Markus Lüpertz empfängt in der Küche seines Atelierbaus in Teltow, am südlichen Stadtrand von Berlin. In der oberen Etage wohnt Lüpertz, wenn er hier arbeitet. Dutzende von dunklen Anzügen hängen an Bücherregalen, es gibt einen Bottich voller Gehstöcke mit silbernen Totenkopfgriffen und ein Zimmer mit Gewichten zum Trainieren. In der Atelierhalle stehen einige Leinwände, auf allen die gleiche Frauenfigur, dahinter wechselt die Landschaft. Zwei Bentley parken vor der Tür, die Kennzeichen selbstverständlich mit den Initialen ML.

DIE ZEIT: Herr Lüpertz, woran malen Sie gerade?

Markus Lüpertz: Das mag sich ulkig anhören, aber ich male im Moment Bilder. Wir haben ja eine Zeit lang versucht, die Bilder zu zerstören oder mit avantgardistischen Ideen zu belästigen. Was einem gigantischen Dilettantismus Raum geschaffen hat. Und jetzt male ich wieder Bilder, die wie Bilder aussehen, und mache Skulpturen, die wie Skulpturen aussehen.

ZEIT: Und was sieht man auf diesen Bildern?

Lüpertz: Arkadien. Für mich ist das eine Kunstwelt, in der Malerei und Bildhauerei noch vorkommen.

ZEIT: Was macht ein Genie aus?

Lüpertz: Jeder Maler braucht Genie. Du kommst an die Grenzen deiner handwerklichen Fähigkeiten, deiner Vorstellungen, und dann brauchst du etwas mehr. Du musst einen kleinen Sprung mehr machen, sonst bleibst du Mittelmaß. Und du musst an dieses Mehr glauben, sonst brauchst du gar nicht erst anzutreten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

ZEIT: Haben Sie dieses Mehr?

Lüpertz: Ob du es hast oder nicht, werden andere Jahrhunderte entscheiden. Zum Genie gehört auch das Scheitern. Jedes Bild ist unfertig, sonst brauchte ich das nächste nicht mehr zu malen. Jedes Bild, jede Skulptur hat irgendwo noch einen Makel. Sie müssen nur dafür sorgen, dass Sie auf hohem Niveau und nicht schon unten scheitern. Aber erst der Makel, das Scheitern machen die Kunst begreifbar, denn der Betrachter muss mit in die Problematik des Bildes hineingezogen werden. Der Betrachter ist ganz wichtig für die Kunst, ohne ihn gibt es sie nicht.

ZEIT: Kann man Kunst lernen?

Lüpertz: Nein, das ist ein Defekt, den man hat. Man wird als Künstler geboren, der liebe Gott sucht sich diese Leute aus. Man ist verdammt. Man hat mit dieser seltenen Ausnahmebegabung die Verpflichtung, die Kunst auch zu realisieren und nicht nachzulassen. Dazu kommt der Wettkampf mit den anderen, die auch ausgezeichnet sind. Nicht um kommerzielle Erfolge, sondern um Erfolge in der Kunst. In der Zukunft wird man nicht an dem Geld gemessen, das man verdient hat, sondern an den Bildern, die übrig bleiben. Denken Sie an den Künstler Hans Makart, der zu Lebzeiten ein Vermögen für seine Bilder bekam. Und wer kennt ihn heute?

ZEIT: Ist der Kunstmarkt ungerecht?

Lüpertz: Zu dem Kunstmarkt habe ich keine Meinung, der interessiert mich nicht.

ZEIT: Es interessiert Sie gar nicht, für wie viel Geld Ihre Bilder verkauft werden?

Lüpertz: Ich verkaufe meine Bilder, um weiter zu malen. Wer meine Bilder kauft, kauft keine Aktie, kein Wertobjekt, sondern er finanziert den Künstler, dass er weiter malt. Infolgedessen ist mir der Markt ziemlich egal. Hauptsache, es kommt genügend Geld rein, damit ich weiterarbeiten kann.

ZEIT: Zurzeit kommt genug rein?

Lüpertz: Das ist immer ein Vabanquespiel, es ist immer an der Kante. Ein Guss von einer großen Skulptur kostet ein Vermögen, dann haben Sie auch noch eine Familie. Es hat Zeiten gegeben, da hat es nicht funktioniert. Es gibt keine Sicherheit für einen Künstler. Es kann morgen auch wieder zu Ende sein. Dann müssen wir eben von vorne anfangen. Ich bin kein Künstler, der den Kunstmarkt beglückt. Und er beglückt mich auch nicht. Er ist mir egal.