werden. Sie ist eine Art Antipolitikerin.

An einem kalten Montagabend in Leipzig steht Nagel mit Megafon in einer Gruppe Demonstranten und liest Demoauflagen vor. Der Pegida-Ableger Legida marschiert zum neunten Mal durch die Stadt. Nagel stellt sich dem zum neunten Mal entgegen, diesmal in einer Seitenstraße an der Laufroute. Sie ist Sprecherin des Aktionsbündnisses Leipzig nimmt Platz, das auch Protest gegen Neonazi-Aufmärsche organisiert. Sie trägt Jeansrock, schwarze Funktionsjacke, Strickmütze, Gürteltasche – ohne das Megafon würde sie inmitten der Demonstranten nicht auffallen. Als Legida fahneschwenkend vorbeizieht, klettert sie auf einen Fahrradständer, um die Gegner besser zu sehen. Eine Woche zuvor hatte sie mitten unter ihnen gestanden, um ein Bild zu bekommen, was auf der Legida-Bühne gesagt wurde. "Volksverräterin", schrie ihr ein Legidist ins Gesicht.

Sie gehe eben dahin, wo es brenzlig sei, sagt Rico Gebhardt, Fraktionschef der Linken im Landtag. Juliane Nagel selbst erklärt: "Politik kann nur gut machen, wer die Verhältnisse vor Ort gesehen hat." Im Landtag kämpft sie für eine Neufassung des Flüchtlingsaufnahmegesetzes, und sie will nicht den "Änderungsantrag mit dem Fraktionsjuristen am Schreibtisch aufschreiben", plant stattdessen eine "Asyltour".

Das Parlament ist für Juliane Nagel nur einer von mehreren Orten, an denen Politik gemacht wird. Sie ist in unzähligen Bündnissen und Initiativen aktiv, auch in Gruppen der Antifa. Die anfängliche Skepsis gegenüber einer Landtagskandidatur ist bei ihr keine Koketterie. Sie hat Angst, dass sie sich zu weit von ihren Wurzeln entfernen könnte.

Regelmäßig meldet sie Demos an, gegen Legida, gegen Rechtsextremisten, aber auch Antifa-Demos zum Gedenken an einen von Neonazis ermordeten Iraker. Sie läuft dann vorne mit, neben Transparenten des schwarzen Blocks. So wurde sie zum Gesicht der linken Szene Leipzigs. Einer Szene mit Schlagkraft, die regelmäßig erfolgreich gegen Rechtsaußen mobilisiert. Dafür sind ihr viele dankbar. Auf der anderen Seite ist sie auch das Gesicht einer Szene, die viele mit Farbbeutelwürfen auf Stadtvillen und sinnloser Zerstörungswut verbinden. Als im Januar ein Mob randalierend durch Leipzig zog, riefen die Medien zuerst bei ihr an. Einen "Krawallstil" wirft ihr der CDU-Mann Clemen vor.

Wenn man ihr begegnet, wirkt sie alles andere als krawallig, eher zurückhaltend, fast schüchtern. Sie holt Kaffee, lächelt viel. Viele Leute säßen einem Trugbild auf, sagt sie. "Ich bin ein Teil der linken Szene. Aber es gibt keine Schnittmenge mit gewaltbereiten Gruppen." Ihr gehe es darum, linke Szene und Politik dort zu verknüpfen, wo es große Übereinstimmungen gebe, wie beim Asyl und dem Kampf gegen Rassismus.

Ihr Stadtratsmandat gewann sie, ohne persönliche Wahlplakate aufzuhängen

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 16 vom 16.4.2015.

Besucher bittet Juliane Nagel ins Linxxnet. Das ist ein offenes Abgeordnetenbüro, zugleich eine Art Stadtteilladen,Treffpunkt für verschiedene Initiativen in Connewitz – diesem stets als alternativ bezeichneten Viertel, in dem sie aufgewachsen ist. An der Fensterfront kleben Demoaufrufe, Flyer und Einladungen zu Diskussionen über Pegida oder das bedingungslose Grundeinkommen. Vorne können Gäste Computer nutzen, hinten hat Nagel ein kleines Büro mit ein paar Holzstühlen und einem abgewetzten blauen Samtsofa. Sie hat das Linxxnet im Jahr 2000 mitgegründet, es ist ihre eigentliche politische Heimat. Seine Entstehungsgeschichte erzählt viel über ihr Selbstverständnis als Politikerin.

Eine Gruppe junger Linker wollte damals einen Freiraum innerhalb der PDS schaffen, einen Ort, an dem man unkompliziert und abseits angestaubter Parteistrukturen Projekte umsetzen konnte. Sie gab sich ein Leitmotiv, angelehnt an ein Zitat des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, ein Schachtelsatz über sieben Zeilen. Der Inhalt in etwa: Verschiedene Gruppen sollen sich vernetzen, ihre Probleme in die eigene Hand nehmen, nach dem Prinzip von Gleichen an einem Ziel arbeiten.